Was Korbmachermeisterin Iris Schneider mit Liza Minnelli und Charlie Chaplin verbindet? Sie hatten alle mit einem "Thonet Nr. 14" zu tun. Für die großen Stars war der weltbekannte Bistrostuhl, benannt nach seinem Erfinder Michael Thonet, freilich nur Requisite. Die Lichtenfelserin hingegen versteht sich darauf, das feine Achteckgeflecht der Sitzflächen zu erneuern. Lange sah man das sogenannte Wiener Geflecht vor allem an Sitzmöbeln oder Heizkörperverkleidungen. Ein Klassiker zwar, der manchmal jedoch etwas altbacken daherkam. Gerade erfährt dieses Muster aber ein Revival. Es ziert nicht nur Hocker und Sessel, sondern Lampenschirme, Sofa-Seiten- und Bettkopfteile, Tabletts und Trinkgläser-Ummantelungen, ja ganze Schrankfronten. In exklusiven Einrichtungshäusern genauso wie in Geschäften für günstige Wohnaccessoires oder in Hochglanzmagazinen für schönes Interieur: Am Wiener Geflecht scheint kein Weg vorbeizuführen.

"Ja das ist gerade ein Trend", bestätigt Katrin Fischer-Gehring von Gutmann Factory. Im Showroom der Firma in Hochstadt am Main finden sich Sideboards mit Türfüllungen aus Wiener Geflecht. Das auf Einrichtungskonzepte spezialisierte Unternehmen verkauft diese Ware eigenen Angaben zufolge seit Sommer 2019.

Das wabenähnliche Geflecht aus Naturrohrschiene gibt es mittlerweile als Fertigware meterweise zu kaufen. Billig ist es nicht, dennoch erheblich günstiger als das Handgemachte, weshalb es in der Serienfertigung zum Einsatz kommt. Bei Stühlen genügt dem Kenner ein Blick unter die Sitzfläche. Bei handeingezogenem Geflecht sind die Bohrungen sichtbar. Für Korbmachermeisterin Iris Schneider ist die Entscheidung bei einer Reparaturanfrage schon gefallen, wenn sie das sieht. "Wo handeingezogenes Geflecht drin war, kommt auch wieder welches rein. Alles andere wäre für mich Pfusch." Wenn hingegen bereits maschinell hergestellte Matten verwendet wurden, setzt sie in die eingefrästen Vertiefungen auch wieder solche ein.

Die Herstellung des als Stuhlflechtrohrs bezeichneten Materials aus der vorwiegend im Großraum Indonesien beheimateten Rattanpalme kann die Handwerkerin genau erklären. Schließlich ist sie auch als Fachlehrerin an der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels tätig. Die Lernfelder Feinflechterei und Stuhlgeflechte sind ihr Spezialgebiet.

Teil der Ausbildung im Handwerk

Die Grundfertigkeiten in diesen Bereichen werden auch heute noch allen Absolventen vermittelt; im Vergleich zu ihrer eigenen Ausbildung vor rund drei Jahrzehnten aber eher in einem verkürzten Zeitfenster innerhalb der drei Jahre.

Früher seien von der Schule noch Reparaturaufträge zu Unterrichtszwecken angenommen worden, erinnert sie sich. Dazu sei im aktuellen Lehrplan keine Zeit mehr. Doch wie man in einen Stuhl das klassische Achteckgeflecht einzieht, werde noch heute in Theorie und Praxis gelehrt. Die sogenannte Feinarbeit insgesamt ist ein spezielles Kapitel geblieben: "Die einen lieben's, die anderen hassen's", sagt die Fachlehrerin. Präzises Arbeiten ist hier gefordert. Ihr persönlich liege das mehr als betont kreatives Schaffen, räumt die Handwerksmeisterin ein. "Ich mag klare Strukturen."

Das hat dazu geführt, dass sie unter den Flechtwerkgestaltern eine von wenigen ist, die den Schwerpunkt ihrer geschäftlichen Tätigkeit auf das Reparieren von Stuhlgeflechten gelegt haben. Dies hat sich herumgesprochen. Ihr Kundenkreis erstreckt sich auf Oberfranken und den Nürnberger Raum, manchmal werden die Stühle auch mit der Post geschickt. Es seien hauptsächlich ältere Herrschaften, bei denen diese Klassiker zur Einrichtung gehören, oder Jüngere, denen sie als Erbstücke ans Herz gewachsen sind, berichtet Iris Schneider.

Eher reißt der Holzrahmen...

Dabei merkt sie an, dass das Wiener Geflecht keineswegs so empfindlich ist wie es den Anschein hat. Die faserige Struktur der bis zu fünf Meter langen Fäden, die aus der Außenhaut der Palmenstangen gewonnen werden, sorge für besondere Stabilität. Würde man sie mit zu viel Spannung verarbeiten, womöglich im nassen Zustand, so dass sich das Geflecht beim Trocknen noch zusammenziehe, zerreiße eher der Holzrahmen als dieses Gewebe selbst, erklärt Iris Schneider. Auf dem berühmten "Nr. 14" von Thonet (der von der Firma heute noch mit nur wenig Veränderung unter der Seriennummer 214 hergestellt wird), jenem als Wiener Kaffeehausstuhl bekannt gewordenen Klassiker also, könne "ein 100-Kilo-Mensch" ohne Probleme sitzen, betont die Expertin. Kritisch werde es nur bei einer Punktbelastung. Auf so einen Stuhl zu steigen könnte fatale Folgen haben. Auch Kinder, die mit einem Knie voraus versuchen, die Sitzfläche zu erklimmen, schaffen unter Umständen eine unansehnliche Ausbeulung oder tatsächlich ein Loch im Geflecht. Worauf den Eigentümern dann oft erst bewusst wird, wie sehr sich das Auge an jene unzähligen Achtecke gewöhnt hat - so dass es sich quasi verbietet, diesen Klassiker nach so einem Malheur auszurangieren.

Über das Wiener Geflecht Das klassische Wiener Geflecht weist ein achteckiges Lochmuster auf. Seinen Namen verdankt es wohl den (Wiener) Kaffeehausstühlen, auf deren Sitzflächen es verwendet wurde. Thonet Der Name ist mit dem klassischen Kaffeehausstuhl verbunden. Michael Thonet war Tischlermeister und Gründer der Thonet-Bugholzmöbelfabrik in Wien. Er verbesserte die technischen Möglichkeiten, um Buchenholz durch Dämpfen biegsam zu machen und so einen Stuhlklassiker zu kreieren, dessen Sitzfläche aus Geflecht oder Sperrholz war. Dieser zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er leicht und stapelbar und somit gut zu transportieren war. Historie Als der englische König Charles II. (1630-1685) aus Indien einen prächtigen Holzstuhl mit einem Sitz aus Rohrgeflecht geschenkt bekam, regte dies offenbar die Möbelbauer im Land zur Nachahmung an. Stühle, bald aber auch Tischplatten oder Sofas wurden mit Geflecht versehen.