Ein Wirtschaftsweiser von Gewerkschafters Gnaden? "Das müssen Sie uns mal erklären, wie das geht", sagt Franz Brosch und hat damit am Mittwochabend im Neudrossenfelder Schloss die Lacher auf seiner Seite. Der Bezirksgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) stellt launig den Gastredner beim 7. vbw-Arbeitgeberforum vor: Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaft und Dienstältester der Sachverständigen mit der Lizenz zum Blick in die - bisweilen eingetrübte - Kristallkugel der Wirtschaftsentwicklung.
"Das spricht doch nicht gegen mich, sondern für die Gewerkschaften", kontert Bofinger verschmitzt und mit leicht schwäbelndem Zungenschlag. Der gebürtige Pforzheimer, der in Würzburg an der Hochschule lehrt, dominierte vor Monaten mal kurz selber in Finanzangelegenheiten die Schlagzeilen: Er hatte vorgeschlagen, das Bargeld abzuschaffen.
Davon ist in Neudrossenfeld keine Rede (mehr).
Dafür kommt Bofinger, der heute 61 wird, bei allen Blicken nach China, auf den Euro-Raum und die USA auf ein Unternehmen der Region zu sprechen. Eines, das er kürzlich besuchte und erstaunt feststellte: "Wie die Firma von Mario Münch das komplexe Thema Energie gewinnbringend und umweltbewusst zu ihren Gunsten nutzt - das ist erstaunlich." Der Energie-Visionär habe das Richtige getan in der Niedrigzinsphase, nämlich investiert. Ökonom Bofinger könne nicht verstehen, warum nicht viel mehr Unternehmer die Gunst der Stunde nutzten und Kredite zu unschlagbaren Konditionen fürs eigene Unternehmen wählten, statt auf Cash-Bergen zu hocken.
Zugegeben: Die Politik könnte Anreize schaffen, etwa durch Abschreibungserleichterungen, sagt Bofinger. "Ich hab' das den Herren Schäuble und Gabriel auch empfohlen. Aber im Koalitionsvertrag wurde das Thema Steuern und Abgaben leider ausgeklammert."


Prächtige öffentliche Finanzen

Der Finanzlage im Bund hingegen signalisiert der Wirtschafts weise "Daumen hoch". Aus der schwarzen Null im Haushalt sei nicht zuletzt dank Niedrigzinsen mal eben ein "schwarzes Plus von 20 Milliarden fürs laufende Jahr geworden", so Bofinger. Der Konjunkturmotor laufe rund und sei auch nicht - wie von Arbeitgeberseite geunkt - durch die Einführung des Mindestlohns ins Stocken geraten. Die Lokomotive Germany laufe nicht mehr bloß auf einem Zylinder namens Exportgeschäft: "Dank gestiegener Realeinkommen verzeichnet der Einzelhandel erfreuliche Zuwachsraten." Der Inlandskonsum werde zum weiteren Antriebsaggregat.
Das zweite Standbein sei nötig, so Bofinger, "weil wir permanent mit Schocks rechnen müssen". Nach Lehmann-Pleite, Finanzkrise, Rezession und Grexit-Gerüchten sei die aktuelle Flüchtlingswelle eine besondere Herausforderung nicht zuletzt für die Volkswirtschaft. Aber, fügt Bofinger an: "Trotz des zu erwartenden finanziellen Aufwands von gesamt 15 Milliarden Euro für dieses und nächstes Jahr ist das verkraftbar."
Zur Erinnerung rief er die Jahre 1988 bis 1995 ins Gedächtnis. "Damals kamen drei Millionen Aussiedler aus Russland zu uns, dazu eine Million Asylsuchende aus dem Kriegsgebiet Jugoslawien. Die Bevölkerung stieg in Westdeutschland von 60 auf 66 Millionen, satte zehn Prozent. Da gingen wir auch nicht am Stock, obwohl die Voraussetzungen schlechter waren: Wir hatten zum Beispiel eine deutlich höhere Arbeitslosenquote."
Bofinger warnte vor Tendenzen, die EU-Staaten könnten sich unter den derzeitigen Umständen auseinanderdividieren lassen. "Deutschland profitiert ganz massiv von der Währungsunion und dem Euro. EZB-Chef Mario Draghi macht mit seiner Fiskalpolitik einen hervorragenden Job." Er habe 2012 mit zwei Sätzen den Euro vorm Zerbrechen gerettet, später mit seinen Anleihe-Ankäufen einen zu starken Euro verhindert. "Wir müssten ihn für seine weit blickende Politik eigentlich heiligsprechen, zum Glück hat er noch einen Vertrag bis 2019."
Das Gegenbeispiel stelle die Schweiz dar: Dort müsse man zwar keinen Grexit einkalkulieren, dafür sei man Spielball irrational handelnder Finanzmärkte. "Der labile Wechselkurs schlägt da eins zu eins auf Unternehmensgewinne durch."


Stimmung und Lage gut

Und wie steht es um die Erfolgsaussichten der oberfränkischen Wirtschaft? "Die Lage ist erstaunlich gut, vor allem dank starker Industrien", konstatiert vbw-Vorstandsmitglied Hanns-Peter Ohl. Aber: Der Erfolg sei kein Selbstläufer, Euphorie unangebracht. Nicht zuletzt in den jüngsten Entscheidungen der Großen Koalition wie etwa der Rente mit 63 sieht Ohl klare Rückschritte. Die Musik für die bayerische Industrie spiele zunehmend im Ausland, aber es mischten sich außerhalb Europas immer mehr Misstöne dazu. Ein billiger Ölpreis sei ein positiver Faktor, der sehr schnell wieder ins Gegenteil umschlagen kann. Um nicht von Zufällen abhängig zu sein, müsse die Politik im Land ein investitionsfreundliches Klima forcieren. Foto: Miriam Dörr/Fotolia