Auf diesem alten Familienbild aus dem Jahr 1967 bin ich etwa ein Jahr alt, stehe neben meinem Onkel, im Hintergrund ist sein Porsche zu sehen. Er dürfte ihn damals erst kurze Zeit besessen haben. Mann, Junge, Auto - eigentlich ein Motiv, wie es oft in Fotoalben zu sehen ist. Und doch steht das Bild für ein besonderes Kapitel in meinen Erinnerungen: Mein Onkel besitzt den kleinen roten Porsche heute noch und die Geschichte dazu ist ungewöhnlich.

Wenn man klein ist, erscheinen einem Dinge größer, als sie sind. Der schwarze Ledersitz in dem roten Porsche 356 SC Cabrio etwa, auf dem ich saß, wenn ich als kleiner Junge mitfahren durfte. Selber einmal am Steuer sitzen? Daran habe ich nie gedacht.

Unerwartete Gelegenheit

Doch eines Tages war es so weit. Das geschah unerwartet: Ich mag meine Schwester. Sie hat eine feine Art, Familienfeste auszurichten. Es erinnert oft etwas an südländische Tafeln auf dem Land, wie man sie in der Werbung sieht. Und das, obwohl wir im Norden in einer nicht sehr großen Stadt aufwuchsen. Wir da oben gelten ja eher als etwas zurückhaltend. Es war in einer Altbauwohnung, im ersten Stock, im Jahr 2007. Der große Sohn meiner Schwester beging seine Konfirmation.

Die kirchliche Feier war vorbei, die Sonne schien, die Stimmung war gelöst. Ich saß neben meinem Onkel. Er ist ein groß gewachsener, ruhiger Mann. Auch an diesem Tag hatte er, seiner Art entsprechend, nicht sehr viel geredet. Und wenn, dann waren es oft kurze Bemerkungen in seinem trockenen Humor. Plötzlich drehte er sich zu mir und sagte leise: "Übrigens, der Porsche ist fertig."

Ich stutzte. Als ich 15 war, 1981, hatte er ihn, hart gezeichnet vom Alltagseinsatz, stillgelegt. Natürlich sagte ich ja, als er fragte, ob ich den Wagen sehen wollte. Wir verabschiedeten uns leise von der Feier, um die Runde nicht zu stören - unter den wenig begeistert wirkenden Blicken meiner Mutter und meiner Schwester. Das Haus, in dem er lebt, war nicht weit entfernt - keine fünf Kilometer. Wir parkten vor dem Haus und gingen Richtung Garage.

Kurz vor dem Tor blieb mein Onkel stehen, drehte seinen Kopf zu mir und meinte: "Die haben gedacht, der alte Onkel Jürgen bekommt den Wagen nicht wieder zusammen." Dann lachte er leise. Er öffnete die Garage. Innen stand glänzend der kleine Porsche.

"Möchtest du eine Runde am Steuer fahren?" Ich stutzte kurz und musste überlegen, ob ich mich nicht verhört hatte. Denn das war ja nicht irgendein Auto. Mein Onkel hatte den Wagen gekauft, als ich ein erst paar Monate alt war - 1967. Es war einer der letzten 356, die Porsche gebaut hat. Im April 1965 lief er vom Band. Der erste Besitzer hatte ihn nicht sehr lange, dann kam er zu einem VW-Großhändler, bei dem ihn mein Onkel über eine Anzeige fand.

Ein Auto für alle Fälle

Meinen Onkel kostete es schon Entbehrung, sich so einen Wagen zu leisten. Und Geld für einen zweiten Alltagswagen war natürlich auch nicht da. Also musste der Porsche 356 ein Auto sein, das einen überall hinfährt. Im Sommer wie im Winter. Die Fahrten führten ihn mit der Familie quer durch halb Europa.

Als zwei Töchter da waren, kam ein VW Käfer für die Tante hinzu. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der Wagen schon sehr gelitten. Er fuhr inzwischen mit einem Austauschmotor, Rost an Unterboden und Schwellern hatte schon einige Schweißarbeiten nötig gemacht. Die vielen Blasen im Lack kündeten davon, dass größere Arbeiten auf meinen Onkel zukommen würden.

Verkaufen? Nein. 1981 war der 356 noch ein gutes Stück davon entfernt, ein hochpreisiger Oldtimer zu sein. Der rote Porsche bekam einen Ruheplatz in der Garage neben dem Haus. Immer wieder ging mein Onkel zum Cabrio, drehte den Motor, damit er nicht fest ging, schaute nach dem Verdeck und dass es dem Auto so weit sonst gutging. Doch seine Arbeit als Ingenieur auf teils fernen Baustellen nahm ihn zeitlich stark in Anspruch und er verschliss einige Mercedes Diesel auf seinen Fahrten zur Arbeit. Der Porsche musste warten. So vergingen 20 Jahre.

Kleine Garage als Werkstatt

Als der Ruhestand kam, konnte mein Onkel das Projekt 2001 beginnen. Er hatte sich tatsächlich vorgenommen, in der kleinen Garage seinen Wagen wieder in Form zu bringen. Immer wenn ich in den Norden fuhr, besuchte ich ihn. Dann standen wir vor dem immer weiter zerlegten Wagen und er erklärte mir seine Arbeit. Nur wenig blieb unangetastet, er zerlegte am Ende den Wagen fast komplett, rettete aber so viel Substanz wie möglich. Auch den Originallack im Innenraum, die Teppiche - und die schwarzen Ledersitze.

Mit Mut und Geduld

Ich wusste nicht, was ich mehr bewundern sollte: Den Mut meines Onkels, diese Restaurierung anzugehen, oder seine Geduld. Er wirkte immer gelassen, obwohl sich das Vorhaben - wenig überraschend - auswuchs. Über sechs Jahre lang lief die Restauration - und es war das erste Auto überhaupt, das mein Onkel in Form brachte - das als engagierter Autodidakt. Er gab mir dabei viele Einführungen in die Restaurationspraxis.

Bis die Arbeit fertig war, war er 71 Jahre alt geworden. Wieder zugelassen hat er ihn genau 40 Jahre nach dem Tag, als er ihn übernahm. Ihm war das gar nicht aufgefallen, die Dame in der Zulassungsstelle machte ihn darauf aufmerksam.

Nach 27 Jahren saß ich also wieder in seinem Porsche 356. Die Ledersitze kamen mir nicht mehr so groß vor. Eigentlich fiel mir erst jetzt auf, was für ein kleiner Wagen das Cabrio ist. Mein Onkel öffnete das Dach und wir starteten zu einer Ausfahrt. Als er den Motor warm gefahren hatte, tauschten wir die Plätze und ich durfte hinter das Lenkrad. Der Motor wirkte lebendig und drehte mit bissigem Boxer-Bellen hoch, hing gut am Gas und war erstaunlich kräftig. Wie musste das auf meinen Onkel gewirkt haben, als er den Wagen vor 40 Jahren gekauft hatte? Ein Foto haben wir von der Ausfahrt leider nicht gemacht. Da gingen uns andere Dinge durch den Kopf. Mein Onkel bewegt den 356 noch heute noch regelmäßig, ist auch mit 84 Jahren unterwegs auf Oldtimerausfahrten und -Märkten. Oder kommt einfach damit bei meiner Mutter vorbei zum Kaffeetrinken. Es ist für ihn immer noch ein Auto für den Alltag geblieben, eines zum Fahren. Das hat sich nie geändert.