Die Zahlen zum Ausbildungsstart lassen aufhorchen. Oberfrankenweit wurden - Stand Ende August - heuer 10,7 Prozent weniger Lehrverträge im Handwerk abgeschlossen als im gleichen Monat des Vorjahres. Es waren 1694. Im Landkreis Lichtenfels waren es 127, was gar ein Minus von 12,41 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat bedeutet. Woran liegt das? "Der Wegfall der Ausbildungsmesse kann einer der Gründe sein", mutmaßt Danny Dobmeier, Leiter der Geschäftsstelle der Handwerkskammer in Lichtenfels. Die hatte im März wegen des Corona-Lockdowns abgesagt werden müssen. Sonst waren alle Jahre rund 400 Personen bei dieser Veranstaltung in der Berufsschulturnhalle zusammengekommen, und so manch ein Lehrvertrag konnte dabei angebahnt werden.

Die Tatsache, dass die Statistik für den hiesigen Landkreis im Juni sogar noch ein fast dreimal so hohes Minus (32,18 %) an Ausbildungsverträgen aufwies zeigt, dass mit der Corona-Krise Bewerbungsprozesse offenbar ins Stocken geraten waren. Es ist eine zeitliche Verzögerung eingetreten. Immerhin konnte der Rückstand seither um die genannten Prozentpunkte wieder ausgeglichen werden. Aber eben nicht ganz.

Warum es den einen Landkreis stärker getroffen hat als den anderen, lasse sich nicht schlüssig erklären, sagt Ulrich Förtsch, der Pressesprecher der Handwerkskammer für Oberfranken in Bayreuth. Strikt zu trennen sind die Regionen ohnehin nicht, denn: Junge Leute, die zwar in Lichtenfels wohnen, aber in einem Kulmbacher oder Coburger Betrieb eine Ausbildung beginnen, sind in der Statistik in Kulmbach oder Coburg erfasst. Und noch gibt es Hoffnung, dass es nicht bei den 127 neuen Ausbildungsverträgen bleibt, die in Handwerksbetrieben im Landkreis Lichtenfels geschlossen wurden.

Der 1. September ist zwar offizieller Beginn des Ausbildungsjahres, aber kein Stichtag, nach dem die Türen zu sind. Der Weg ins Handwerk bleibt offen, über jeden Beruf können sich Interessierte auch im Internet kundig machen. Das Portal der Handwerkskammer Oberfranken weist noch über 400 offene Ausbildungsplätze aus - und es hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn nicht alle Firmen lassen sich darin aufnehmen oder aktualisieren den Eintrag regelmäßig. Kreishandwerksmeister Mathias Söllner betont: "Man kann sich immer rühren."

Bei einem späteren Einstieg verlieren Auszubildende auch nicht zwingend ein Jahr, merkt Ulrich Förtsch an. Es hängt vor allem von der betreffenden Berufsschule ab, ob man im Oktober oder November noch den Anschluss kriegt. Aber im Prinzip ist eine Bewerbung jederzeit möglich.

Das unterstreicht auch Dachdecker Denis Kreßner. Er hat zwar heuer "seinen" Lehrling schon im März gefunden - in der Regel bildet der in Lichtenfels-Schney ansässige Betrieb einen pro Jahr aus - , aber es waren auch schon mal zwei. Und weil im Handwerk Fachkräfte händeringend gesucht werden, stehen die Chancen auf eine Übernahme sehr gut. Im vergangenen Jahr hatte Kreßner in einem Zeitungsinserat sogar ganz gezielt "Spätzünder" angesprochen.

"Bei uns bekommt jeder eine Chance und die Möglichkeit, sich zu entwickeln", sagt der Leiter der HWK-Geschäftsstelle Lichtenfels. Dobmeier findet, dass man bei der Industrie, die mehr Bewerber anziehe, oft "nur eine Nummer" sei, im Handwerk hingegen eine Persönlichkeit. Durch die derzeitige Krise sei ein Großteil der Handwerksbetriebe - natürlich abhängig von dem Geschäftsmodell - ganz gut durchgekommen. Die meisten hätten aktuell noch sehr gut zu tun. Das "noch" an dieser Stelle bezieht Dobmeier darauf, dass Wirtschaftswissenschaftler einen großen Einbruch prognostizierten. Es besteht die Gefahr, dass Aufträge wegbrechen, weil das Geld dafür nicht da ist. Dennoch überwiegt die Zuversicht. Das Handwerk sei dafür bekannt, sich mit jeder Situation zu arrangieren. Bei Dachdecker Kreßner hört sich das so an: "Jetzt ist die Zeit des Handwerks." Man habe schon andere Krisen überstanden und werde auch diese überstehen. "Handwerk hat goldenen Boden", das gelte noch immer.

"Keine verlorene Zeit"

Der Lichtenfelser Schreinermeister Dieter Vogler stellt den Wert einer handwerklichen Ausbildung noch unter einem anderen Aspekt dar: Man erwerbe Lebenserfahrung und Wissen, das man auch dann für sich nutzen kann, falls man beruflich einmal einen anderen Weg einschlagen wird. Als Schreiner beispielsweise im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung. Ein Handwerk zu erlernen, wenn man noch keinen genauen Plan hat, sei deshalb ganz gewiss keine verlorene Zeit.