Der Kneipp-Verein hatte Pater Christoph Kreitmeir zu einem Vortrag in die ehemalige Synagoge eingeladen. "Frei im Kopf und in der Seele durch Bewegung" lautete sein Thema, das auch der Kneipp'schen Lehre nicht fremd ist.

Kreitmeir stellte die Wichtigkeit einer Balance zwischen Körper, Geist und Seele heraus. In früheren Jahrhunderten sei der Körper gegenüber Seele und Verstand vernachlässigt worden, was auch die Worte "Ich denke, also bin ich" des französischen Philosophen René Descartes (1596-1650) verdeutlichen würden. Auch mit Blick auf die asiatische Denkweise revidierte man im Lauf der Zeit die Entfremdung vom Körper.

In den letzten Jahrzehnten habe sich aber mit einer Überbetonung des Körpers das andere Extrem eingebürgert. Die neue Körperlichkeit unterscheide sich von der alten nur wenig: Beiden sei der Körper nicht gut genug.
Es gelte deshalb, das Ausbalancieren zwischen Körper, Geist und Seele neu zu lernen.



Ganzheitliche Betrachtung

Nach dem Motto "Bewegung tut gut und macht auch Kopf und Seele frei" wollte der Theologe und Sozialpädagoge den vielen Besuchern die enge Verbindung zwischen Bewegung und körperlichem, seelischen und geistigen Wohlbefinden näherbringen. Dass Bewegung eine Fitnessquelle für Körper, Geist und Seele sein könne,

habe schon der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) erkannt. Regelmäßiges Gehen mache frei und schenke Entspannung. Deshalb lautete der Rat Pater Christophs: "Wenn es Ihnen schlecht geht, gehen Sie auf Schusters Rappen." Die gleichmäßige Bewegung helfe den Menschen, ausgeglichener und stabiler zu werden. Das "sich bewegen", ob beim Spazierengehen oder beim Wandern führe zu einer wohltuenden Entschleunigung.
Man könne dabei Selbstgespräche führen, mit einem imaginären Anderen sprechen (beispielsweise mit Gott), könne Tagträumen nachhängen und die Natur erfahren. Auch im Urlaub sollte man solche Ruhephasen einlegen. In der Realität kämen die meisten Menschen aus dem Urlaub gestresst nach Hause.

Ein besonderes Mentaltraining stelle das Geh-Beten, also die Verbindung von Bewegung und Gebet, dar. Egel, ob das im Rahmen einer Wallfahrt oder allein, zu zweit oder in einer Gruppe auf einem Pilgerweg geschehe. Auch heute noch würden viele Menschen, sowohl junge als auch alte, gläubige als auch zweifelnde den Glauben unter ihre Füße nehmen und mit anderen Menschen zusammen betend durch die Natur pilgern. Nicht zuletzt durch den Bestseller von H. P. Kerkeling "Ich bin dann mal weg" bekam auch die Pilgerschaft auf dem Jakobusweg nach Santiago de Compostela enormen Auftrieb.

Diese Gebetsübungen, bei denen Körper, Verstand, Geist und Seele gleichermaßen angesprochen würden, ermöglichten es, in uns selbst und in unseren Lebensraum zu schauen, betonte Pater Kreitmeir. Indem wir mit Gott ins Gespräch kommen, würden wir innerlich gelassener und ruhiger. Wenn Menschen mit einer Gruppe wandern, gehe es in den Gesprächen meist um Alltagsprobleme. Gehe man dagegen schweigend oder betend, dann könne man eher abschalten. Beten sei auch Meditation.

Schließlich nannte der Theologe fünf erprobte Schritte im Hinblick auf das Geh-Beten. Man sollte Abstand nehmen vom Alltagsgeschehen, offen werden (um gleichsam mit der Atemluft das Gute einzuatmen und das Belastende auszuatmen), sich auf sein Leben besinnen (um sich belastende Dinge von der Seele wegzulaufen), daran denken, dass uns jeder Schritt sowohl geistig, mental, seelisch und körperlich nach vorn bringt und zuletzt die ständige Wiederholung als Teil eines Mentalitätstrainings sehen, womit unser Leben ausbalancierter und stimmiger werde.