Die Zahlen sind nicht gerade ermutigend: Bei zahlreichen Bau- und Handwerksfirmen klaffen deutliche Lücken, was die Zahl der Auszubildenden anlangt. Die Betriebe könnten und würden gerne Lehrlinge einstellen - doch die wachsen nicht auf den Bäumen oder sehen ihre Zukunft offenbar nicht dauerhaft "am Bau".

Aktuelle Zahlen der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) sowie die jüngsten Daten der Arbeitsagentur belegen den Trend zu weiterhin rückläufigen Bewerberzahlen. Demnach blieben im Juli knapp 47 Prozent aller Ausbildungsstellen in Stadt und Landkreis Kulmbach unbesetzt. Konkret: Von 51 ausgeschriebenen Plätzen waren bis dato 24 noch zu vergeben.

Alarmsignal

Bei der Gewerkschaft spricht man von einem Alarmsignal. "Wenn es den Firmen nicht gelingt, Schulabgänger für die dringend gebrauchte Arbeit als Maurer, Straßenbauer oder Baugeräteführer zu finden, dann gerät das Fundament der ganzen Branche ins Wanken", prophezeit Gerald Nicklas. Dazu aber müssten die Arbeitsbedingungen auf Baustellen attraktiver werden, fordert er.

Einer der Knackpunkte, wie aus der Branche selber zu hören ist. Demnach schreckten die Umstände der Berufstätigkeit (Wetterabhängigkeit, Bezahlung, Arbeitszeiten etc.) nicht wenige Interessierte ab.

Immerhin könnte sich in Sachen Entlohnung eine Besserung abzeichnen, denn: In der laufenden Tarifrunde fordert die IG Bau ein monatliches Einkommensplus von 100 Euro für alle Azubis. Zudem soll die lange, meist unbezahlte Fahrt zur Baustelle entschädigt werden. Oder wie es Gerald Nicklas ausdrückt: "Wer sich bei der Berufswahl für den Bau entscheidet, der muss auch Familie, Freizeit und Arbeit unter einen Hut bringen können. Aber das klappt für die meisten Berufseinsteiger nur sehr selten."

Diese Unzufriedenheit spiegele sich auch in einer hohen Abbrecherquote wider. Laut aktuellem Ausbildungs- und Fachkräftereport der Sozialkassen des Baugewerbes bringt jeder dritte Azubi die Ausbildung nicht zu Ende.

Handwerk meldet dickes Minus

Zum Stichtag 28. August hat die Handwerkskammer für Oberfranken laut einer Erhebung 1655 Ausbildungsverträge registriert. Das ist im Vergleich zum August des Vorjahres ein Minus von 12,76 Prozent. Im Juni lag man noch 17 Prozent hinter dem Vorjahreswert zurück.

"Wir sind aber schon froh darüber, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist", erklärt Kammergeschäftsführer Bernd Sauer, "denn Corona hat auch in den Handwerksbetrieben einiges durcheinandergebracht".

Eine Umfrage bei einigen Betrieben in Kulmbach bestätigt diese Entwicklung. In der Baubranche sei es immer schwieriger, geeignete Bewerber zu finden - und diese längerfristig zu halten. "Manche machen zwar die Ausbildung, entscheiden sich aber nach der Lehre für einen Wechsel in die Industrie oder andere Sparten, da ihnen dort die berufliche Tätigkeit und auch die Bezahlung attraktiver erscheinen", sagt ein Branchenvertreter. Aus einem anderen Baugeschäft heißt es, man könne froh sein, überhaupt einen Lehrling bekommen zu haben. Die Ausbildungsmesse, die in diesem Jahr ohnehin der Corona-Pandemie zum Opfer fiel, helfe bei der Akquise künftiger qualifizierter Mitarbeiter auch nicht immer wie erhofft weiter.

Viele Unternehmer betonen, dass die Wertschätzung der Bauarbeiten in der Gesellschaft und bei den Bürgern wieder steigen müsse. Zumal die aktuelle Situation belege, dass die Branche - allen Widrigkeiten zum Trotz - krisenfeste Jobs biete. In der Tat: Viele Betriebe haben (noch) relativ volle Auftragsbücher, die Nachfrage nach Bau- und Handwerksdienstleistungen ist ungebrochen hoch. Doch dem Bauboom steht auch hier der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel entgegen.

Diese Diskrepanz macht auch die Industrie- und Handelskammer für Oberfranken (IHK) aus. Peter Belina, stellvertretender Leiter für den Bereich Kommunikation, verdeutlicht das mit gravierenden Zahlen. "In Oberfranken haben wir Ende Juli die Situation, dass auf einen unversorgten Bewerber 9,8 Ausbildungsplätze im Tiefbau kommen, im Hochbau ist das Verhältnis 1:8,4."

Gegenläufige Sachlage

Woran es scheitert, dass beide Seiten zusammenfinden? Es sind drei gegenläufige Dinge, sagt Belina. "Erstens: Wir haben generell, trotz Corona, ein vergleichsweise hohes Lehrstellenangebot. Zweitens: In diesem Jahr hat sich vieles für die Betriebe bei ihrer Außendarstellung erschwert, da unter anderem alle Ausbildungsmessen abgesagt worden sind. Größere Unternehmen tun sich da leichter, weil sie auf die Onlineschiene wechseln und virtuell als möglicher Arbeitgeber präsentieren können. Und drittens: Wir haben ein sattes Minus bei den Eintragungen der Verträge - wobei gleichzeitig noch viele Stellen unbesetzt sind. Das scheint in den Hinterköpfen mancher Bewerber zu stecken, die mutmaßen: Ich brauche mich angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage mit Blick auf die Pandemie heuer ohnehin nicht mehr bewerben. Da schwingt Resignation mit. Für die aber besteht kein Anlass, wie die genannten Zahlen zeigen."

In den "Top Ten" der Sparten mit den meisten unbesetzten Lehrstellen rangiert laut Belina der Bau auf Rang drei. Aber - überraschenderweise - auch das Kunststoff verarbeitende Gewerbe (Relation: Für einen Bewerber gibt es elf freie Stellen), also unter anderem der Kfz-Zuliefererbereich. "Gerade da könnte man meinen, es sei eng mit Jobs - ist es aber nicht. Auch die Rechtsberatung sucht händeringend noch junge Mitarbeiter." Auf Platz 1 gelistet in diesem Ungleich-Verhältnis ist übrigens die Gastronomie.

Möglichkeiten, sich über Ausbildungsangebote zu informieren, gibt es diverse. Interessierte können sich bei den Lehrstellenbörsen von IHK und HWK, aber auch über die Agentur für Arbeit umsehen. Peter Belina verweist noch auf einen weiteren Aspekt: "Selbst wenn der Stichtag für den Ausbildungsbeginn klassischerweise der 1. September ist, bedeutet das nicht, dass nicht auch noch später mit einer Lehre begonnen werden kann. Da lassen sich Mittel und Wege finden, Bewerber entsprechend unterzubringen."