Selten hat Tino Motschmann so einen komfortablen Arbeitsplatz wie in der Niederauer Straße, wo ihm die Gemeindeverwaltung einen Wagen mit Hebebühne zur Verfügung stellt. In der Kirschbaumallee im Ortsteil Unterneuses sägt der Fachagrarwirt der Baumpflege und -sanierung gerade in luftiger Höhe Äste aus dem Lichtraum der Straße und entfernt abgestorbene Zweige. Er trägt Helm, Schutzbrille und Handschuhe, den Klettergurt hat er an der schmalen Plattform festgemacht. Kronenpflege bedeutet sonst in den meisten Fällen Klettern. Der Gemeindearbeiter, der unten die abgesägten Äste wegbringt, konnte bei anderer Gelegenheit schon einmal zuschauen und beschreibt respektvoll, wie Motschmann vorgeht: Er schießt das Sicherungsseil mit einer Zwistel hinauf, bevor dann Körperkraft zum Emporkommen gefragt ist. Die große Motorsäge benutzt er seltener als seine geradezu zierliche, aber augenscheinlich gut geschärfte Handsäge.


Den Baum verstehen

Motschmanns Einsatz beginnt mit einer Inaugenscheinnahme vom Boden aus. Im Falle der Unterneuseser Kirschbaumallee hat sie schon im Sommer stattgefunden. Wenn der Baum noch sein volles Blätterkleid trägt, erkennt man besser, wo - womöglich im wahrsten Sinne des Wortes - etwas faul ist.
Der Gemeinde Ebensfeld ging es bei der Auftragsvergabe um die Sicherheit, denn dafür ist sie zuständig. Wie steht es um die Bruchsicherheit - könnten tote Äste abbrechen und jemanden verletzten oder ein vorbeifahrendes Auto beschädigen? Diese Fragen gilt es zu prüfen. Zudem muss das Lichtraumprofil der Straße frei sein, das heißt, erst ab viereinhalb Metern Höhe dürfen Äste in die Straße ragen.


Von der Wurzel bis zur Krone

Der Experte aus Gärtenroth schaut sich Wurzelbereich, Stamm und Krone an. Wenn um den Baum herum Pilze wachsen, kann das ein Indiz dafür sein, dass dort abgestorbenes Material zu finden ist. Manche Pilze greifen aber auch intaktes Wurzelwerk an. Am Stamm zeigen sich bei Alleebäumen des öfteren Anfahrschäden. Der Baum repariert sie durch eine Verdickung (Kallus) an dieser Stelle. Dem geschulten Auge verrät er damit sogar, wie viele Jahre das Ereignis zurückliegt. Wie gut er Schäden kompensieren kann, hängt von der Vitalität seiner Krone ab.
Die Bäume entlang der Niederauer Straße sind "Nachkriegsbäume", wie Motschmann berichtet, etwa 70 Jahre alt. Dass Teerdecke, Graben und die Bebauung nahe gerückt sind, hat ihnen nicht gutgetan. "Das sind Flachwurzler, die hätten gerne viel Platz um sich."

Die Früchte - Vogelkirschen, die früher für einen Schnapsbrenner noch interessant gewesen seien, wie er gehört hat, werden nicht mehr geerntet. Einen fachgerechten Schnitt hätten diese Bäume nie bekommen, fährt er fort. Und leider: Keinen der 35 konnte er als verkehrssicher einstufen. Bei den meisten ist es mit dem Entfernen von einzelnen Ästen getan. Bei fünf hält der Sachverständige dies unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten allerdings nicht mehr für vertretbar. Doch während anderswo diese Bäume gefällt würden, werden sie hier in fünf Metern Höhe gekappt und als Torso stehen gelassen. Ohne dass von dem Baum noch eine Gefährdung ausgehen könnte, bleibe auf diese Weise seltener und wichtiger Lebensraum erhalten, erklärt Tino Motschmann. Vielleicht sogar für die nächsten 20 Jahre.

Mit der rechten Hand greift er etwa auf Kopfhöhe in einen Spalt in der Rinde und holt bröseliges Material heraus. Eine kleine Höhle hat sich bereits im Stamm gebildet. Darin könnten bestimmte Vogelarten oder Fledermäuse einziehen. "In manch anderer Gemeinde hätte dieser Baum keine Chance", sagt Motschmann. In Ebensfeld aber schon. Das freut den Baumfreund, der in seinen Beratungen die Wirtschaftlichkeit nicht außer Acht lässt. Es geht ihm um einen verantwortungsvollen Umgang sowohl mit der Natur als auch mit den finanziellen Mitteln, die hier eingesetzt werden.


Wenn ein Baum gefällt werden muss, zwei neue pflanzen



"Auch bei uns müssen mal Bäume gefällt werden", sagt Bürgermeister Bernhard Storath (CSU). "Aber unsere Maxime lautet: Für jeden Baum, der gefällt wird, pflanzen wir zwei neue."
Gepflanzt werden soll an der Niederauer Straße übrigens auch. Birnbäume. Die passen besser zum Standort. Eine Investition in die Zukunft.