Familie Hassanov war lange Zeit in Deutschland nur geduldet. Trotzdem integrierte sich die Familie vorbildlich, wie das nähere Umfeld bestätigt. Besonders die beiden Söhne Tito und Romo fanden ihren Platz in Lichtenfelser Sportvereinen, lernten deutsch und hatten sogar Ausbildungsstellen. Jetzt sitzt die Familie in der Bamberger Abschiebeunterkunft und muss wohl zurück nach Armenien. Der Grund? Familie Hassanov heißt eigentlich Mamoyan, ihre Identitäten waren falsch. Eine Straftat und das Ende der Duldung.

"Er war mit seinem Bruder plötzlich einfach da", erinnert sich Heiko Konrad, Trainer der zweiten Mannschaft des 1. FC Lichtenfels. Die Jungs hätten Anschluss gesucht und beim Fußballtraining mitmachen wollen. "Für uns war das gar kein Problem", sagt Konrad. Das ist nun schon Jahre her. Tito durchlief die Jugendmannschaften des Vereins und landete im Herrenbereich in Konrads Team. Seinen Bruder zog es zum Ringen beim AC Lichtenfels.


Verein gibt nicht auf

Jetzt, da Tito zurück nach Armenien soll, will der 1. FC Lichtenfels das nicht hinnehmen. Man wendete sich an Politiker und die Öffentlichkeit, bat um Verständnis für die Lebenslüge, für die sich die Familie bei ihrer Einreise entschied. Wie es damals dazu kam? Das ist nicht ganz klar. Möglicherweise hatte eine vorherige Einreise nach Deutschland mit richtigen Angaben zur Ausweisung geführt. "Diese Sache hat die Familie all die Jahre bedrückt. Sie schämen sich wahnsinnig", erklärt Heiko Konrad. Letztendlich habe die Familie sich deshalb selbst angezeigt, damals falsche Namen und falsche Geburtsdaten bei den Kindern angeben zu haben - wohl in der Hoffnung, mit jüngeren Kindern größere Chance auf Asyl zu haben. Tito, der eigentlich Tital Mamoyan heißt, ist eigentlich zwei Jahre älter, als offiziell angegeben.

Die Angaben verschafften der Familie über acht Jahre Duldung, also eine Aufschiebung der Ausweisung. Doch nun stehen sie vor einem Strafverfahren und der Abschiebung. Hoffnung, jetzt dennoch bleiben zu dürfen, besteht kaum noch: "Sie wissen, dass es eine Straftat ist und sind sich der Konsequenzen bewusst. Sie hoffen noch, aber wissen auch: Sie müssen akzeptieren, was passiert", so Heiko Konrad. Der offene Brief des FC ist deshalb eher auf eine andere Bitte ausgerichtet: Die beiden Jungs sollen ihre Ausbildungen noch beenden dürfen. Tito stand kurz vor dem Abschluss seiner Lehre als Kfz-Mechatroniker beim Lichtenfelser Autohaus Gelder und Sorg. Eine Qualifikation, die auch in Armenien ungemein wertvoll sein könnte.


"Unwahrscheinlich schade"

Im Autohaus bedauert man sein Fehlen sehr: "Das ist unwahrscheinlich schade, weil er sich sehr gut integriert und entwickelt hat", sagt Serviceleiter Heiko Dotterweich. "Was die Zuverlässigkeit angeht, war er auch super", fügt Werkstattleiter Thomas Schütz hinzu. "Er war einer der Besten aus dem Jahrgang, hat voll seine Leistung gebracht und selbstständig gearbeitet." Obwohl Tito anfangs kein Deutsch verstand, hatte man ihm eine Chance gegeben - trotz Duldungsstatus. "Wir haben gesagt, wir gehen dieses Risiko ein", so Heiko Dotterweich. Am 23. August - kurz nach der Selbstanzeige, über die er seinen Arbeitgeber auch informierte - musste Tito nach einem Anruf fast fluchtartig seinen Arbeitsplatz verlassen, ohne sich wirklich verabschieden zu können. "Wir waren vor den Kopf gestoßen. Das war schon eine Nacht-und-Nebel-Aktion", erinnert sich Dotterweich.

Die Tür steht für Tito aber offen, sollte er länger bleiben dürfen: "Selbstverständlich, jederzeit. Es muss nur zeitnah passieren, damit er nicht zu viel verpasst", sagt Heiko Dotterweich. Im Februar hätte die Abschlussprüfung stattgefunden.


Politik will helfen

Unterstützung kommt auch aus der Politik, zum Beispiel von Landrat Christian Meißner (CSU). Laut Landratsamt hat er sich an die Regierung Oberfranken gewendet, die in Titos Fall zuständig ist. Tito und Romo sollen ihre Ausbildungen beenden dürfen, bevor es zurück in die Heimat geht. Mehr liege aber nicht in seiner Macht.

Ähnliches ist auch vom Lichtenfelser Bürgermeister Andreas Hügerich (SPD) zu hören. "Es ist so, dass dieser Fall natürlich meine Kompetenzen als Bürgermeister übersteigt. Aber als Politiker möchte ich schon schauen, was man bewirken kann." Deshalb hat er die Zentrale Ausländerbehörde in Bayreuth und auch den Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer kontaktiert. In einem Anschreiben bittet er ihn darum, zu prüfen, ob eine Verzögerung der Abschiebung möglich wäre. Oder gar ein Bleiberecht aufgrund der sehr guten Integration. Doch auch Hügerich weiß: "Es ist eine verzwickte Sache."

Armenien gilt als sicherer Herkunftsstaat. Das sieht Trainer Heiko Konrad anders: "Nach unseren Recherchen sterben dort 60 bis 80 Menschen täglich durch Kriegshandlungen. Die beiden Jungs haben große Angst, dort direkt vom Militär eingezogen zu werden und dann mit einer Waffe am Wachposten zu stehen und sie vielleicht auf Menschen richten zu müssen."