Omar Farouq mag Basketball. Das letzte Mal gespielt haben dürfte er es wohl vor weit über zwei Jahren. Damals, als man seinen Eltern noch nicht erzählte, er sei tot, damals, als er noch keinen Artikel aus dem Untergrund heraus gegen das Regime geschrieben hatte.

Der junge Mann wirkt optimistisch. Draußen regnet es und er wirkt optimistisch. Exekutionen habe er gesehen, sagt er. Aber er wirkt freundlich, offen, bescheiden und optimistisch. Doch manchmal, blickt man ihm in die Augen, weiß man nicht mit Bestimmtheit zu sagen, ob sie sich nicht im nächsten Moment mit Wasser füllen werden.


Heimatliche Duftschwaden

In dem Heim für Asylsuchende in der Nordgauer Straße ist er in einem Mehrpersonenraum untergebracht. Eigentlich kein schöner Ort, doch hier ziehen heimatliche Duftschwaden durch die Gänge.
Die Menschen hier pflegen die Rezepte ihrer Küche und die riecht gut. Seit einem Monat sei er in Lichtenfels, sagt der 22-jährige Syrer mit den freundlichen großen Augen. "It's my town now, i should discover" (es ist ja jetzt meine Stadt, ich sollte sie erkunden gehen), entgegnet er auf die Einladung zu einem Stadtspaziergang.

Alpträume? "Manchmal", antwortet er auf Englisch. Wenn alles stimmt, was er sagt, dann hat er allen Grund für Alpträume. Journalismus habe er in Damaskus studiert, dann sei er in die Armee gepresst worden und als er für eine Reportage Fotos und Interviews zu den Verhältnissen in seiner Heimat zusammengetragen habe, sei er aus einem Internet-Café gezogen und mit einem Auto zur "Untergrundpolizei" gebracht worden.


Menschen wie Tiere behandelt

Das sei seine Erinnerung an den 23. Januar 2013. Ab da habe er erleben müssen, wie Menschen Tieren ähnlich behandelt wurden. Irgendwann habe er eine Blanko-Unterschrift geleistet. Ab da hatte der Staat etwas gegen ihn in der Hand. Von wegen Rebell.

Am Marktplatz, sagt er, sitze er manchmal nächtens. Überhaupt gehe er so gerne in der Nacht spazieren. In Kriegen gibt es Ausgangssperren und in der Nacht spazieren gehen zu können, hebe ihm das Gefühl von Ausgangssperre auf.

In der Nähe des Florianbrunnens kommt er auf seine Flucht zu sprechen. Von einer Art Hafturlaub sei er nicht mehr zurückgekehrt und sein Kontakt zu Eltern und Ehefrau war verloren. Suchen ausweglos. Er floh. Er floh über Umwege, auch über das Gebiet, das vom IS beherrscht wird. "Dort ist alles schwarz, man darf nicht einmal eine andere Farbe tragen", sagt er. Und: "Die Welt scheitert gerade darin, ISIS zu besiegen."

Er macht sich Sorgen um seine Familie, seine Heimat, die schöne Stadt Damaskus und sein Syrien. Über die Türkei floh er nach Griechenland. Dort auf Kos habe sich für ihn als Flüchtling zufällig eine journalistische Arbeit ergeben, die auf Youtube zu sehen wäre.


"Europe or die"

"Europe or die", heißt der in englischer Sprache produzierte Dokumentarfilm, der Stationen von Flüchtlingen nachzeichnet. Omar Farouq zückt sein Tablet und scrollt Fotos entlang, bis er auf welche stößt, die ihn mit einem Kamerateam zeigen. Ob er, der Journalismus studiert habe, wieder journalistisch arbeiten wolle? "Ich hoffe - in der Zukunft."


Zweimal wöchentlich Deutsch

Von Griechenland ging es über Mazedonien nach Serbien, weiter nach Ungarn und über Österreich nach Deutschland - "alles zu Fuß". Jetzt ist er hier und mittlerweile wissen auch seine Eltern und seine Frau, dass er doch noch lebt. Allabendlich tausche man sich über das Internet aus. Mittlerweile erhält er auch Deutschunterricht, drei- oder zweimal wöchentlich. "Substantiv, Nominativ, Akkusativ, Dativ, Genitiv", zählt er lächelnd auf.
Als ihm eine Ausgabe des Fränkischen Tags vorgelegt wurde, vermochte er phonetisch perfekt Überschriften zu lesen. Zehn deutsche Wörter pro Tag lerne er und er würde gerne arbeiten und die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Ein Krankenwagen mit rotem Kreuz fährt vorbei und Omar Farouq hört die Geschichte von dem Schweizer Henry Dunant, der zufällig bei einer Schlacht vorbeikam und aus Sorge um Verwundete das Rote Kreuz ins Leben rief - die Verkehrung der schweizerischen Fahne.

"Europa hat viele Geschichten", bemerkt Omar Farouq leise und in Richtung eines Staunens bewegend. "Mit Geschichte würde ich mich gerne beschäftigen", sagt er. Viel gesehen von Lichtenfels hat er noch nicht, aber er würde gerne einmal in eine Bücherei gehen. Am Rand der Innenstadt wird er selbst Teil einer Lichtenfelser Geschichte. Jemand findet ihn spontan sympathisch und vertrauenserweckend, und fragt allen Ernstes, ob er nicht zumindest schon mal geringfügig für ihn tätig werden könne. Jetzt wäre eine Arbeitserlaubnis hilfreich. Für viele Augenblicke hintereinander blickt Omar wieder optimistisch.