Es sind manchmal nur Millimeter, die über Leben und Tod, aber auch über Hoffnung und Resignation entscheiden. Hoffnung hatten viele Ärzte bei Wolfgang Hoch im Herbst 2012 nicht mehr. Das änderte sich erst in den Sekunden, als sich der rechte Daumen des heute 58-Jährigen um einen Millimeter bewegte.

Ab diesem Moment bekam Wolfgang Hoch einen Knautschball in die rechte Hand gedrückt, den er so schnell nicht mehr abgab. Schritt für Schritt kämpfte er sich mit einem großen Willen wieder ins Leben zurück. "Ich wollte es unbedingt, ich habe es als Aufgabe angesehen", sagt er heute.

Im Juli 2012 war diese schwere Aufgabe noch weit weg. Hoch stand voll im Arbeitsleben, arbeitete 26 Jahre lang als Gutachter bei der Dekra. An einem heißen Sommertag fühlte er sich etwas schlapp. "Ich dachte damals nur, dass die Hitze zu viel war", erklärt er.
Wenige Tage später bricht Hoch zusammen - Diagnose Stammhirninfarkt. Seine rechte Körperseite war gelähmt, er konnte nicht mehr richtig sprechen und erkannte bekannte Menschen nicht mehr. "Meine Leistungsfähigkeit war komplett weg, ich war am Ende", sagt er. Der Infarkt kam für den 58-Jährigen vor vier Jahren völlig unerwartet. Erst im Nachhinein fiel ihm etwas auf: "Die zwei Wochen vorher hat sich meine Handschrift deutlich verändert, die wurde immer krakeliger." Mit dem Schicksal hat er aber nie gehadert. "Ich habe immer versucht, das Beste draus zu machen. Auch als ich im Rollstuhl saß, habe ich das akzeptiert", sagt er und fügt an: "Mein größtes Glücksgefühl war aber natürlich, dass ich irgendwann wieder laufen konnte und mobil bin."

Seit einem Jahr darf Hoch sogar wieder selbst Auto fahren. Auch etwas, was ihm kaum jemand zugetraut hatte. "In der Neurologie sagten sie mir, dass ich das nie mehr schaffen werde", sagt er. Doch Hoch bestand die Aufmerksamkeits-Tests mit Bravour. Das entsprechende Gutachten hat er im Handschuhfach seines Smart immer dabei. Wohlwissend, dass Leute mit Handicap nicht immer in der Öffentlichkeit als solche wahrgenommen werden. "Eine Bekannte mit Gehbehinderung ist einmal zu ihrem Auto gelaufen, als ein Mann zu ihr kam und sagte, sie solle sich schämen, um diese Uhrzeit schon betrunken zu sein", erzählt er nachdenklich und verweist auf seine eigene Gehbehinderung. "Wir leben in einer perfekten Gesellschaft, in der Leute mit Handicap nicht immer gerne gesehen sind."


Heilung individuell verschieden

Dabei nimmt sich der 58-Jährige gar nicht selbst aus. Er sei früher jeden Tag an der Schön-Klinik vorbeigefahren und habe sich nie Gedanken gemacht, was dort gemacht wird. Bis zu dem Tag, als er dort selbst seine Reha begann und auch heute noch therapiert wird. "Physiotherapeuten bringen Menschen wieder ins Leben zurück", sagt er. Bei ihm haben die Behandlungen besonders gut angeschlagen. "Wenn man meinen Gesamtzustand am Anfang und jetzt vergleicht, liegen dazwischen Welten", sagt er. Störungen in der Gehirnleistung oder Wortfindungsprobleme hat er heute nur noch selten. Wolfgang Hoch: "Man muss akzeptieren, dass es so bleibt, wie es aktuell ist. Das ist ja nicht selbstverständlich, es kann auch mal rückwärts gehen."

Dass der Heilungsverlauf bei Hirnschädigungen bei jedem unterschiedlich verläuft, nimmt Hoch auch bei den Treffen der Aphasie-Selbsthilfegruppe in Lichtenfels wahr. Seit zwei Jahren nimmt er regelmäßig an den Sitzungen teil, seit einigen Monaten ist er Gruppenleiter. "Ziel der Gruppe ist es, miteinander zu sprechen und gesellig beisammenzusitzen", erklärt er. Angesprochen werden einerseits Aphasiker, das heißt Menschen, die nach einer Hirnschädigung eine Sprachstörung erlitten haben. Aber auch Menschen, die keine Sprachprobleme haben, aber unter anderen körperlichen Einschränkungen in Folge einer Hirnschädigung leiden, sind in der Selbsthilfegruppe willkommen. Im Juli feiert die Selbsthilfegruppe ihr 20-jähriges Bestehen. Die Sitzungen sprechen nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen an. Auch Hoch wurde am Anfang von seiner Tochter begleitet. Mittlerweile ist er selbstständig und Leiter einer 20-köpfigen Gruppe. Wenn es um die Organisation eines Ausflugs geht, muss er nun auf andere Rücksicht nehmen. "Wir richten uns immer nach dem Schwächsten, weniger ist oft mehr", sagt er und erzählt von der gemütlichen Einkehr am letzten Montag in einem Himmelkroner Gasthaus. Sich über die kleinen Dinge des Lebens freuen - eine Botschaft, die Wolfgang Hoch bei seiner Reha von einem Professor mitbekommen hat: "Machen Sie ab jetzt nur noch die Sachen im Leben, die Ihnen auch Spaß machen", erinnert er sich gerne an dessen Worte.