Es ist ein mit dünner, schwarzer Linie umrandeter Text, acht Zentimeter hoch. Doch auch in dieser dezenten Gestaltung ohne Riesenlettern haben die Sätze, die Dr. Andreas Voelckel in seiner Anzeige an die Öffentlichkeit richtet, etwas von einem Paukenschlag. Ein Allgemeinarzt, der erst vor einem Jahr in Lichtenfels eine hausärztliche Praxis übernommen hat, kündigt an, aus dem System aussteigen zu wollen. zum 30. September will er seine Kassenarztzulassung zurückgeben.

Als Gründe nennt er die Belastung "mit einer absurden Menge Bürokratie" und einem nicht kalkulierbaren Risiko möglicher Zahlungsrückforderungen. Die Zahlungen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) spiegelten seinen Arbeits- und Zeitaufwand nicht wider. Unter diesen Bedingungen sei er nicht bereit, weiter Patienten zu behandeln. Die Praxis in der Friedhofstraße wird künftig demnach nur noch Privatversicherten oder Patienten, die bereit sind, die Behandlung selbst zu bezahlen, offen stehen. Seinen Patienten dankt Voelckel für ihr Vertrauen und bittet sie um Verständnis für seine Entscheidung. Die sei ihm, wie er betont, sehr schwer gefallen. Mehr möchte er, auf die Veröffentlichung angesprochen, im Moment aber nicht dazu sagen.

Voelckels Schritt ist außergewöhnlich; mit der geäußerten Kritik steht er allerdings nicht alleine da.

Schon vor fünf Jahren, bei einer Podiumsdiskussion in Altenkunstadt, beklagte ein Mediziner "Dokumentationsflut und Zertifizitis". Im selben Jahr gab es einen Protesttag, an dem Hausärzte ihre Praxen schlossen, um für eine angemessene Vergütung und gegen ein "Drangsalieren" einzutreten. Hausärzte sehen ihre Freiberuflichkeit in Frage gestellt. Angeblich stehen KVB und Hausärzteverband für die gleichen Ziele; doch wird der Spielball der Kritik immer wieder auch an die KVB weitergegeben. Politische Entscheidungen wie etwa die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte wurde von Ärzten ebenfalls kritisiert. Allein das Merkblatt zu deren Anwendung in der Praxis umfasst übrigens acht Seiten.

Die künftige hausärztliche Versorgung ist in unserem Landkreis seit Jahren ein großes Thema, da der Altersdurchschnitt der niedergelassenen Ärzte hoch ist und es junge Ärzte eher in die Stadt oder ins Ausland zieht.
Dass jemand eine Hausarzt-Praxis übernimmt und und nach einem Jahr das Handtuch wirft, gibt zu denken.


Wie kann man solchen Enttäuschungen entgegenwirken?

Diese Frage haben wir einem Vertreter der KVB gestellt, der selbst Hausarzt in einer eigenen Praxis ist.
Die Rahmenbedingungen der Tätigkeit eines Hausarztes erlebt Dr. Christian Pfeiffer seit Jahrzehnten, denn er hat die Praxis seines Vaters im unterfränkischen Giebelstadt übernommen; dies schon vor 18 Jahren.

In der Gemeinschaftspraxis sind neben ihm selbst sein Bruder, seine Frau halbtags und eine weitere Ärztin ebenfalls in Teilzeit tätig. Christian Pfeiffer engagiert sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) als Regionaler Vorstandsbeauftragter (RVB) - weil er nicht nur Kritik äußern, sondern versuchen wollte, an Verbesserungen mitzuwirken, wie er erklärt. Eine Gemeinschaftspraxis hat seiner Ansicht nach den Vorteil, dass auch Verwaltungsaufgaben geteilt werden und man den Bürokratie-Aufwand deshalb eventuell als nicht so belastend empfindet. In betriebswirtschaftlichen Vergleichen mit einer Einzelpraxis schneide sie allerdings eher etwas schlechter ab, wie eine Auswertung des Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland ergeben habe.


"Die Vor- und Nachteile sehen"

Pfeiffer findet, es kommt auf den Blickwinkel an, den man auf die Tätigkeit als Hausarzt hat. "Man muss immer die Vor- und Nachteile sehen. Ich möchte nicht als angestellter Arzt ins Krankenhaus zurück." Gleichzeitig müsse einem Arzt, der sich niederlasse, bewusst sein, dass er ein kleines Unternehmen führe und ein unternehmerisches Risiko trage.
Wenn man Behandlungen, ihren Aufwand und das dafür erhaltene Honorar jeweils einzeln betrachte, könne man schon über manches Missverhältnis unzufrieden werden.
Deshalb sollte man das Gesamtergebnis betrachten. Aus dieser Sicht heraus sei er persönlich der Meinung, ein ausreichendes Einkommen zu haben. Die mit den Kassen geschlossenen Hausarztverträge, die feste Beträge für bestimmte Leistungen enthalten, sieht er vor diesem Hintergrund als gut und wichtig an. Ein neuer Vertrag mit der AOK Bayern, deren Versicherte einen hohen Anteil ausmachen, befinde sich noch in der Klärung.


Weniger Druck - aber ein Zwangssystem

Die von dem Lichtenfelser Arzt Andreas Voelckel angesprochenen Regressforderungen sieht auch Christian Pfeiffer als Problem an; eigentlich gehörten sie abgeschafft. Es sei hierbei aber gerade in Bayern Druck herausgenommen worden. Es werde darauf geschaut, dass der Arzt bei Medikamenten-Verordnungen kostenbewusstes Verhalten zeige; dazu könne man sich beraten lassen.
Freilich räumt auch Pfeiffer ein, dass man sich in einem Zwangssystem befinde, in dem man sich - obwohl Freiberufler - betriebswirtschaftlich nicht frei entfalten könne. Er bezweifle auch, dass die Budgetierung durch die Krankenkassen unterm Strich zu Einsparungen führe. Aber die Kassen wollten das so, um besser kalkulieren zu können. Dies könne die KVB nicht ändern - höchstens mit den Kassenvertretern zusammen.
Einen Rat gibt Pfeiffer Kollegen: "Gute Mitarbeiter können sehr entlasten."


Und was sagt die Lichtenfelser Bundestagsabgeordnete dazu?

Junge Ärzte für den Beruf des Landarztes zu gewinnen, sieht die Lichtenfelser Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU) als eine der größten Herausforderungen der Gesundheitspolitik an. Angesichts des demografischen Wandels brauche man heute, mehr denn je, gute und fähige Ärzte im ländlichen Raum. "Die Entscheidung von Herrn Dr. Voelckel, nicht länger Kassenpatienten zu behandeln, bedauere ich sehr."
Der Beruf des Landarztes sei eine Herausforderung. Dennoch sei die Mehrzahl der niedergelassenen Ärzte mit ihrem Beruf hoch zufrieden: 88 Prozent hätten dies 2014 in einer Befragung angegeben. 60 Prozent der Ärzte kritisierten dabei jedoch die fehlende Zeit für die Patienten, verursacht durch die hohen bürokratischen Anforderungen. "Wo diese abgebaut werden können, hat erst kürzlich der Normenkontrollrat gemeinsam mit der Selbstverwaltung geprüft. Diese steht nun in der Pflicht, die Handlungsempfehlungen umzusetzen", sagt Zeulner. Denn die Selbstverwaltung und auch die Politik wollten, dass die Ärzte wieder weniger Zeit mit dem Papier und mehr Zeit mit dem Patienten verbringen.


Mehr Geld denn je für ärztliche Vergütung

Es sei immer eine subjektive Einschätzung, ob der Verdienst für die geleistete Arbeit angemessen ist. Gehe man aber rein von den Zahlen aus, zeige sich, dass der Reinertrag unter Allgemeinärzten zwischen 2007 und 2011 um fast 19 Prozent gestiegen sei, fährt Zeulner fort. "Wir geben heute mehr für ärztliche Vergütung aus als je zuvor: insgesamt 33,8 Milliarden Euro jährlich."Das entspreche einem Bruttoeinkommen von durchschnittlich 138 000 Euro jährlich pro Allgemeinarztpraxis. Die Abgeordnete räumt aber ein, dass dies nur Durchschnittswerte seien, die eine individuelle Bewertung der einzelnen Praxen nicht aufheben.


Wege, um die Versorgung zu sichern

Um die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum langfristig zu sichern, habe der Bundestag erst diesen Sommer das Versorgungsstärkungsgesetz verabschiedet. Ein wichtiger Punkt hierbei sei, dass die sogenannte Bedarfsplanung bis 2017 überarbeitet werden soll. "Das heißt, wir schauen genau hin, ob wirklich alle Gebiete in Deutschland ausreichend mit Ärzten versorgt sind, oder ob noch mehr Zulassungen vergeben werden müssen." Bereits seit 2013 könnten die Kassenärztlichen Vereinigungen die Planungsbereiche für die hausärztliche Versorgung kleinräumiger aufteilen, was die wohnortnahe Versorgung stärke und ganz aktuell auch in Oberfranken praktiziert werde.

Seit ihrer Wahl zur Bundestagsabgeordneten kämpfe sie für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung des Medizinstudiums und die Einführung einer Landarztquote, betont Zeulner. Bewerber, die bereit sind, sich später in einem ländlichen Gebiet niederzulassen, sollen vorranging zum Medizinstudium zugelassen werden.