Nein, die Wikinger sind nicht den Main hinaufgerudert und haben ihre Drachenboote am Fuß der Eierberge festgemacht. Der Hägar im Wappen der "Eierbergfreunde" hat keine tiefere Bedeutung, sagt Wolfgang Jäger. Dieser urige Typ mit dem Maßkrug passe aber gut zu den Wiesenern, denn das Brauen und Biertrinken hat in dem Dorf, das zwei Brauereien besitzt, eine lange Tradition.

Die "Eierbergfreunde" sind nicht bloß Stammtischbrüder und -schwestern, die am Feierabend zusammensitzen, um zu spintisieren. Klar, das gehört dazu. Sie verstehen sich vor allem auch als eine Art Kulturring. Wolfgang Jäger, der von Anfang an dabei ist, drückt sich so aus: "Wir sind für die Geselligkeit im Ort zuständig."

Konkret bedeutet das, dass die 61 Mitglieder alljährlich den Frühschoppen am 1. Mai auf dem Dorfplatz organisieren, dass sie die Kirchweih im Juli mit Fischerstechen und Gaudifußball planen und ausrichten, dass sie zusammen mit der Theatergruppe "Rampenlicht" dem Fasching Leben einhauchen und vieles mehr.

Am Anfang war der Tanz

Zur Vereinsgründung kam es Anfang der 1980er Jahre. "Man hat sich getroffen, bevor man aufn Tanz gegangen ist", sagt Wolfgang Jäger. Daraus entstand die Idee, sich doch regelmäßig in der Brauerei Thomann einzufinden und im eigenen Dorf die Feste neu aufzuziehen. Anfang Dezember 1984 ging die Gründungsversammlung über die Bühne. Seither sind die "Eierbergfreunde" ein richtiger Verein mit allem, was dazu gehört.

Dass sie die Vereinsmeierei bierernst nehmen, ist nicht zu befürchten. Erstes Indiz: Die Vereinsspitze besteht aus zwei Präsidenten, die Titel sind absichtlich pompös gewählt. Zweites Indiz: In ihre Satzung schrieben sie den Passus, dass unentschuldigtes Fehlen mit einer Geldstrafe geahndet wird. Drittes Indiz: Bereits kurz nach der Vereinsgründung gab es Überlegungen, die total passiven Mitglieder aus dem Verein auszuschließen - prompt kam es einen Monat später zu vier Ausschlüssen.

Viertes Indiz: Wie andere Vereine, haben auch die "Eierbergfreunde" gewisse Regularien bei der Hauptversammlung - so legen sie nach der Begrüßung eine Gedenkminute für die lebendigen Mitglieder ein. Fünftes Indiz: Am Heiligen Abend schmücken die Stammtischfrühschöppner den Christbaum mit Kuriositäten aus dem Jahresverlauf. Sechstes Indiz: Beim Säukopfessen zwischen Weihnachten und Silvester gestalten sie ein ganztägiges Programm im Jugendheim. Siebtes Indiz: Beim Gaudifußballturnier ziehen die Männer Damenkleidung an.

Das Schönste ist das Karteln

Jeden letzten Freitag im Monat treffen sich die "Eierberg freunde", die inzwischen 13 Frauen in ihren Reihen haben. Was das Schöne an einem Stammtisch ist? "Das Karteln", antwortet Werner Baumann und grinst. Wolfgang Jäger überlegt kurz und sagt: "Die Geselligkeit, die Spontaneität - und dass man sich keinen Kopf machen muss, 'was Falsches zu sagen."

Ach ja: Alljährlich kürt die fröhliche Runde ein Wort des Jahres. 2008 lautete es "Fladenbrot", weil für die Kirchweih doppelt so viel gekauft worden war als gebraucht wurde; 2009 war es "Weizenkarussell", denn ein solches hatten die Wiesener beim Besuch des Straubinger Gäubodenfests entdeckt; und 2010 ersannen sie den "Schnitt Schnaps" analog zum Schnitt Bier.

Besondere Bindung an den Wirt

Eine besondere Bindung haben die "Eierbergfreunde" zu ihrem Wirt Alfons Thomann. Ihm sandten sie über die Jahre hinweg viele Ansichtskarten aus den Urlaubsorten. Die Anschriften formulierten sie, liebevoll scherzend, mit kreativen Titeln: "An den Tropfbierwiederverwerter" oder "Trinkhallenbesitzer Alfons von Thomann".

Als der Brauer seine Gaststätte zum Jahresende 2012 schloss, weil er sie selbst nicht weiterbetreiben wollte und zunächst keinen Pächter fand, wurden die "Eierbergfreunde" heimatlos. Der Stammtisch traf sich, um mit einem Requiem dieses Wirtshaussterben würdig zu begehen.

Bei dieser Gelegenheit leerten die Gäste das letzte Fass Bier, so dass sie auf Flaschen umsteigen mussten. Für Bruno Schell (47), der als 17-Jähriger einen Bierkrug geschenkt bekommen hatte, der seither als sein persönliches Seidla beim Thomann stand und aus dem er 30 Jahre seine Halbe trank, war das eine Offenbarung: Beim Einschenken aus der 0,5-Liter-Flasche stellte sich nämlich heraus, dass der Inhalt nicht ins Krüglein passte, denn dieses fasste lediglich 0,4 Liter... Echte Wikinger ficht das nicht an, sie nehmen kleine Missgeschicke gelassen und haben die Größe, über sich selbst zu grinsen.

Mittlerweile ist die Welt für die "Eierbergfreunde" wieder in Ordnung. Alfons Thomann fand einen Pächter, die Gaststätte ist geöffnet, der Stammtisch hat seine Heimat wieder. Man darf gespannt sein, welches Wort des Jahres die Zecher heuer küren, nachdem sie 2012 "Wirtshaussterben" erwählt hatten.