Früher lebten auf Bauernhöfen in der Regel mehrere Generationen. Das Meiste von dem, was man zum Leben brauchte, wurde selbst angebaut oder hergestellt. Geld für andere Dinge musste aus Verkäufen erworben werden. Man war auf eine gute Vorratshaltung und viele helfende Hände angewiesen. Die Gesellschaft hat sich verändert. Kaum jemand kann heutzutage wirklich Selbstversorger sein - und viele wollen ihre Ansprüche auch gar nicht so weit zurückschrauben, oder haben den nötigen Bezug zur Natur verloren. Eckart Henzler stammt aus der Großstadt und wünschte sich für sich und seine Familie ein anderes Leben, als er 2007 den Erlacher Hof in dem kleinen Dorf bei Weismain kaufte. Dort bietet der Kunstpädagoge Kreativkurse an, stellt hochwertige Holzarbeiten und - spielzeuge her, deren Verkauf zum Lebensunterhalt beiträgt. Wir sprachen mit ihm über das Thema Selbstversorgung.

Herr Henzler, wieweit geht die Selbstversorgung bei Ihnen auf dem Erlacher Hof? Wo stoßen Sie an Grenzen?

Eckart Henzler: Ja, wir stoßen an unsere Grenzen bei der Selbstversorgerei. Aber ich verstehe den Begriff auch etwas weiter. Ich habe nämlich gar kein Interesse, mich selbst zu versorgen. Die Natur ist großzügig und aufs Teilen ausgelegt. Ein einziger Birnbaum wirft so viel ab, dass viele davon leben können: Wespen und Mäuse, Rehe, Würmer, Fliegen und Menschen. Auch die Blätter werden einer Unzahl an Tieren zum Fraß angeboten. Da wäre es doch selbstsüchtig, nur eben sich selbst zu versorgen. Mit der Natur gehen heißt darum teilen, Überschüsse teilen und tauschen. Selbstversorgung bedeutet für mich also, mit den Menschen der Umgebung zu teilen. Selbstversorgung müssen wir regional sehen: Eine Region wie Oberfranken kann großenteils Selbstversorger sein, sowohl was Lebensmittel, als auch was Handwerk und Industrie angeht. Denn Teilen macht Freude, und es tut nicht weh, Geld für ein gutes Produkt jemandem zu geben, der es mit seiner Arbeit verdient hat.

Konkret in unserem Fall: Wir haben dieses Jahr eine gute Kartoffelernte, sowohl die weißen wie auch die rot-fleischigen und lila-fleischigen werden für unsere Familie bis zum Frühling reichen. Bei vielen Früchten haben wir aber Ausfälle wegen des dritten Jahres Trockenheit und wegen der Maifröste. Darum müssen wir mit dem Teilen noch etwas warten.

Nimmt man als Selbstversorger heutzutage eine gewisse Außenseiter-Rolle ein?

Ich spüre nichts von Außenseiterrolle oder habe mich daran gewöhnt. Die Kinder aber sind sehr vorsichtig, um nicht in eine Ecke geschoben zu werden.

Auf was verzichten Sie ganz bewusst?

Bei dieser Frage muss ich an meine Großmutter denken. Sie hat einmal gesagt: "An den Schaufenstern vorbeizugehen ist mir eine große Freude. Ich merke dann, wie viele Dinge es gibt, die ich überhaupt nicht brauche." Es ist das Gefühl der Freiheit, das da Freude bereitet. Natürlich: Etwas Neues zu kaufen macht Spaß. Aber erstens macht es überhaupt keinen Spaß, wenn ich weiß, dass Menschen und die Natur unter der Herstellung leiden und wenn ich weiß, dass die Falschen an meinem Geld verdienen, und zweitens bringt es umso mehr Freude, wenn ich seltener etwas Neues kaufe. Außerdem: Auch Reparieren macht Freude. Der Verzicht soll also bei mir zu einem Mehr an Freude führen.

Was bedeutet für Sie Genuss?

Ich bin so gestrickt, dass ich im Frühjahr gar nicht anders kann, als zu säen. Das Wachsen dann zu beobachten und zu begleiten macht mir Freude, ich zupfe sogar gerne das Beikraut entlang der Reihen mit winzigen Karottenkeimlingen. In meinem Garten - wie auch sonst in meinem Leben - herrscht das Prinzip Laissez-faire. Überall dürfen Pflanzen wachsen, ob Wildblumen oder Gartenpflanzen, die dort selbst gekeimt sind. Das macht das Gärtnern überraschend und abwechslungsreich und den Garten bunt. Das gilt auch für Disteln und Brennnesseln. Ich und auch die kleinen Tiere, wir freuen uns daran. So schießen in den Wiesen unerwartet riesige Königskerzen in die Höhe, es gibt Flecken mit Akeleien, Veilchen oder Günsel... Schönheit ist Lebensqualität. Ein kurzer Weg in den Garten statt einer Fahrt in den Supermarkt. Ich gehe lieber zum Bauern, um mir Milch zu holen, oder zum Schuster, wenn es etwas zu flicken gibt. Dort ist Begegnung möglich. Im Supermarkt begegnet man sich nicht wirklich, Gespräche mit Kassierern sind unüblich. Ich versuche, so selten wie möglich da hineinzugehen und - hurra - ich muss es auch immer seltener.

Wie organisieren Sie die Arbeit?

Gut, werden wir praktisch: Sehr hilft mir bei der Verarbeitung der Ernte unsere Sommerküche. Da müssen keine erdigen Zwiebeln und Karotten ins Haus getragen werden. Verarbeitung, auch Marmelade-Einkochen, Krautsäuern und Brotbacken finden hier statt. Nicht jeder hat eine Gartenküche, aber auch eine improvisierte hilft: ein Tisch, ein Wassereimer, ein Schneidbrett, eine Wurzelbürste, dass man nicht unnötig Schmutz und Abfälle in die Küche bringt. Besonders Regentonnen sind in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. Weitere günstige Voraussetzungen für einen Selbstversorgergarten sind ein Brunnen, Erdkeller, Gewächshaus, Bienen für eine gute Bestäubung und natürlich der Komposthaufen.

Helfen die Kinder mit?

Die Kinder haben bei uns ihre eigenen Beete. Schon das gemeinsame Aussuchen der Sämereien in Katalogen zur Winterzeit bereitet uns auf die Pflanzsaison vor. Auch bestimmte Bäume und Sträucher haben die Kinder in ihre Pflege genommen, wobei ich auf besondere Sorten wie Maulbeere, Khaki, Pfirsich, Kiwi, Indianerbanane oder Feige Wert lege. Im Sommer vernachlässigen die Kinder ihre Beete. Das Ernten ist dann ein spannendes Suchen in der Wildnis. Es gibt keinerlei Zwang für die Kinder, im Garten mitzuarbeiten. Manche Arbeiten, wie zum Beispiel Marmelade-Einkochen, machen sie aber immer noch sehr gerne. Es könnte auch daran liegen, dass es sonst nicht so viel Süßes gibt.

Haben Sie einen Tipp für Leute, die ihr Konsumverhalten verändern möchten, wo sie da anfangen könnten?

Wir brauchen keinen in Plastikfolie eingeschweißten Eissalat im Winter zu kaufen, der in beheizten Gewächshäusern auf Düngerlösung unter Kunstlicht gewachsen, in gekühlten Lastwagen von irgendwoher transportiert und dann unter Umständen im Supermarkt welk geworden und weggeworfen... Säen Sie im August Wintersalate, Petersilie, Feldsalat, Kerbel, Winterkresse und viele andere! Mit etwas Glück können Sie dann den ganzen Winter über ernten, beispielsweise auch in einem Kaltgewächshaus. Die Fragen stellte Ramona Popp.