Wie kommt es, dass die Vergangenheit zum Sehnsuchtsort wird, an dem so vieles besser war als es heute ist? Unsere Erinnerungsverklärung soll ein Kapitel in dieser Themenwoche sein. Wir sprachen darüber mit dem Psychologen Albert Kempf. Der 67-Jährige war den größten Teil seines Berufslebens in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Lichtenfels tätig, in den letzten beiden Jahren als deren Leiter. Seit 2019 ist er im Ruhestand. Der Vater zweier erwachsener Kinder lebt mit seiner Frau im Stadtgebiet Bad Staffelstein.

Herr Kempf, warum reden wir so gerne von der guten alten Zeit?

Albert Kempf: Viele Menschen verfallen, wenn sie zurückdenken und sich zum Beispiel alte Fotoalben anschauen, in eine nostalgische Schwärmerei. Hängen bleibt ja vor allem das Positive. Nicht in die Kriegszeit, sondern vor allem in die 80er-Jahre sehnen sich die Deutschen zurück. Da kommt schon manchmal die Aussage, früher war alles besser.

Wie kommt es zu diesem Eindruck?

Mit unserem Gedächtnis ist es so eine Sache. Wir haben ein erlebendes und ein erinnerndes Ich. Das hat der Amerikaner Terence Mitchell schon vor mehr als zwanzig Jahren untersucht. In der Regel ist das erlebende Ich weniger glücklich als das erinnernde Ich. In der Psychologie sagt man dazu rosige Retrospektion - die rosarote Brille der Erinnerung. Im Nachhinein sieht vieles besser aus. Wir verdrängen ungute Erinnerungen, und es gibt eine lange Liste kognitiver Verzerrungen, die unser Wahrnehmen, unser Denken und eben auch unsere Erinnerung systematisch verfälschen. Zahlreiche Studien zeigen: Gerade im Rückblick machen wir uns die Welt, wie sie uns gefällt. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat festgestellt, dass wir uns hauptsächlich an den Höhepunkt einer Episode erinnern, an den intensivsten Moment. Alles andere fließt kaum in die Erinnerung ein. Vieles wird vereinfacht und so zusammengefügt, dass es passt. Dinge, die nicht in unsere Geschichte hineinpassen, werden bequem vergessen. Im Urlaub, zum Beispiel, wie schlecht man da geschlafen hat. Oder wie viele Macken das alte Auto hatte. In Erinnerung bleiben die schönen Fotos. Wir sehen uns rückblickend übrigens auch selbst besser, erfolgreicher und intelligenter, was dazu führt, dass wir uns selbst so wichtig nehmen.

Zu den Fakten. War früher tatsächlich vieles besser?

Der Psychologe Steven Pinker hat in seinem 2018 erschienenen Buch ‚Aufklärung jetzt‘ viele ermunternde Daten dazu zusammengetragen: Lebenserwartung, Wohlstand, Sicherheit, Bildung - alles hat sich für den Menschen verbessert. Die Arbeitszeit ist gesunken, die Zahl der Demokratien gestiegen. Krankheiten, die vor langer Zeit noch Millionen Todesopfer forderten, sind mit Medikamenten oder Impfstoffen eingedämmt oder ausgerottet. Früher war vieles wesentlich schlechter.

Warum empfinden wir das aber nicht so?

Schlechte Nachrichten nehmen wir stärker wahr als gute. Während die Zahl krimineller Handlungen in Deutschland tatsächlich abnehmend ist, macht sich der Eindruck breit, dass es mit der Kriminalität immer schlimmer und das Leben immer gefährlicher werde. In den Medien wird mehr über negative und bedrohliche Ereignisse berichtet.

Aber es gibt doch auch viel Schlimmes auf der Welt!

Es gibt natürlich sehr viele Baustellen: Klimawandel, Artensterben, Rechtspopulismus und so weiter - ich könnte vieles aufzählen, was gegenwärtig nicht gut ist. Wir können uns nicht zurücklehnen und entspannen. Aber insgesamt zeigen die Indikatoren eher nach oben. Wenn wir uns die gegenwärtige Corona-Pandemie anschauen: Die ist für uns alle eine Belastung. Früher wäre diese aber noch schlimmer gewesen. Wir wären nicht in der Lage gewesen, das Virus so schnell zu entschlüsseln, einen Test zu entwickeln und so weit in der Forschung an einem Impfstoff zu sein. Wissenschaftler hätten sich bei weitem nicht so schnell austauschen können und in den Schulen hätte es keine Möglichkeit gegeben, auf Homeschooling umzustellen. Die Daten hätten nicht so schnell erfasst werden können. Das Schlechte wäre also früher noch schlechter gewesen.

Werfen wir einen Blick auf die Situation der Familien. Stehen die nicht heute stärker unter Druck?

In der Beratungsstelle ist die Zahl der Fälle von unter 200 im Jahr 1987 auf zuletzt über 600 angestiegen. Das sieht so aus, als hätte sich die Situation der Familien verschlechtert. Tatsächlich ist es aber so, dass Eltern, aber auch Kinderärzte oder Erzieher auf bestimmte Auffälligkeiten genauer geschaut haben. Man hat neue Erkenntnisse, ist besser informiert. Das ist eigentlich etwas Positives, was den Kindern ja zugute kommt.

War Kindheit früher nicht freier, schöner?

Die eigene Kindheit wird meistens als schön empfunden. Aber den Kindern ist es früher viel schlechter ergangen. In Bezug auf die Gesundheit etwa oder auch auf körperliche Züchtigung. Bayern hat erst 1970 die Prügelstrafe in den Schulen abgeschafft. Im Jahr 2000 folgte das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung. Früher war der Gehorsam das oberste Erziehungsziel.

Wie sollte man mit der Erinnerung an schlimme Erlebnisse umgehen?

Die Vorgehensweise hängt davon ab, in welcher Phase man sich befindet. Früher hat man gesagt, man solle das aufarbeiten. Tatsächlich ist es aber für die Leute nachteilig gewesen, wenn sie sich mit dem traumatischen Erlebnis immer wieder befassen mussten. Dadurch wurde es noch mehr zum Lebensmittelpunkt.

Es gilt, das Gefühl eines sicheren inneren Ortes wiederherzustellen, das verloren gegangen ist. Allgemein geht es darum, die Ressourcen und die Selbstwirksamkeit des Betroffenen zu stärken. Er sollte lernen, mit Gefühlen von Trauer, Angst, Scham, Wut, Ärger umzugehen. Wie kann es mir gelingen, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen? Wie kann ich das schlimme Erlebnis verblassen lassen, auch wenn die Erinnerung noch vorhanden ist? Bei traumatischen Erlebnissen benötigen wir oft therapeutische Hilfe. Das wäre jedoch ein neues Thema. Das Gespräch führte Ramona Popp.