Der zuständige Herr in Würzburg kennt die Örtlichkeit nicht, das merkt man an seiner Nachfrage: Wöhrdstraße, welche Hausnummer? Dabei vertritt der Referent aus dem Landesamt für Finanzen den Eigentümer eben dieses Grundstückes: Die ehemalige Reinigung Götz, die in Lichtenfels fast jedem ein Begriff sein dürfte, gehört seit Anfang vergangenen Jahres jener Behörde. Die Inhaberin der Reinigung starb 2014; ihr Erbe wurde ausgeschlagen.
Verwunderlich ist das nicht. An Standorten chemischer Reinigungen besteht wegen der Verwendung von leichtflüchtigen Halogenkohlenwasserstoffen (LHKW) als Löse- und Entfettungsmittel generell Altlastenverdacht. Zu diesen giftigen Stoffen zählt das auch von der Firma Götz benutzte Reinigungsmittel Per (Tetrachlorethen). Bereits bei Untersuchungen Ende der 1980er Jahre wurden auf dem Betriebsgelände mit LHKW verunreinigte Bereiche festgestellt, wie Andreas Grosch, Pressesprecher des Landratsamtes, auf Nachfrage unserer Zeitung berichtet. Im Oktober 1990 habe die Behörde die Sanierung angeordnet. Bodenluftabsauganlagen sollten zum Einsatz kommen und auch die Grundwassersanierung sollte vorbereitet werden. Denn: Das verwendete Reinigungsmittel hat die Eigenschaft, sich schnell durch Mauerwerk zu verflüchtigen und so auch in den Boden und schließlich in das Grundwasser zu gelangen.
Den Auftrag dazu vergab das Landratsamt 1993 im Wege der Ersatzvornahme. "Es wurde daraufhin in drei Schadensbereichen über jeweils drei Bodenlanzen Luft, und damit auch das gasförmige LHKW, abgesaugt und über zweistufige Aktivkohlefilter gereinigt", beschreibt Grosch. Parallel dazu sei LHKW-belastetes Grundwasser über einen Sanierungsbrunnen abgepumpt und nach Reinigung in einer Desorptionsanlage in den Mühlbach eingeleitet worden.


Gewerbe 2012 abgemeldet

Bis 1997 arbeitete die Firma Götz vor Ort weiter, anschließend war der Standort nur noch Annahmestelle für eine auswärtige Textilreinigungsfirma, an die man die Geschäftsräume vermietet hatte. Im Jahr 2012 wurde das Gewerbe in der Wöhrdstraße abgemeldet.
Schon im Jahr zuvor war die Bodenluftabsaugung eingestellt worden. "Nachdem nur noch ein geringes Gefährdungspotenzial anzunehmen war, wurde die Fortführung dieser Maßnahme aus Verhältnismäßigkeitsgründen nicht mehr für sinnvoll und notwendig erachtet", berichtet der Pressesprecher des Landratsamtes. Insgesamt seien 1243 Kilogramm LHKW entfernt worden. Die Grundwassersanierung wurde nach Angaben der Behörde bis zum Frühjahr 2012 kontinuierlich durchgeführt, danach wurde auf Intervallbetrieb - in der Regel zwei- oder dreimonatiger Betrieb und Stillstand im Wechsel - umgestellt. "Bis jetzt konnten zirka 600 Kilo LHKW ausgetragen werden", so Grosch. Derzeit stimme das Landratsamt das weitere Vorgehen mit den neuen Beteiligten ab. Das Landesamt für Finanzen in Würzburg verweist allerdings an das Landratsamt Lichtenfels, wenn es nach künftigen Schritten gefragt wird, die auf seinem Grundstück geplant sind. Vizepräsident Johannes Eichinger erklärt, das Landesamt strebe - wie grundsätzlich bei geerbten Immobilien - die Veräußerung an. Dies vor allem mittels Ausschreibungen.
Der Freistaat Bayern ist derzeit - Stand November 2016 - (Mit- )Eigentümer von insgesamt 3037 Immobilien aus Erbschaften, 1263 davon befinden sich in seinem Alleineigentum. 586 von diesen Immobilien liegen in Oberfranken.
Derweil kündigt Finanz- und Heimatminister Markus Söder in einer Pressemitteilung an, dass sich der Freistaat mehr um die Verwaltung und Verwertung solcher Nachlassimmobilien kümmern will - indem er in den nächsten beiden Jahren drei Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung stellt. Mit dem Geld sollen Betreuung und Pflege geerbter Immobilien intensiviert und mehr abrissfähige Gebäude aus dem Ortsbild entfernt werden.


Minister will Situation verbessern

"Damit leisten wir einen zusätzlichen Beitrag zur Verbesserung des Ortsbildes und zur Steigerung der Standortattraktivität", sagt Söder. Wegen Unterhalt und Betreuung von "Problemimmobilien" wolle man verstärkt mit den kommunalen Bauhöfen zusammenarbeiten. "Außerdem verbessern wir die Kommunikation mit den Kommunen durch ein System fester Ansprechpartner beim Landesamt für Finanzen." Primäre Aufgabe des Freistaates bleibe es allerdings, die geerbten Immobilien zeitnah zu veräußern, betont der Minister. Die derzeitige Erfolgsquote liege zwischen 70 und 95 Prozent.
Im Hinblick auf die im Altlastenkataster registrierte Fläche in Lichtenfels dürften die Aussichten nicht die besten sein. Eine solche Vorgeschichte ist für Interessenten eher abschreckend, obgleich eine neue Bebauung mit Wohngebäuden oder eine gewerbliche Nutzung grundsätzlich vorstellbar sei, wie seitens der Stadtverwaltung betont wird. Ein hinterer Teil des Gebäudes - Hausnummer 16 a - wird derzeit durch einen Autoteilehandel genutzt.
Sebastian Müller vom Bürgermeisteramt merkt an, dass sich belastete Flächen für die Stadtentwicklung besonders anböten. "Für eine nachhaltige Stadtplanung ist es wichtig, Gebiete dieser Art einer neuen Nutzung zuzuführen und aufzuwerten." Die Renaturierung solcher Flächen wäre ein möglicher Ansatz zur Verbesserung der Situation vor Ort.