Seit acht Jahren steht im Wohnzimmer der Familie Popp kein Gummibaum mehr. Der hatte nach und nach gelbe Blätter bekommen, sie dann abgeworfen. Vielleicht fehlte der grüne Daumen, vielleicht die Geduld, doch es mangelte nicht an einer guten Idee, einen pflegeleichten Ersatz zu beschaffen. Das nahm der Vater, Korbmachermeister, selbst in die Hand. Aus Rattan und Peddigrohr schuf Manfred Popp in seiner Werkstatt einen deckenhohen Flecht-Baum. Er ist immer schön anzusehen und durfte als Blickfang auch jedes Jahr für drei Tage mit in den Korbmarkt-Stand der Familie. Wenn auch aus natürlichen Materialien hergestellt, ist er doch strenggenommen ein totes Objekt. Aber als wir Birgit Hucke, die Tochter des Hauses, auf einen möglichen "Lieblingskorb" hin ansprachen, entspann sich um diesen Baum bald eine sehr lebendige Geschichte.

Schwer zu sagen, was ihr liebstes geflochtenes Teil sei, erklärte die Lichtenfelserin, die von 1994 bis 1996 einmal Korbstadtkönigin war. Das ist lange her und spielt heute in ihrem Leben keine große Rolle mehr. "Es war gut, aber es ist rum." Als Königin sollte doch in erster Linie die jeweils amtierende wahrgenommen werden, findet Birgit Hucke. Der 40. Korbmarkt 2019 war allerdings Anlass, zurückzublicken und an die Vorgängerinnen von Alicia I., die heute das Amt innehat, zu erinnern. Und als man sich so Gedanken über eine mögliche Jubiläumsaktion machte, da kam eben jener Flechtbaum ins Spiel. Nach dessen Vorbild entstand dann in mehreren Zusammenkünften der "Königinnenbaum", an dem sich alle "Ehemaligen" mit einem selbst geflochtenen Blatt unter Anleitung von Manfred Popp "verewigten". Der Baum wurde in der Ausstellung "40 Jahre Korbmarkt" gezeigt, bleibt in städtischer Hand und darf noch wachsen: Es ist vorgesehen, ihn von jeder neuen Korbstadtkönigin um ein Blatt samt entsprechender Namensplakette ergänzen zu lassen. Ein Stück von bleibendem Wert also. Und für Birgit Hucke wieder mal ein Anknüpfungspunkt, der sie mit dem Handwerk in Verbindung gebracht hat. Im klassischen Sinne erlernt hat sie es freilich nie, aber sie traut sich zu, etwas Geflochtenes zustande zu bringen. Keine Frage, dass der Vater dabei der schärfste Kritiker wäre. Beim Ausflechten "ihres" Blattes am "Königinnenbaum" war das nicht anders: "Da ist schon sehr drauf geguckt worden", sagt sie mit einem Schmunzeln.

Ob praktisch oder repräsentierend - das Flechten zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. "Ich bin immer mit dem Thema in Berührung geblieben", sagt die Lichtenfelserin. Was also sollte da als "Lieblingskorb" genannt werden? Der "Königinnenkorb" mit Klapp-Deckel, den sie damals auf Messen dabei hatte? Der aufwendig gearbeitete Einkaufskorb, den sie vor 22 Jahren vom Vater zur Hochzeit bekam? Die wunderschönen Miniaturen von Waldemar Backert, winzige Figuren mit Geflecht, die sie in Ehren hält? Die geflochtene Tasche fürs Dirndl oder der täglich benutzte Brotkorb? "Es gibt viele Objekte, die mich begleiten."

Ein sonderbares Gefühl beschleicht sie, sich das Wochenende um den 20. September ohne Korbmarkt vorzustellen. Der Einsatz im Stand, die Vorbereitungen, das Drumherum - das war ein Fixpunkt im Jahresverlauf und wird heuer fehlen. "Vielleicht wird es dafür nächstes Jahr umso schöner", sagt sie.

Wie oft bis dahin noch das geflochtene Herz zum Einsatz kommen wird? Wer weiß das schon. Auf dieser Unterlage liegen nämlich im Michelauer Standesamt - gut passend zur "Korbmachergemeinde" - die Ringe für zur Heirat Entschlossene bereit. Und Birgit Hucke ist seit vier Jahren dort mit Eheschließungen betraut. 2006 hatte sie als Mitarbeiterin im Korbmuseum angefangen, wechselte fünf Jahre später ins Rathaus. Für die neue berufliche Aufgabe wünschte sie sich vom Vater das herzige Deko-Objekt - eine Idee, die prompt umgesetzt wurde und den roten Faden wieder aufgreift. "Heute verflechte ich hier als Standesbeamtin Schicksale", sagt sie und lacht.

Menschen und Körbe

Der Lichtenfelser Korbmarkt bringt beides zusammen - die Faszination von Geflecht sowie Begegnungen mit und unter Handwerkern. Heuer kann der Besuchermagnet coronabedingt leider nicht stattfinden. Die Redaktion möchte deshalb mit dieser Serie besondere Flechtobjekte zeigen und die Geschichten dahinter erzählen. Wer hat welchen Lieblingskorb und warum? - Wenn auch Sie so ein Lieblingsstück haben, senden Sie uns doch eine E-Mail mit Foto an: redaktion.lichtenfels@infranken.de