Es war ein Tauchgang zu einer Frage: Wo ist Georg? Seine Ur-Enkelin stellte sie sich. Sie kann das, ist Kulturwissenschaftlerin und vielleicht kam sie Georg auf die Spur. Im Vortrag "Gedanken sortieren - Ein Postkartenalbum, ein Unnersdorfer Bauer und der Erste Weltkrieg" kam sie ihm zumindest nahe und brachte ihn nahe.


Die Kis (Kultur Initiative Staffelstein) rief, und die Alte Darre füllte sich am Freitagabend. Es kamen sogar Menschen, die jenen Georg Zahn aus Unnersdorf noch persönlich kannten. Der Frontsoldat im Ersten Weltkrieg und spätere Kriegsgefangene hinterließ ein Postkartenalbum, das seiner Ur-Enkelin erst Rätsel aufgab, sie dann aufwühlen sollte.

Schon mit dem Fund verhalte es sich wie bei einem "Traum eines jeden Wissenschaftlers", so Stadtarchivarin Adelheid Waschka in ihrer Vorstellung der Referentin Susanne Zahn.
So doppelbödig der Fundort, ein alter Bauernschrank, so doppelbödig auch das Postkartenalbum. Anscheinend zusammenhanglos benachbarte Karten finden sich auf denselben Seiten.

Die Urenkelin beschlich bald ein Verdacht: Ein Soldat sortiert die Welt, wie sie ihm gefällt, wie sie ihm gefallen muss, damit er einen Frieden finden kann - Verarbeitung. "Ich möchte ein bisschen in seinen Kopf reinkriechen", sagte die 27-jährige Ur-Enkelin und nahm ihr Publikum mit. Dabei gab sie freimütig zu, manchmal auch spekuliert zu haben, wenn es dazu diente, ein fehlendes Glied in der ansonsten wohl schlüssigen Beweiskette zu ersetzen.

Buchbinderin, Geschichts- und Kulturwissenschaftlerin : Ihr Urgroßvater wäre wohl sehr stolz auf die junge Frau. Aber ob er auch mit allen Schlussfolgerungen einverstanden wäre? Und ob er überhaupt gewollt hätte, dass man sein Album und somit ihn dechiffriert?

Susanne Zahn glaubt auch so etwas wie Scham bei Georg ausgemacht zu haben. Darüber, dass ihm die "Familiengründung gründlich vermasselt" worden sei, dass seine Biografie einen unerwünschten Bruch aufwies. Eine Albumseite, so entdeckte Susanne Zahn, ist so gestaltet, dass sie von dem Traum ihres Uropas erzählen möchte, "wie sein Leben ohne Krieg verlaufen sein könnte".

76 Karten, zu unterschiedlichen Zeiten vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg datiert, sprechen nur über ihre Motive zum Betrachter, die Texte der Rückseite bleiben irrelevant. Was die junge Forscherin noc
h stutzig machte: Einleitung, Hauptteil, Schluss - so gliedert man Aufsätze und so gliedert sich das Album.
Allerdings: Die "Erinnerungen ordentlich zurechtgestutzt" habe sich ihr Vorfahr und die militärische Niederlage sei "völlig ausgeblendet" worden. "Soldaten hatten das Bedürfnis, ihrem Erlebten Sinn zu geben, denn der Krieg war verloren und heldenhaft war er auch nicht", so ein Fazit der Referentin.

Die Sehgewohnheiten jener Zeit, die Lebensumstände, die Kommunikationskultur und vieles mehr zog Susanne Zahn 2013 bei der Ausarbeitung ihrer Bachelorarbeit in Betracht. Nach 48 Minuten Vortragszeit hatte Georgs Urenkelin alles vorgebracht. Aber wo war Georg?

Vielleicht am Ende doch bei sich, die Gründung einer Familie reichte ihm das Leben nach. Und der ältere Unnersdorfer, der sich an der anschließenden Gesprächsrunde beteiligte, schilderte den "Schorsch" als ausgeglichenen Menschen.