Roger Martin war Bürgermeisterkandidat der Freien Wähler in Lichtenfels, vor wenigen Tagen zog er seine Kandidatur zurück. Der 62-jährige Journalist arbeitet als Redakteur beim Obermain-Tagblatt. Der Stadtverband braucht einen neuen Vorsitzenden, der jetzige kommissarische Vorsitzende Gernot Brand möchte das Amt aus beruflichen Gründen abgeben und man ist auf der Suche nach einem Nachfolger. Martin hat bislang als Einziger erklärt, sich für den Vorsitz zur Verfügung zu stellen. Am 21. November soll eine entsprechende Versammlung stattfinden.

FT: Wann reifte der Entschluss, die Kandidatur als Bürgermeister nicht mehr zu verfolgen?

Roger Martin: Die Entscheidung ist gereift, nachdem mir klar geworden war, dass ich mir erst den uneingeschränkten Rückhalt in meiner Partei verschaffen muss, bevor ich Kandidaturen anstrebe, vor allem die höchste, die es in Lichtenfels gibt. Eine ausreichende Rückendeckung vermisse ich derzeit noch. Die parteiinterne Nominierung als Bürgermeisterkandidat im Mai hat mir viel Auftrieb gegeben. Aber sie hat mir den Blick für manches andere leider verstellt. Man könnte dies auch als naiv beschreiben.

Gab es ein besonderes Ereignis, das diese Entscheidung bestärkte?

Es war kein Einzelereignis, sondern die Summe aus Erfahrungen und Begegnungen, die es mir sehr ratsam erscheinen lassen, erst einmal konsequent den parteiinternen Weg zu gehen.

Haben Sie sich schon vor dem Rückzug als Bürgermeisterkandidat mit der Frage beschäftigt, ob Sie als Vorsitzender des Stadtverbandes zur Verfügung stehen?

Ich habe beim ersten Treffen mit dem Vorstand des Stadtverbandes der FW und dem Sprecher unserer Stadtratsfraktion im Frühjahr 2019 angekündigt, dass ich im Herbst dieses Jahres bei der Generalversammlung als Vorsitzender der Freien Wähler in Lichtenfels kandidieren werde.

Damals waren alle Beteiligten sehr froh über meine Bereitschaft und ich hatte zu dieser Zeit das Gefühl, sie fühlten sich sogar etwas geehrt. Und ich fühlte mich ebenso geehrt. Damals stand bereits fest, dass unser bisheriger Vorsitzender, Stefan Hofmann, aus gesundheitlichen Gründen von allen Ämtern zurückgetreten war. Unser stellvertretender Vorsitzender Gernot Brand lebt und arbeitet außerhalb vom Landkreis Lichtenfels. Er sagt, er könne die kommunalpolitischen Entwicklungen und Geschehnisse in Lichtenfels leider nicht so verfolgen, wie es als Parteivorsitzender nötig wäre. Er hat mir und anderen Parteimitgliedern im Laufe dieses Jahres gesagt, er möchte dieses verantwortungsvolle Amt aus diesem Grunde gerne zur Verfügung stellen. Es besteht in meinen Augen beim Thema neuer Vorstand großer Handlungsbedarf für unsere Freien Wähler. Die Entwicklung hat sich im Laufe des Jahres verschärft, weil der weitere stellvertretende Vorsitzende Jürgen Achtmann der Freien in Lichtenfels aus beruflichen Gründen leider von seinem Parteiamt zurückgetreten ist. Seitdem ist im dreiköpfigen Vorstand der Freien in Lichtenfels nur noch ein Posten besetzt.

Wie haben Sie dafür gesorgt, dass es nicht zu Konflikten mit Ihrer beruflichen Tätigkeit kommt?

Ich habe meinen Wunsch, in Lichtenfels kommunalpolitisch tätig werden zu wollen, mit meinem Arbeitgeber besprochen. Wir haben dankenswerter Weise eine sehr gute Lösung gefunden, damit sich meine berufliche Tätigkeit beim Obermain-Tagblatt und mein politisches Engagement vereinbaren lassen. Ich bin seit einigen Monaten Redakteur für Sonderpublikationen und in dieser Funktion nicht mehr journalistisch tätig. Damit ist ausgeschlossen, dass ich in irgendeiner Form beruflich Einfluss auf die Kommunalpolitik in Lichtenfels ausüben kann.

Ist es nicht ein Widerspruch, sich von der einen Aufgabe zurückzuziehen, aber sich auf der anderen Seite stärker einbringen zu wollen?

Diese Frage habe ich mir auch schon häufiger gestellt und sie wird mir auch immer wieder von Freunden gestellt, die sich wundern, dass ich mich weiterhin bei den Freien engagieren will. Ich sehe keinen Widerspruch, eine Kandidatur für ein Bürgermeisteramt zurückzuziehen und dennoch kommunalpolitisch tätig sein zu wollen. Ich will mich nach wie vor sehr gerne in der Kommunalpolitik engagieren. Die Lust daran habe ich nicht verloren.

Das kann ich auch ohne Bürgermeisterkandidatur. Dass ich das als Mitglied der Freien machen will, liegt zum einen am Respekt vor der Tradition der Freien Wähler in Lichtenfels, zum anderen an einer langjährigen Freundschaft mit einem sehr verdienten Lichtenfelser Kommunalpolitiker, Winfried Weinbeer. Er hat über Jahrzehnte unheimlich viel fürs Gemeinwohl getan. Er hat mir über Jahre in vielen Gesprächen aufgezeigt und erklärt, wie erfüllend und wichtig ehrenamtliches Engagement ist.

Womit wollen Sie die Mitglieder des Stadtverbandes überzeugen?

Die Versammlung am 21. November in unserem Vereinslokal "Gasthof Fischer" in Mistelfeld ist meiner Ansicht nach ganz entscheidend für den Erfolg der Freien bei der Kommunalwahl 2020 in Lichtenfels. Es wird ja nicht nur der neue Vorstand gewählt. Auch alle Kandidaten für die Kommunalwahl werden aufgestellt. Wenn wir es an diesem Abend nicht schaffen, einen neuen Vorstand mit größtem Rückhalt auszustatten und den neuen Vorsitzenden auf Platz eins der Stadtratsliste zu platzieren, dann wird es meiner Meinung nach verdammt schwer für die Freien Wähler in Lichtenfels. Bis zu dieser Wahl müssen wir uns einen. Wir müssen Einstellungen und Einschätzungen überdenken. Es darf meiner Meinung nach nicht um Befindlichkeiten oder gar persönliche Karrieren gehen, schon gar nicht um alte Rechnungen. Es geht einzig und allein um den maximalen Erfolg für die Freien Wähler bei der Kommunalwahl am 15. März 2020. Wir wollen mindestens die jetzigen vier Mandate verteidigen. Wir streben ein fünftes Mandat an. In diesem Sinne will ich am 21. November für mich werben und hoffe auf breite Zustimmung für meine Kandidatur.

Wie möchten Sie Kritiker einbinden?

Ich weiß, dass ich Kritiker habe. Und ich kenne sie auch. Ich bin mit ihnen im Gespräch. Wer eine Führungsposition in einer Partei anstrebt, muss damit rechnen, dass es Kritiker gibt oder noch mehr Widerstand. In meinem Fall kann es eventuell daran liegen, dass ich kein "richtiger" Lichtenfelser bin. Es geht vielleicht auch um Mentalitäten. Ich biete allen meinen Kritikern das Gespräch an - persönlich oder bei Versammlungen. Ich muss aber die Gründe für die Kritik und die Vorurteile wissen, um antworten zu können. Ich bin jemand, der auf andere gerne zugeht und offen ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich damit auch meine Kritiker überzeugen kann. Die Fragen stellte Tobias Kindermann.