13 Namen, 13 vergilbte Fotos und 13 Geburtsdaten standen am Anfang. Dann machten sich die Schüler des P-Seminars Geschichte zusammen mit ihrem Lehrer Manfred Brösamle-Lambrecht an die Arbeit. Das Ergebnis füllt eine umfangreiche Ausstellung, ein über 100 Seiten dickes Begleitbuch, knüpft Kontakte nach Übersee, erregt bundesweit Aufsehen und hat das Gesicht von Lichtenfels verändert.

"Wir wünschten, unser Thema wäre nicht so aktuell", sagt Brösamle-Lambrecht zu Beginn und erinnert an rechte Parolen, Verharmlosungen historischer Ereignisse, Diskriminierung und Anschläge. 2018 und nicht 1938. "Wenn wir eines in diesem Seminar gelernt haben, dann dass so etwas nie wieder geschehen darf", sagt Sophie Rauh.

Wie gingen die Schüler vor? Welche Spuren verfolgten sie? Was macht das mit einem, wenn man die Biografien von 13 Menschen rekonstruiert, denen 1938 der Führerschein entzogen wurde, weil sie Juden waren? Am Donnerstag luden sie zum Werkstatt-Gespräch in die ehemalige Synagoge, um über ihre Arbeit und ihre Gefühle zu sprechen.

Im Internet suchten sie nach Grabsteinen, Inschriften und Todesanzeigen. In Archiven in Lichtenfels, Bamberg oder Coburg nach persönlichen Briefen, Steuerunterlagen und Deportationslisten. "Wir fanden als Erstes ein Dokument über Schutzhaft, Deportation und Ermordung von Alfred Oppenheimer", sagt Luise Aumüller. "Wir rekonstruierten sein Leben und das seiner Familie und wussten von Anfang an, dass diese Geschichte mit dem Tod endet." Und sie spricht von Trauer, Wut und tiefen Gefühlen. "Er sieht so sympathisch aus auf dem Foto, deshalb habe ich ihn ausgesucht", sagt Sophie Rauh. Sie spricht von Leo Wolf aus Altenkunstadt, der im 1. Weltkrieg verwundete Kameraden aus der Frontlinie gerettet hatte. Da war er noch Deutscher gewesen. 1942 ging er mit drei Militärorden an der Brust in den Tod. Da war er Jude. Seine Tochter Margot wurde nur 13 Jahre alt. "Ich hätte ihn gern kennengelernt", sagt Sophie.

Eine Spur verläuft im Sande

Die Suche nach Josef Kraus war schwierig. "Wir fanden viel über seinen Vater, den Stadtrat Carl Kraus, das überschattete seinen Sohn", sagt Simon Bornschlegel über eine Recherche, die viele Fragen offen ließ. Ein kleiner Lesefehler hatte große Folgen: Fischbach statt Fischach entzifferten die Schüler und verfolgten eine Spur, die im Sand verlief. Ein kleiner Lesefehler - auf einer Deportationsliste der Nazis. "Dieser Spur gehen wir auf jeden Fall noch nach", versichert Markus Betz. "Natürlich wissen wir aus der Schule viel über den Nationalsozialismus, aber mit diesem Projekt wurden aus Zahlen Menschen, aus schrecklichen Ereignissen konkrete Schicksale", sagt Francesca Schütz.

"Gänsehaut. Dieses Wort trifft das am besten, was wir immer wieder empfanden", sagt Manfred Brösamle-Lambrecht. Gänsehaut bei guten Nachrichten. Gänsehaut bei schlechten Nachrichten. Gänsehaut beim Schreiben von Briefen und E-Mails an mögliche Nachkommen. "Ich habe mir vorgestellt, wie das für mich wäre, wenn ich aus einem anderen Land von einem wildfremden Menschen eine Nachricht über meine Urgroßeltern bekommen würde", sagt Luise Birkner.

Gänsehaut in langen Phasen des Wartens. Warten auf Antworten von Archiven und jüdischen Gemeinden aus der halben Welt. Gänsehaut, als tatsächlich Antworten kamen. "Wir sind sehr aufgeregt." "Ich weine." "Ich will mit Deutschland nichts mehr zu tun haben." "Wir finden euer Projekt großartig und kommen gern zur Vernissage." Gänsehaut, als sie endlich Fotos in Händen halten und "Gänsehaut, als wir die Familien abgeholt haben und diesen Menschen wirklich begegnet sind", erinnert sich Victoria Thiel.

Gänsehaut, wenn sie darüber nachdenken, was ein kleines Schulprojekt alles bewirkt hat. Acht der 13 Führerscheininhaber konnten emigrieren. Ihre Familien leben in den USA und Südamerika. Kontakte nach Australien sind geknüpft. Fünf Menschen und ihre Familien wurden von den Nazis umgebracht.

Ellie, die Urenkelin von Inge Stanton, die die Reichspogromnacht in Lichtenfels als Achtjährige von einem Nachbarn versteckt miterlebt hatte, sprach bei der Verlegung der Stolpersteine ein Gebet. Auf Englisch, denn sie lebt in den USA. "Ellie ist so alt wie wir. Sie würde vielleicht zusammen mit uns Abitur machen", sagt Clara Aumüller. - wenn ihre jüdischen Vorfahren in Lichtenfels hätten bleiben können. Gänsehaut, die immer wieder kommt.

Alle 13 Führerschein-Inhaber waren gebildete, produktive und angesehene Mitglieder der damaligen Gesellschaft. Sie arbeiteten, sie engagierten sich in Vereinen, sie besaßen Häuser, sie gründeten Familien. Und sie sprachen Deutsch. Trotzdem gelang es vor 80 Jahren aus Mitmenschen Minderwertige zu machen, die man schikanieren, enteignen und töten darf.

"Wir wünschten, unser Thema wäre nicht so aktuell", sagt Brösamle-Lambrecht. Stadtarchivarin Christine Wittenbauer versichert: "Die Arbeit , die diese jungen Menschen angefangen haben, wird auf jeden Fall fortgesetzt." Im Frühjahr werden weitere Stolpersteine verlegt. Angehörige der 13 Führerschein-Inhaber haben ihren Besuch angekündigt. Schon wieder Gänsehaut. Das Seminar 2pg 2017/18 des Meranier-Gymnasiums ist Geschichte. Die Geschichte geht weiter.