Soll ich hier wirklich weiterfahren? Ja Matze, das sollst du. Auch wenn sogar dem Redakteur nicht ganz wohl ist, als er mit dem Fotografen am Steuer der Stimme aus dem Navigationsgerät folgt. Links halten. Der Straße weiter folgen. Hier geht es, wenn überhaupt, nur noch links, und "Straße" ist übertrieben. Der Pfeil ist ist mitten im Wald bei Motschenbach gelandet. Allradantrieb wäre gefragt, nicht das Sportfahrwerk des Dienstwagen von Matthias Hoch. Mit einem Loch in der Ölwanne liegen bleiben? Der Fotograf unkt, der Reporter bangt: Wie soll man in diesem Wald eine einzige Geschichte - und wie wieder rausfinden? Und doch fängt so ein Glückstag an, werden Matthias Hoch und Günter Flegel zwei Stunden später sagen, als sie mit einer Kamera voller Bilder und einem Notizblock voller Geschichten Motschenbach bei Blitz und Donner wieder verlassen.

Den schmalen Waldweg blockieren zwei riesige Lkw. Keine fünf Meter vom virtuellen Treffpunkt des Dartpfeils auf der Frankenkarte entfernt, führt uns GPS zu Tobias und Martin, die Holzstämme aufladen. Käferholz, im Auftrag der Staatsforsten. "Das geht in ein Sägewerk nach Landshut", sagt Martin.

Schwerelos durch die Luft

Der Krangreifer packt zu, tonnenschwere Stämme schweben schwerelos durch die Luft. Ein Fest für den Fotografen und ein Auftakt nach Maß. Die vorsorglich fotografierten Hinweisschilder an den Bäumen werden wir nicht brauchen. Immerhin erfahren wir so, dass die namenlose "Straße" im Wald Batzenbergweg heißt. Jetzt aber den Rückwärtsgang rein und zur nächsten Abzweigung navigiert, um den Wagen zu wenden und in den nächstgelegenen Ort zu fahren: Motschenbach.

Das Ortsschild ist verblasst, die Straße menschenleer. Beim Durchfahren fallen schmucke Höfe auf, eine schöne Kirche. Ein fränkisches Dorf wie so viele andere? Mal sehen. Wir parken an der Kirche, Matthias Hoch sucht nach Motiven, Günter Flegel nach Menschen. Beide landen Volltreffer. Die Lisl, so wird sie sich wenig später vorstellen, zupft im Vorgarten eines blitzsauberen Gehöfts Unkraut. Schön ist es in Motschenbach, sagt sie, es lebt sich gut hier. Aber wenn ich es genauer wissen will, dann soll ich die Marie fragen. "Die lebt am längsten hier."

Wo jeder jeden kennt

Das ist der Motschenbach-Effekt, der sich an diesem Tag wieder und wieder einstellt. "Die Marie" will zwar eigentlich nicht in die Zeitung, aber sie plaudert bereitwillig, und sie soll sich "nedd so zier'n", wie der Michael sagt, der ebenfalls im Hof zu gange ist und von allen nur Mac genannt wird. "Von früher, vom Musikmachen."

Das fidele Trio mit den beiden seltsamen Fremden fällt der Nachbarin Marianne auf, die in ihrem Garten saftig rote Tomaten erntet. Als sich Reporter und Fotograf nähern, stimmen die Gänse in Mariannes Gartenparadies ein ohrenbetäubendes Konzert an. Die Kamera klickt und klickt.

Nicht die Bohne

Marianne schickt uns um zwei Ecken zu ihrem Sohn, der auf seiner kleinen Farm am Ortsrand Esel hält. So weit kommen wir aber nicht , weil ein Auto mit zwei Besuchern aus Kulmbach hält. "Guckt mal da nei den Hof, da sind zwölf junge Hunde." Tatsächlich: Der Wurf ist ein rundes Dutzend zum Knuddeln. Im "Zwinger vom Seeliggrund" hat sich die Deutsch-Kurzhaar-Dame "Bohne" beziehungsweise Herrchen/Frauchen Tino und Michaela Eber zur Familiengründung entschlossen. Der Fotograf stürzt sich mutig ins Getümmel, er verliebt sich in die Welpen und die Welpen in seine Waden. Die Kamera rattert sich heiß.

Vom Hund losgekommen, warten im Garten von Michael Barnickel bereits wieder einige von Motschenbachs Best Topmodels: Die Esel Eva und Oskar grinsen zusammen mit den Kindern Hanna, Noah und Jakob so selbstverständlich in die Linse, als hätten sie nur auf Matze Hoch gewartet.

 

Der Favoritenschreck

Bei Barnickels erfahren wir, dass wir uns in Motschenbach im "Tal des Todes" befinden. Die Nachwuchs-Fußballer haben sogar Kappen mit diesem Aufdruck. Wenn wir mehr wissen wollen, dann sollen wir wieder zwei Ecken weiter zum Sportplatz. Der Weg dahin führt noch einmal an Michael "Mac" und Co. vorbei, und das Trio hat noch einen Tipp für die Zeitungsleute: Am Ortsrand, gleich neben dem Sportplatz, fände man eine kleine, aber feine Töpferei. Die Serie reißt nicht ab.

Am Sportplatz machen Manfred und Figurd ("Ich bin der Vorstand") grad Pause. Auf dem satten Grün läuft der Rasensprenger. Das sieht alles sehr lebendig aus, warum also Tal des Todes? Figurd ("Jaja, das ist ein nordischer Name") erzählt von der legendären Zeit in den 70er Jahren, als die Fußballer des SV Motschenbach im Pokal zum Favoritenschreck wurden. Der Sportverein ist bis heute eine große Nummer im Ort und neben der Kirche der wichtigste Treffpunkt, seit die beiden Gastwirtschaften zu sind. Motschenbach: 180 Einwohner. SV: 370 Mitglieder.

Ein Drehwurm

Letzte Station: die Töpferei "Drehwurm", wo die aus Thüringen stammende Heike Flaschka Kunstwerke aus Ton zaubert. Als alle Bilder im Kasten sind, öffnet der Himmel über Motschenbach seine Schleusen. Sollen wir wirklich schon wegfahren? Fragt der Fotograf. Ja. Wir müssen wohl. Leider.

Am Donnerstag verschlägt es Charlotte Wittnebel-Schmitz und Ellen Mützel nach Pfändhausen in Unterfranken.