Hoch oben über dem Obermain. Ein leiser Wind trägt das nicht weit entfernte Stimmengemurmel der Bergbesucher über das Plateau. Versammelt am Staffelbergkreuz blickt eine Gruppe von Menschen gebannt in die umliegenden Täler. Doch wer glaubt, hierbei handelt es sich um einen einfachen Staffelbergbesuch um den sonnigen Sommerferientag zu nutzen, liegt nicht ganz richtig.

Unter der Leitung von Bernhard Christoph traten im Rahmen des Sommerferienprogramms des evangelischen Bildungswerks Lichtenfels (EBW) 20 Geschichtsinteressierte eine Reise in die Zeit von vor über 2000 Jahren an und begaben sich damit auf die Spuren der Kelten.

"Herr Christoph hat sich darauf eingerichtet, kindgerecht zu zeigen, was hier vor 2000 Jahren passiert ist", erklärt Joachim Wegner, Leiter des EBW, zunächst zu Beginn der Führung auf dem Wanderparkplatz Romansthal den Umstehenden und nach kurzem Hinweis zum coronabedingten Abstandhalten übergibt er das Wort an seine Frau Martina. "Wo komm' ich denn her?" und "Wie haben die früher gelebt?", "Wie sah es hier in der heute so beliebten Wanderregion am Staffelberg eigentlich früher aus?" Das sind die Fragen, denen die Erkundungstruppe mit der Führung nun nachgehen wird und sich damit auf den Spuren der Kelten macht.

Um das Bild eines typischen Kelten wie wir ihn uns vorstellen vor Augen zu führen, stattet Christoph einige der kleineren "Krieger" als Einstieg mit der richtigen Bewaffnung aus. Die hölzernen "Lanzen", die er aus den Tiefen seines Kofferraums hervorholt, haben etwa die Größe der jungen Träger und vermitteln ihnen auch ohne metallener Spitze, wie sich ein Krieger damals wohl in Erwartung eines Angriffs gefühlt haben muss. "Sie sind nach allen Abbildungen, die wir kennen, die Hauptbewaffnung gewesen", erklärt er und weißt anschließend darauf hin, das Replikat eines echten Keltenschwertes haltend: "Das Schwert hier ist komplett aus Metall und war meist nur die fantastische Waffe des Häuptlings".

Rund ums Oppidum

Bevor die Erkundungstour rund um das Oppidum, so die Bezeichnung für eine damalige stadtähnliche Siedlung, in Bewegung kommt, zeigt der Keltenexperte noch eine 2400 Jahre alte Vase, denn "Kelten waren vor allem eines: Handwerker und nicht nur Krieger."

An der ersten Informationstafel zum keltischen Oppidum auf dem Staffelberg angekommen, verlässt die Gruppe bereits die bekannten Wege des gewöhnlichen Wanderers und Christoph führt zielstrebig über das nächste Feld, entlang des ehemaligen Schutzwalls. Früher eindrucksvolle fünf Meter hoch, zeugen heute nur noch mit Buschwerk bewachsene Hügelerhebungen von den Stufen, auf denen früher die keltischen Behausungen standen. "Auf der Hochebene hier verlaufen die alten Straßen der Kelten", beginnt Christoph vor dem weitläufigen Ausblick auf das Löwental zu erzählen.

Oben auf der Hochebene, an einer Stelle, die gut zu schützen ist, sei dafür die optimale Situation, da Angreifer erst 80 Meter am Wall entlang müssten. Mit dieser logischen Schlussfolgerung und Hinweisen aus der Erdmagnetik konnte erst vor wenigen Jahren der Standort eines zweiten Tores, dem Osttor zum Oppidum, neben dem bereits bekannten ausgegrabenen Westtor am Staffelberg topografisch bewiesen werden.

Da die Kelten im ständigen Kontakt mit den Germanen und Römern standen, um Handel zu treiben, hatten die Straßen einen hohen Stellenwert. Honig, Felle und Metallwaren waren beliebte Handelswaren, aber auch Germanen selbst, die nach den Beutezügen der Kelten als Sklaven an die Römer verkauft wurden. "Wir wissen das aus der griechischen Geschichtsschreibung und Funden", so Christoph: " Denn unter denen gibt es auch Halsriemen."

Als die Gruppe einen schmalen Pfad durchs Unterholz betritt, macht Christoph kurz Halt. "Das hier ist zwar eine seltsame Stelle, aber auch eine wichtige für das Oppidum", macht er es spannend und deutet auf eine Versenkung im Waldboden. Als Himmelsteich bekannt stehen die Kelteninteressierten nun an den Überbleibseln der früheren Zisterne. "Brauchwasser" wurde hier für die Versorgung der Tiere gesammelt, denn die Trinkwasserversorgung bezogen die Kelten aus einer Quelle im Löwental, von der die Kinder Wasser holten. "Wenn man auf einer Hochfläche ohne Wasser lebt und dafür jedes Mal über 600 Meter gehen muss, lernt man das Wasser sicher ganz anders zu schätzen, als wir das in der heutigen Zeit tun", so Bernhard.

Die Lage des Westtors

Nach kurzem steilem Anstieg auf dem dicht bewachsenen Pfad findet sich die Gruppe nun auf der Rückseite der Staffelbergklause wieder ein Stück in der Zivilisation. Doch während Wanderer den Weg zur Kapelle oder der nächsten Brotzeit suchen, erkundet Bernhards Truppe nun die Lage des an anderen, zweiten Tores, dem Westtor, den Platz der Keltengräber und einem Loch, nicht weit vom Staffelbergkreuz. Letzteres sei eine verstürzte Höhle, auch Doline bezeichnet und der reale Hintergrund für die Sage um den Fisch im Staffelberg.

Die Sage um den Goldschatz im Staffelberg, habe keltischen Ursprung, so Bernhard: "Wir wissen, dass an höchster Stelle im Oppidum ein Heiligtum ist. Diese Sage ist wohl vor dem Hintergrund der Opferstätte der Kelten entstanden."

Zum Abschluss der Führung hat der Keltenexperte etwas mitgebracht und die Gruppe versammelt sich noch einmal an den Bierbänken der Staffelbergklause. "Zur Zeit der Kelten starben viele junge Frauen schon im Kindbett. Waren es hochgestellte Persönlichkeiten wurden sie besonders beerdigt", erklärt er und einen bronzenen Reif aus seiner Tasche, den einige der Kinder vorsichtig anprobieren dürfen. "Schön sieht das aus", fällt Sonjas Schmuckbewertung aus.

Als Christoph noch eine Glasperle zeigt, ist Tim sehr verwundert über das Material. "Man merkt gar nicht, dass das Glas ist", lobt er die keltische Handwerkskunst und obwohl bereits vor Bernhards Keltenführung interessiert, ist er jetzt umso begeisterter von der keltischen Kultur und Geschichte.

"Meinen Sohn interessieren die Kelten schon eine Weile und da dachten wir, wir verbinden das gleich mit einen Familienausflug", so Tims Mutter. Damit trifft sie die Idee des evangelischen Bildungswerks sehr gut.

"Es gibt oft nur Programme entweder für Erwachsene oder für Kinder. Wir wollten etwas anbieten, damit Eltern und Kinder gemeinsam etwas unternehmen", weiß Joachim Wegner hin. Und bevor sich die Keltengruppe wieder unter die normalen Wanderer und Staffelbergbesucher mischt und damit endgültig aus der Reise in die Zeit der Kelten zurückkehrt, fügt er dankend an: "Mit Bernhard Christoph hatten wir heute einen Experten vor Ort. Der normale Besucher läuft hier an so vielem vorbei ohne zu wissen was für Geschichte hier steckt. Beim nächsten Ausflug werden wir wohl den Staffelberg mit anderen Augen sehen, denn wir waren auf den Spuren der Kelten."