Zu wenig Personal, zu große Gruppen, niedriges Qualifikationsniveau: Viele Kitas in Deutschland haben großen Nachholbedarf. Dies jedenfalls ist die Kernaussage einer Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung, die bundesweit für Wirbel sorgte.

Die Kritik fußt auf dem "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme" sowie einer zeitgleich veröffentlichten qualitativen Studie der Fernuniversität in Hagen. Beide Erhebungen kommen zu dem Ergebnis, dass sowohl der Personalmangel als auch unzureichende Qualifikationen des Personals eine gute Bildungsarbeit in Krippen, Kindergärten und Horten erschweren. Auch bayerische Kitas, so heißt es, können ihren Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt umsetzen. Die bayerische Familienministerin Carolina Trautner allerdings kritisiert die Studie und spricht von "fragwürdigen Kennziffern", die der Realität nicht gerecht werden.

"Teilweise auf dem Zahnfleisch"

Ein solches Bild zeichnet sich tatsächlich auch in der Region Lichtenfels ab, wie sich im Gespräch mit vielen Einrichtungsleiterinnen zeigt. "Natürlich haben wir im Raum Lichtenfels einen Personalmangel, aber wir wollen und können unseren Bildungsauftrag erfüllen, auch wenn wir dafür teilweise auf dem Zahnfleisch gehen müssen." So bringt es Ines Mai, Leiterin des katholischen Kindergartens Seubelsdorf, auf den Punkt. Besonders wichtig sei dabei eine gewisse Flexibilität der Mitarbeiter, um Personalausfälle durch Krankheit oder Urlaub auffangen zu können. "Engpässe sind freilich immer wieder da. Diese lösen wir dadurch, dass einrichtungsintern Personal aus der Krippe im Kindergarten eingesetzt wird und umgekehrt, was aufgrund unseres guten Personalschlüssels möglich ist. Sollte es doch mal knapp werden, springen Mitarbeiter aus anderen Einrichtungen des Trägers ein", erklärt Ines Mai.

In ähnlicher Weise wird dies auch in der katholischen Kindertagesstätte St. Anna in Bad Staffelstein gehandhabt. Dort gibt es in jeder Gruppe Springer, die auch in anderen Gruppen eingesetzt werden, wenn dort jemand ausfällt. "Für die Kinder ist dieser Personalwechsel natürlich nicht so optimal und es wäre schöner, wenn man es anders auffangen könnte", betont Monique Gernert, die gemeinsam mit Sabine Kotschenreuther die Einrichtung leitet. Die in der Bertelsmann-Studie geäußerte Kritik sieht sie vor allem dann gerechtfertigt, wenn Mitarbeiter krank werden, Überstunden abfeiern, Urlaub nehmen oder auf Fortbildung sind. "Davon abgesehen wäre es natürlich grundsätzlich gut, mehr Personal zur Verfügung zu haben, da wir unserem Bildungsauftrag dann noch intensiver gerecht werden und vor allem differenzierter mit den Kindern arbeiten könnten."

Eng mit der Verfügbarkeit von Personal ist auch die Gruppengröße verbunden. Je kleiner die Gruppen, desto kindgerechter können pädagogische Aktivitäten gestaltet werden. Nach wissenschaftlichen Empfehlungen sollten die Gruppen für jüngere Kinder nicht mehr als zwölf Kinder umfassen, für die Älteren nicht mehr als 18. Laut aktueller Studie sind viele Kita-Gruppen in Bayern zu groß. Ein Blick auf den Raum Lichtenfels zeigt, dass Krippen-Gruppen in der Regel zwischen zwölf und 13 Kinder umfassen. In Kindergärten wiederum sind es aktuell zwischen 25 und 26 Kinder. Dies zu reduzieren, würde nur mit mehr Personal funktionieren, was allerdings derzeit Mangelware ist. Neben den Gruppengrößen und fehlenden Fachkräften kritisiert die Studie außerdem die Qualifikation, die in Bayern auf sehr niedrigem Niveau sei.

Doch ist dies tatsächlich ein Indikator für eine gute pädagogische Praxis? Für Corinna Hackenberg, Leiterin der BRK-Kita am Klinikum in Lichtenfels, steht fest: "Unsere Kinderpflegerinnen leisten eine tolle Arbeit und wir können uns voll auf sie verlassen." Gleichzeitig verweist sie aber auch auf den latenten Mangel an Erziehern: "Wir können nicht immer mehr Einrichtungen aus dem Boden stampfen, wenn uns die Erzieher fehlen. Diese lassen sich nur dann gewinnen, wenn der Beruf aufgewertet wird, sowohl monetär als auch von gesellschaftlicher Seite."

Angemessene Entlohnung wichtig

Wie aber lässt sich dem Fachkräftemangel begegnen? "Wir müssen es schaffen, mehr Menschen für den Beruf zu begeistern, und auch Männer mit ins Boot holen", betont Ulli Zenk, Leiterin der katholischen Kindertagesstätte St. Michael in Ebensfeld. Gleichzeitig führe kein Weg daran vorbei, die Bezahlung zu verbessern: "Der Beruf an sich ist äußerst vielfältig und würde sehr viele junge Leute interessieren, aber meist scheitert es dann am Gehalt." Als positiv bewertet sie die Möglichkeit, Hauswirtschaftskräfte einzusetzen, die das Team bei der Organisation des warmen Mittagessens sowie bei Reinigungsarbeiten in der Küche unterstützen. Dies spare enorm Zeit, da diese Tätigkeiten nicht noch neben der pädagogischen Arbeit verrichtet werden müssen. Auch zusätzliche Verwaltungskräfte stellen in vielen Einrichtungen eine hilfreiche Unterstützung für das Fachpersonal dar.

Einen ebenfalls wichtigen Aspekt spricht letztlich Christine Babucke, Leiterin der Kitas Vogelnest und Körbla in Lichtenfels, an: "Wer als Einrichtung nicht bereit ist, auszubilden, darf später auch nicht schimpfen, dass sich keine guten Mitarbeiter finden lassen." Ob sogenannte Vorpraktikanten oder Praktikanten aus der Kinderpflegeschule - in ihren Einrichtungen sei schon immer ausgebildet und damit ein wichtiger Grundstein gelegt worden, um Nachwuchskräften "den richtigen Weg zu zeigen und bestenfalls für die eigene Kita zu gewinnen".

Aktuell scheint also die Personalsituation und damit verbundene Qualität der Bildungsarbeit in Kitas am Obermain in gewisser Weise ein Drahtseiltakt für die Einrichtungen zu sein. Solange das Personal vollumfänglich im Einsatz ist, lässt sich gute Arbeit leisten. Bei Urlaub oder Krankheit von Kollegen kommen einige Kitas bereits ins Schwitzen, während unerwartete oder gar langfristige Ausfälle sehr schwer abzufedern sind. Gerade in Zeiten von Corona gewinnt jedenfalls ein Plus an Fachkräften umso mehr an Bedeutung.