Kann die Realität spannender sein als das virtuelle Erlebnis am Computer? Sicher, eine Diskussion in einem sozialen Netzwerk kann nicht durch eine Exkursion auf den Staffelberg ersetzt werden - aber ergänzt. Beides lässt sich miteinander in Einklang bringen, wenn Interesse vorhanden ist und die richtigen Leute dabei sind. Wie kann es gelingen, Jugendlichen Lust darauf Orte zu machen, an denen Geschichte erlebbar ist? Wie bringt man sie dazu, eine Kirche, eine Burg oder ein keltisches Oppidum zu besuchen? Und ist es möglich, junge Menschen vom Computer wegzulocken, hin zum Lokaltermin draußen in der Realität? Über diese Fragen sprachen wir mit Bezirksheimatpfleger Günter Dippold, zugleich Vorsitzender des großen fränkischen Geschichtsvereins Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW).

Das Wort als bestes Medium

Es gehe nicht darum, ein Medium gegen das andere
auszuspielen, sagt der Professor. "Ich bin alles andere als ein Verteufler von modernen Medien, aber sie ergänzen, sie ersetzen nicht", fährt er fort, "das beste Medium ist das gesprochene Wort". Im Jahresprogramm des CHW kämen wohl deshalb die Exkursionen sehr gut an.
"In der Volksschule wurde ich interessiert für Geschichte", blickt der 52-Jährige auf sein Leben zurück, "das war kein aktiver Akt". Das Interesse an Geschichte erwachte bei ihm erst nach der Pubertät wieder.

Einst ein Zirkel von Eingeweihten

Mit Schaudern erinnere er sich an die erste Begegnung mit dem damaligen CHW: "Das war die Hölle." In einer oberen Gymnasialklasse hatte er sich in eine der damals normalen Frontalveranstaltungen gewagt: "Die unterhielten sich über Dinge und Zusammenhänge, die ich nicht kannte", sagt er. Außerdem behandelten die Bildungsbürger ihn, den den Gymnasiasten, herablassend und als grünen Jungen. Intuitiv wusste er damals, was er nicht mehr wollte: Solche Veranstaltungen besuchen.
1979, mit knapp 18 Jahren trat er dennoch dem CHW bei - "das war damals ein Honoratiorenverein, da waren viele Lehrer drin, oft sogar die, die ich selber gehabt hab'". Auf Vermittlung sei zu dieser Zeit wenig Wert gelegt worden. Die Veranstaltungen fanden hinter geschlossenen Türen statt, aber kaum einmal draußen, am Ort des historischen Geschehens.
"Wir machen heute mehr vor Ort, gehen in kleinere Orte, wir gehen raus zu den historischen Schauplätzen", sagt er. Dabei werde nicht das Niveau verraten, um möglichst viele einzubinden. Vielmehr gehe es um die soziale Komponente: Herumlaufen und plaudern, die ortskundigen Bürger einbeziehen. "Laien, die sich in eine Materie hineingefuchst haben, bringen den Fachmann manchmal zum Staunen", sagt er. Mit diesen Leuten könne man arbeiten. Unter dieser Konstellatuion entstehe die ideale Ortsgeschichte: "Ein paar Alteingesessene setzen sich mit ein paar Fachleuten hin und nehmen sich Zeit."

Zusammenhänge aufzeigen

Natürlich könne man vieles googeln, doch in die Tiefe dringe man dabei nicht besonders vor. Natürlich recherchiere auch er, wenn's schnell gehen muss, die Fakten aus purer Bequemlichkeit übers Internet "Den Vorteil, den wir gegenüber Wikipedia haben", fährt er fort, "das sind die Zusammenhänge, die größeren Kontexte". Genau hier liege die Chance eines Geschichtsvereins wie des CHW: "Die Interessierten haben ihr Gerüst, ihre Vorstellungen, die sie herunterbrechen auf die regionale Ebene: Richtig eindringlich wird's erst, wenn ich's seh'."

Das Interesse nimmt wieder zu

"Geschichte ist nicht die Summe des Geschehenen, sondern die Bilder, die wir vom Geschehenen zeichnen", sagt Günter Dippold. Junge Leute müssten raus, die Welt kennenlernen, so wie es einst gewesen ist, als Handwerker als Gesellen von einem zum anderen Betrieb wanderten - damit Innovationen reinkommen. "Erst wenn die Leute eine eigene Geschichte haben, im Beruf etabliert sind, wenn die Partnerschaft stimmt und Wohneigentum geschaffen ist, in den 30er- und 40er-Lebensjahren, nimmt das Interesse an der Geschichte wieder zu." In diesem Lebensalter lassen sich die Menschen auch wieder besser zusammenbringen, die gemeinsame Geschichte interessiere sie wieder mehr, der soziale Kitt entwickle seine Bindekraft.
Die Menschen zu verbinden, funktioniere beim CHW heute besser als vor 30 Jahren, denn der Verein sei "breiter aufgestellt, was die Themenwahl anbelangt - und wir sind lockerer im Umgang geworden." Veranstaltungen im Freien hätten nunmal etwas Unverbindliches: "Keine Anmeldung, kein Eintritt, und man kann sich unauffällig verdünnisieren, wenn's den Erwartungen doch nicht entspricht."





Programm Das CHW-Programm fürs zweite Halbjahr 2013 und fürs erste Halbjahr 2014 steht übrigens auf der Webseite www.chw-franken.de im Internet.

Exkursion Die nächste Feierabendführung findet am Donnerstag, 27. Juni, statt. Unter dem Motto "Die Motten in Prächting und Kutzenberg" führt Robert Schäfer zu den beiden dortigen Turmhügeln, auf denen einst kleine Burgen (Motten) standen. Treffpunkt ist um 19 Uhr an der Hankirche bei Prächting.