Wir treffen Gerd Weickert bei seinem wöchentlichen Sprechtag im evangelischen Gemeindehaus in Redwitz. Einer der Asylbewerber, die im Ort leben, wartet im Flur. Es geht oft um ganz alltägliche Anliegen - um Sprachkurse, den Wunsch nach Arbeit, Ärger mit einem Mitbewohner oder um eine kaputte Klospülung. Der Sozialpädagoge, der für die Migrationsberatung des Diakonischen Werkes Kronach/Ludwigsstadt-Michelau tätig ist, kennt die Rahmenbedingungen, weiß, an wen er sich wenden muss, und vermittelt. Es ist so vorgesehen, dass er den größten Teil seiner Zeit den Menschen widmet, die bereits ein Bleiberecht haben. Das Thema Integration steht im Vordergrund. Ob der Prozess hin zu einem friedvollen, von gegenseitiger Achtung getragenem Miteinander unterschiedlicher Kulturen gelingen wird, werde an jedem Einzelnen von uns liegen, glaubt Weickert. Deshalb sucht er auch das Gespräch mit der einheimischen Bevölkerung.
Das gelingt ihm, wie er schildert, allerdings bislang nur mit Leuten, die schon für sich beschlossen haben, sich in diese Zukunftsaufgabe einbringen zu wollen.


Eigeninitiative erwünscht

Mit der Ehrenamtlichenarbeit sei es aber nicht getan. Jeder sollte sich Gedanken machen, wie er mit diesen neuen Nachbarn umgehe. "Die große Mehrheit sagt: Ist mir doch egal, so lange sie mir nichts tun. Was nicht optimal ist. Ignoriert zu werden, ist für die Menschen, die da sind, fast das Schlimmste." Durch dieses Ignorieren bestehe die große Gefahr, dass die Gruppen unter sich bleiben, wie es bei Gastarbeitern der 60er und 70er Jahre der Fall war, und sich eine Parallelgesellschaft entwickelt. Immerhin habe sich im Bewusstsein hier seither schon etwas geändert.

Gerd Weickert macht Mut, einfach selbst die Begegnung zu suchen. "Es muss nicht jeder ein Nachhilfelehrer sein, obwohl das Vermitteln von Sprache natürlich wichtig ist. Es kann auch sein, dass man zusammen Tee trinkt, dass man mal miteinander durch den Ort läuft und den Bäcker oder andere Geschäfte zeigt. Oder jemanden zum Fußball mitnimmt." Man brauche nur die Bereitschaft mitzubringen, sich für etwas Neues zu öffnen, aber: "Da tun wir uns ja leider manchmal etwas schwer."

Für Gerd Weickert gehört diese Offenheit seit 20 Jahren zu seinem Beruf. Genauso wie das Eintreten gegen Vorurteile und für das Einhalten der geltenden Regeln. Es sei falsch, das, was in Köln in der Silvesternacht passiert ist, darauf zu reduzieren, dass Migranten Täter waren, sagt er und spricht von "durchgeknallten Männerköpfen", die es vor allem unter Ungebildeten gebe. Bemerkenswert war für ihn, was ein Jugendlicher in einer kirchlichen Diskussionsrunde äußerte: "Warum reden denn alle Menschen so schlecht über die Flüchtlinge?" - "Da hab' ich mir gedacht: Junge, das ist eine gute Frage! Das wird ganz unterschiedliche Gründe haben. Es kann mit eigener Frustration zu tun haben. Wenn's in meinem Leben nicht so klappt, brauche ich einen Sündenbock. Oder es können tatsächlich negative Erfahrungen sein." Aber die wenigsten Meinungen kämen aus eigenen Erfahrungen, da ist er sich sicher. Von denjenigen, die Flüchtlingen kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, hätte ihn noch nie jemand angesprochen. "Da könnte ja das eigene Weltbild ins Schwanken kommen", mutmaßt er und lacht. Dabei würde er es sich sogar wünschen, ins Gespräch zu kommen. "Die dürften Fragen stellen, die dürften auch wütend sein. Ich würde denen dasselbe sagen, was ich Ihnen auch sage."

Zum Beispiel, dass er sich in 20 Jahren Arbeit mit Asylbewerbern nicht einmal ein blaues Auge geholt habe. Nicht einmal ein Schimpfwort sei gegen ihn gerichtet worden. "Es kann sein, dass der ein oder andere unzufrieden war, das schon. Aber mir ist nie jemand mal auf die Pelle gerückt." Und auch diese Erfahrung will Gerd Weickert nicht verallgemeinern. "Es heißt nicht, dass es das nicht gibt, nur weil es mir nicht widerfahren ist." Er wisse, dass einmal eine Hausvermieterin massiv bedrängt wurde, weil sich die dort untergebrachten Flüchtlinge ungerecht behandelt fühlten. Das war dann eine Mission für ihn. Er besuchte die Betreffenden in Begleitung eines Dolmetschers, auf den er sonst gerne verzichtet.


Klare Ansagen sind ihm wichtig

"Ich versuche zu erklären, dass das so nicht geht." Er habe den Vorteil, als neutrale Person eingeordnet zu werden. Als in einem Wohnheim mal Unfug mit der Einrichtung getrieben worden war, wurde er ebenfalls zum klärenden Gespräch hin gebeten. "Mit dem Eigentum anderer sollte man sorgsam umgehen. Wer etwas kaputt macht, sollte das auch bezahlen. Ich denke, das kann jeder begreifen, auch wenn er aus einem anderen Kulturkreis ist", betont Weickert.

Verändert hat sich seine Stelle in den zwei Jahrzehnten wohl. Früher hieß sie "Aussiedlerberatung". Man hatte damals erkannt, dass man für diese große Gruppe etwas tun muss, damit sie sich hier in der Gesellschaft zurechtfindet. Dann kamen die Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Bis auf einen geringen Prozentsatz sind diese wieder zurück in ihre Heimatländer. Auch heute schätzt Gerd Weickert es so ein, dass die meisten Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückgehen würden, sobald sie dort ein vernünftiges Leben führen könnten. Auf das Stichwort Obergrenze sagt er, wer Vorschläge macht, der sollte sie zu Ende denken. Einzelne Staaten werden dieses globale Problem nicht lösen.

Die Rahmenbedingungen in der Flüchtlingshilfe sind vom Optimum noch weit entfernt, findet der Sozialpädagoge und spricht die Möglichkeiten zur Förderung von Migrantenkindern an Schulen an sowie die Regelungen, wann wer an einem Sprachkurs teilnehmen darf. Eines aber ist für den Mitarbeiter der Beratungsstelle heute genauso wie vor 20 Jahren: "Es gibt nicht den Flüchtling. Man muss auf jeden Menschen ganz individuell eingehen."

Kontakt: Migrationsberatungsstelle des Diakonischen Werks Kronach/Ludwigsstadt-Michelau, Gerd Weickert, Tel. 09261/620830; E-Mail: weickert@diakonie-klm.de