"Ich möchte euch jetzt eine Sternengeschichte von unserem Kindergarten St. Michael erzählen. Vor vielen Jahren ist über unserem Kindergarten ..." Ulli Zenk bricht ab und Tränen rinnen ihr übers Gesicht. Vor ihr in der katholischen Kirche in Ebensfeld haben sich an diesem Dienstag die Kinder und Erzieherinnen der "Kelbach-Strolche" der Kindertagesstätte St. Michael zu einer Sternenandacht versammelt.

Zuvor waren die Kinder in Gruppen mit selbstgebastelten Sternen vom Kindergarten zur Kirche gezogen. Es soll in dieser Andacht um Sterne gehen, die den Lebensweg der Kleinen erleuchten. Das zumindest denkt Erzieherin Karin Senger. Aber eigentlich, und das wird sie in wenigen Sekunden erfahren, ist die Sternenandacht ihr gewidmet. Denn Karina Senger geht nach 47 Jahren als Erzieherin in den wohlverdienten Ruhestand.

Ein Stern namens Karin

Ulli Zenk, Leiterin der Kindertagesstätte St. Michael, atmet tief durch und erzählt die Geschichte weiter: "Vor vielen Jahren ist über unserem Kindergarten ein heller, strahlender Stern aufgegangen. Der Stern leuchtete hell und warm und war immer für die Menschen im Kindergarten da. Selbst in dunkler Zeit hatte dieser Stern genug Energie, um andere wieder zum Leuchten und Weitermachen zu bringen. Den Stern, den kennen sehr, sehr viele Menschen und seit vielen Jahren freuen sich Kinder, Eltern und auch die Erzieherinnen, wenn sie diesen Stern sehen, und wenn dieser Stern für sie leuchtet. Und wenn ich diesem tollen Stern einen Namen geben darf, dann fällt mir ein Name ein. Ich nenne diesen Stern Karin."

Die Andacht für Karin Senger wurde wochenlang im Geheimen und unter strengen Corona-Auflagen geplant. Nicht zuletzt wegen der strengen Infektionsschutzregeln kann so nur ein Teil der Kindergartenkinder anwesend sein. Doch zur großen Freude aller Beteiligten glückt die Überraschung und schon bald kommen auch Karin Senger die Tränen.

Die Überraschung glückt

"Ich war total überrascht. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung", sagt sie wenig später, immer noch überwältigt von den Geschehnissen. Neben Pater Lijoy Jacob Thanikkal lässt es sich auch Pfarrer Rudolf Scharf nicht nehmen, der langjährigen Mitarbeiterin des Kindergartens persönlich Danke zu sagen. Harald Klier, Kindergartenbeauftragter der Kirchenstiftung St. Michael, und Robert Fritz, Chef des Elternbeirats, betreten im Laufe der Andacht plötzlich den Altarraum, um Karin Senger ihren Dank und Abschiedsgeschenke zu überbringen. Dass sich Hunderte Menschen auch noch Jahre oder Jahrzehnte später gerne an die schöne Kindergartenzeit erinnern, sei Karin zu verdanken, betont Robert Fritz in seiner Ansprache. "Du hast in vielerlei Hinsicht die Kinder über Jahrzehnte begleitet. Mit deinem Engagement, mit deiner Fürsorge, mit deiner Liebe hast du sie groß werden lassen", so der Chef des Elternbeirats, der seinen Dank stellvertretend für alle Eltern übermittelt.

Nicht nur den Eltern und Kolleginnen wird Karin Senger fehlen. Auf die Frage, ob sie ihre Karin vermissen werden, kommt das "Jaaaa" der Kinder der Froschgruppe wie aus der Pistole geschossen. Besonders das Basteln habe ihnen immer großen Spaß gemacht. Erst kürzlich wurde gemeinsam eine Krippe für Weihnachten gebastelt. Dass sie den Kindern so ein Lachen ins Gesicht zaubern kann, liebt Karin Senger an ihrem Beruf. Da sie selbst aus einer Großfamilie mit sechs Geschwistern stammt, war Kinderbetreuung schon immer ein Teil ihres Lebens. "Wir sind selber zu Hause sehr viele Kinder gewesen, und ich musste meine kleinen Geschwister mit versorgen. Das hat mir schon immer Spaß gemacht", erinnert sich Karin Senger.

Natürlich gab es in den vergangenen 47 Jahren immer wieder verschiedene Herausforderungen. Eine davon war der Umzug in den neuen Kindergarten. "Man musste sich an ein neues Haus gewöhnen und es gab dann mehr Gruppen", so Karin Senger. Mit den Jahren kam auch immer mehr Papierkram hinzu, den es zu bearbeiten galt. Von dem Ausbruch der Corona-Pandemie in diesem Jahr ganz zu schweigen.

Trotzdem und gerade deshalb lag den Kolleginnen von Karin Senger eine Verabschiedung im Rahmen des Möglichen am Herzen. Ihr großes Engagement, Kollegialität, ein großes Herz und die Gabe, jedes Kind so anzunehmen, wie es ist, sind Fähigkeiten, die Kindergartenleiterin Ulli Zenk an Karin Senger ganz besonders schätzt. "Sie wusste eigentlich alles. Egal, was im Haus gesucht wurde, sie wusste genau, was wo ist", fügt Ulli Zenk hinzu.

Auf die Frage, welche Pläne sie für den Ruhestand habe, antwortet Karin Senger: "Oh je, ich habe mir darüber noch gar nicht groß Gedanken gemacht." Durch ihre elf Nichten und Neffen und deren Kinder wird es Karin Senger aber auch in Zukunft nicht langweilig werden. Außerdem möchte sie verstärkt ihrem Hobby, dem Bedienen, nachgehen. Nach der Corona-Pandemie plant sie als freiwillige Helferin wieder in den Kindergarten zurückzukehren, um so weiterhin für die Kinder da zu sein.

Dann ist da noch etwas, worauf sich Karin Senger ganz besonders freut: "Ich freue mich darauf, dass ich nicht mehr so früh aufstehen muss. Heute früh, als mein Wecker geläutet hat, dachte ich mir: Heute ist der letzte Dienstag, an dem du aufstehen musst. Ab nächster Woche kannst du schlafen bis in die Puppen."