Am Abend kann der Steg in den See ein romantischer Ort sein, tagsüber könnte man dort hocken und die Beine baumeln lassen. Zurzeit dürfen es allerdings nur die Enten auf den Brettern schön finden, denn ein Bauzaun sperrt den Zugang ab. Ein irritierendes Bild in einer idyllischen Landschaft. Dabei ist der Bootsanleger genauso gepflegt wie das gesamte Areal. Die Absperrung durch die Stadt Lichtenfels besteht seit Anfang Juli und geht auf ein schon 2017 gefälltes Urteil des Bundesgerichtshof (BGH) zurück. Demnach können Kommunen in Haftung genommen werden, wenn sich jemand an "künstlich aufgestellten Einrichtungen" an einem Naturgewässer verletzt. Rutschen, Sprungtürme, Badeinseln oder eben Stege müssten entweder abgebaut werden, oder es müsste eine Überwachung durch Bademeister gewährleistet sein. Das aber können und wollen viele Städte und Gemeinden nicht leisten. Diskussionen kamen auf, die Rechtslage wurde geprüft, ein ganzes Jahr lang. Bis man sich Anfang der Badesaison 2019 zum Reagieren veranlasst sah.

Schild wurde nicht beachtet

Bei der Stadtverwaltung Lichtenfels sah das zunächst so aus, dass ein Schild aufgestellt wurde. Es verbietet das Springen vom Steg, weist darauf hin, dass man diesen auf eigene Gefahr betreten würde und warnt vor der Rutschgefahr. Das Schild ist nicht zu übersehen und steht immer noch da. Nachdem aber festgestellt wurde, dass es vielfach ignoriert wurde, entschied man sich dafür, diesen Bereich mittels Bauzaun abzuriegeln. "Damit kommt die Stadt Lichtenfels ihrer Verkehrssicherungspflicht der Badestelle nach", hieß es in der anschließenden öffentlichen Erklärung. Das Ergebnis gefällt niemandem. In der Stadtverwaltung weiß man das, obwohl es bislang keine direkten Reaktionen gegeben habe, wie Sebastian Müller vom Bürgermeisteramt auf Nachfrage wissen lässt. "Auch auf unserer Facebook-Seite hat sich niemand geäußert." Er habe aber in den sozialen Netzwerken entsprechende Beiträge verfolgen können und sei zudem von Bekannten angesprochen worden. Die Leute fragten sich, ob es nicht ausreiche, ein Schild aufzustellen, ob man das Ganze auch noch absperren müsse. Sie störten sich am Anblick und setzten auf Vernunft und Eigenverantwortung.

Ist die Entscheidung für die Absperrung noch diskutabel? Müller sagt Ja. "Es ist nicht unser Ansinnen, am Badesee auf Dauer einen Bauzaun stehen zu haben." Der See gilt als ein Highlight im Freizeitbereich. Mitarbeiter des Bauhofs mähen regelmäßig den Rasen, leeren die Mülltonnen aus.

Hoffnung auf den Städtetag

Man hoffe, dass eine Möglichkeit gefunden wird, um für Kommunen Rechtssicherheit herzustellen, betont der Sprecher der Stadt. Hierbei setze man in Lichtenfels auf Gremien wie Städtetag und Gemeindetag, deren Vertreter mit Juristen in Gesprächen stehen. Es sollte eine vernünftige Regelung geben, ähnlich wie für Kinderspielplätze, wo die Stadt zunächst für eine Sicherheitsprüfung zu sorgen habe, dann aber auch die Eltern in der Haftung stehen.

Wenn schon die vorausgegangenen juristischen Beratungen so lange gedauert haben, wird es wohl kaum jetzt sehr schnell gehen. Sebastian Müller macht keine Hoffnung darauf, dass der Bauzeit alsbald entfernt wird: "In dieser Badesaison wird das so bleiben."

Hintergrund

Die Unsicherheit bei Städten und Gemeinden mit Badeseen geht auf ein BGH-Urteil aus dem Jahr 2017 zurück. Ein Mädchen hatte sich im Seil einer Boje verfangen und war minutenlang unter Wasser, bis die Badeaufsicht es entdeckte. Es ist seitdem schwer behindert.

Den Steg zu entfernen wäre eine Option. Damit wäre die Stadt aus der Verantwortung, weil dann das Ufer naturbelassen, ohne eine geschaffene Anlage, wäre. Da kein Eintritt verlangt wird, muss auch keine Aufsicht vor Ort sein. Dann wäre die Situation vergleichbar mit dem Rudufersee der Gemeinde Michelau. Wie in Oberwallenstadt wird auch dort nur zu bestimmten Zeiten ein Wachdienst durch die Wasserwacht geleistet - ehrenamtlich. Andererseits befindet sich der Steg schon seit Jahrzehnten am Ortswiesensee (so der korrekte Name des Gewässers) . Ihn wegzumachen ist laut Sebastian Müller derzeit nicht angedacht: "Das wollen wir eigentlich nicht."