Gute Gesellschaft lässt sich buchen. Seit dem 12. Mai über das Internet, unkompliziert und vertrauenswürdig, wie Rolf Hollering versichert. Seine Initiative will auch in Lichtenfels Alterseinsamkeit entgegentreten und ging schon durch Testläufe.
Wer Rolf Hollering begegnet, wird sich an ihn erinnern. Der Mann ist freundlich, gebildet und mit einem köstlichen Sinn für Humor ausgestattet. "Herrschaften", sagt er in vertrauter Runde der Absicht vorschaltend, das Wort zu ergreifen. Dabei landet dieses Wort in einem Tonfall irgendwo zwischen Schullandheim und Offizierskasino. Mit eineinhalb Jahren kam Hollering nach Lichtenfels, wo er auch das Abitur ablegte. Es folgte ein Philosophiestudium, politische Wissenschaften, Aufenthalte in Paris und Abschluss in London. Heute ist er in Frankfurt a. M.
für Bosch tätig und besucht seine Heimatstadt immer wieder.
Doch die Idee zu einer Internetplattform für gute Gesellschaft und gegen die Einsamkeit des Alters, kam ihm 2007, als er in den Niederlanden arbeitete, seine Großmutter besuchte und Zeit mit ihr verlebte. Und selbst diese Geschichte hat noch eine flankierende Vorgeschichte.


Kontakte zu Kriegsveteran

Sie beginnt 1944. In diesem Jahr macht sich ein englischer Soldat auf, gemeinsam mit anderen das niederländische Dorf von Hollerings Großeltern zu befreien. Von diesem Zeitpunkt an war noch 35 Jahre lang nicht an Rolf Hollering zu denken. Weil der Kriegsveteran Verbindung nach den Niederlanden hielt, begegneten er und Hollering 1996 einander und pflegen seitdem eine Freundschaft. Heute ist der Soldat von einst 92 Jahre alt und zweimal im Jahr finden sich die beiden Männer. 56 Jahre Altersunterschied und gerade darum für beide wertvoll empfundene Zeit. "Jedes Mal ein Erweckungserlebnis", wie der Lichtenfelser es nennt.
Erst 2009 habe sich seine Idee, alten Menschen eine angenehme Gesellschaft zu ermöglichen, "verfestigt". "Die familiären Strukturen gehen verloren, verschieben sich. Familien wohnen heute oft nicht mehr am selben Ort, Freunde sterben weg und ältere Menschen sind dann nicht selten einsam." Er selbst habe in Frankfurt am Main eine an Kunst interessierte hochbetagte Dame allwöchentlich in Museen begleitet - 14 Monate lang. Irgendwann starb die Dame, aber an ihre Reaktionen auf seine Besuche erinnert er sich lebhaft: "Sie blühte auf und freute sich auf schöne Nachmittage. Das war Lebensqualität für sie." 2012/13 vertiefte sich Hollering in seine Idee. Ein halbes Jahr lang besuchte er in Coburg ein Seminar von Auwi Stübbe für Selbständige in der Region.
"In guter Gesellschaft" heißt die Web-Seite (www.in-guter-gesellschaft.de), ihr Impressum weist sie als Lichtenfelser Idee aus und sie spricht von Menschlichkeit und auch von Kosten. Es geht um Geld. Gesellschafter sollen gebucht werden, wer Gesellschaft wünscht, soll dafür auch etwas bezahlen. Dass dies ehrenrührig sein könnte, findet Hollering nicht. "So weit hat sich keiner geäußert. Ich habe eine klare Haltung dazu: Es wird sehr viel Geld für sehr viel Schrott ausgegeben. Ich verfolge auch ein politisches Ziel, nämlich dafür zu sensibilisieren, dass Lebensqualität Wert besitzt."


100 Stunden Langeweile

Einen Umkehrschluss in Form einer Hochrechnung kann er liefern: Ein einsamer alter Mensch, der körperlich nicht mehr fit und selbständig ist, hat ein Wochenaufkommen an 100 Stunden Langeweile. Keine Fahrten ins Grüne, keine Unterhaltungen in Restaurants, keine Konzertbesuche, kein Kino, kein Spiele abend. 22 Euro kostet eine Stunde gute Gesellschaft in Lichtenfels, aufzubringen vom "Auftraggeber, vom Begesellschafteten". In Frankfurt iegt der Satz etwas höher, er ist "nach dem jeweiligen örtlichen Kaufkraftniveau gestaffelt, entnommen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)", erklärt Hollering das Ausgeklügelte der Idee. Doch ausgeklügelt geht es bei dem Projekt, das in Lichtenfels, Bamberg, Coburg und Frankfurt startet, aber bundesweit ausgelegt werden soll, weiter. Fünf Euro kostet ein Jahresbeitrag für das Portal, das ist niedrig. "Der Gewinn steht nicht im Mittelpunkt", bekräftigt der 36-Jährige. Aber Kosten seien gerechtfertigt, denn "In guter Gesellschaft" sei ein "Vertrauensthema, das nicht so leichtfüßig wie Facebook" daherkomme.
Jeder gute Gesellschafter wird geprüft, auf Ernsthaftigkeit, Absicht und Führungszeugnis. Hobbys, Interessen und Neigungen werden erfasst, denn schließlich sollen sich auch Gleichgesinnte finden. Eine Idee, die durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien aus einem Fördertopf Unterstützung erhielt.


Geeignete Gesellschafter gesucht

Schwierigkeiten bei der Umsetzung? "Das würde ich sogar verneinen", erklärt der Lichtenfelser Frankfurter. "Die größte Schwierigkeit ist jetzt der Anschub." Es gilt nun zuallererst Menschen zu finden, die sich als Gesellschafterinnen und Gesellschafter anmelden möchten.
Optimismus bezieht Rolf Hollering aus den Reaktionen seines Umfelds. Dort hätten "alle Leute sehr positiv reagiert".