Seit wenigen Wochen dürfen die Kühe von Michael Sack (34) auf die Weide. Nicht alle waren begeistert von der neugewonnenen Freiheit. "Ein paar ältere Kühe bleiben lieber im Stall", erklärt der Bio-Landwirt vom Maierhof in der Gemeinde Ködnitz.

"Königsdisziplin in der Rinderhaltung"

Jene, die draußen sind, genießen die Sonne und zupfen genüsslich am frischen Gras. Für einen Laien ist es ein schöner Anblick, wenn die Tiere friedlich kauend auf der Wiese dösen. Doch kaum jemand ahnt, welche Herausforderungen mit der Umstellung auf Weidehaltung verbunden sind. "Beweidung ist die Königsdisziplin in der Rinderhaltung", erklärt Sack.

Zunächst handelt es sich nicht um normales Gras, sondern um eine Saatmischung aus ausgewählten Weidegräsern beispielsweise mit Weißklee, Wiesenschweidel oder Wiesenrispe. Die hat der Landwirt bereits 2019 auf einem am Stall angrenzenden Acker ausgesät. Trittfest und tolerant gegenüber Sommertrockenheit musste die neue Futterwiese sein.

Weidegras sei auf dem humosen Sandboden, der sich eher für den Maisanbau eignet, schwer zu etablieren, so Sack. Vor allem in der Anfangszeit, wenn die Gräser auskeimen, sind sie sehr konkurrenzschwach und der Landwirt muss regelmäßig mulchen und striegeln, denn "Gras wächst nicht von allein".

Zusammenspiel von Gras und Kuh

Vor allem das "Zusammenspiel von Gras und Kuh" stelle eine große Herausforderung für den Weidehalter dar, erklärt der Bio-Landwirt. Es gelte, das Weidegras optimal als Futter für die Milchkühe zu nutzen ohne dadurch die Fläche zu überlasten. Sack fragt sich, ob er künftig die Weide portioniert, sodass die Kühe immer nur in bestimmten Teilen fressen können oder, ob er eine Vollweide daraus macht, wo die Tiere selbst entscheiden, wo es gerade am besten schmeckt.

Ein Vorteil der Weidehaltung besteht darin, dass man mehr Ertrag von den Flächen bekommt im Vergleich zu Schnittwiesen, wo das Gras abgemäht und im Stall verfüttert wird. Landwirt Sack hat seinen Betrieb bereits 2016 auf Bio umgestellt. Dazu musste er die Voraussetzungen der Öko-Verordnung der Europäischen Union erfüllen und zudem die des Bioland-Verbands, bei dem er Mitglied ist. Zwar steht in den Bioland-Richtlinien: "Kühe müssen in der Vegetationsperiode Zugang zu Weideland erhalten." Doch für ältere Betriebe gab es bisher eine Ausnahme. "Stehen beweidbare Flächen in einem ausreichenden Umfang nicht dauerhaft zur Verfügung, muss neben gegebenenfalls vorhandenen Teilweiden ein ganzjährig nutzbarer Auslauf im Freien (...) vorhanden sein."

Man muss nicht bis zum Stichtag warten

In der Neufassung der Richtlinien vom November heißt es, dass auch diese Betriebe bis 2030 ihren Milchkühen den Weidegang ermöglichen müssen. Auf die Frage, warum er jetzt schon mit der Beweidung begonnen hat, antwortet Sack: "Man muss nicht immer bis zum Stichtag warten." Der Bio-Landwirt hatte das Glück, dass die Flächen neben seinem Stall ihm gehören. Denn viele Milchviehhalter in Nordbayern haben ein Problem: Ihre Ställe liegen innerorts und die nächsten Wiesen weit von der Ortschaft entfernt. Ein Stallneubau außerorts rentiert sich nur dann, wenn angrenzend genug zusammenhängende Fläche für die Weidehaltung vorhanden ist. Beim Biolandverband sind 600 Quadratmeter pro Kuh Vorschrift.

Hinzu kommt, dass sich auch an der Umsetzung der EU-Öko-Verordnung in Deutschland bald etwas ändern könnte. Darin wird der Weidegang zwar nicht zwingend vorgeschrieben, aber "als sehr wichtig und bevorzugt aufgeführt", teilt ein Sprecher des bayerischen Landwirtschaftsministeriums mit.

Bisher waren auch hier Ausnahmen möglich, wenn "relevante und jeweils individuell zu beurteilende Gründe" vorliegen, etwa eine Innerortslage, Sommertrockenheit, oder das Queren einer stark befahrene Straße, so der Sprecher. Er fügt hinzu, dass die EU-Kommission derzeit im Rahmen eines Pilotverfahrens die Umsetzungspraxis der Öko-Verordnung in Deutschland überprüft und im Zuge dessen auch Fragen zur Weidehaltung gestellt hat. "Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch keine Angaben darüber machen, ob sich etwas für Öko-Betriebe in Bayern ändern wird." Weidehaltung könnte künftig für alle Bio-Betriebe zur Pflicht werden. Konventionelle Betriebe, die umstellen wollen, sollten daher auch diese Hürde berücksichtigen. Was hingegen den Absatz der Bio-Milch betrifft, muss man sich derzeit keine Sorgen machen.

Hohe Nachfrage nach Bio-Milch

Bio-Milch ist gefragter denn je. Weichkäse, Tortenbrie oder Blauschimmelkäse mit Kräutern - das seien derzeit die Bio-Renner hinter deutschen Käsetheken, sagt Peter Mankowski von den Milchwerken Oberfranken West. Seiner Meinung nach hat sich das Einkaufsbewusstsein "im Fahrwasser der Corona-Pandemie" verändert. Da die Menschen ihre Lebensmittel nun vor allem aus dem Einzelhandel beziehen und die Gastronomiebetriebe geschlossen sind, lasse sich über die Kassenbons genau nachverfolgen, was Verbraucher konsumieren.

Martin Menzner, Leiter des Milcheinkaufs, bestätigt: "Das Bio-Segment wächst am meisten." Vor allem die Verbandsmilch werde erheblich vom Lebensmitteleinzelhandel nachgefragt - im Gegensatz zu allein nach EU-Öko-Verordnung erzeugter Bio-Milch. Gerüchte, dass die Molkerei keine Bio-Bauern mehr aufnehmen würde, treffen laut Menzner nicht zu. Den Aufnahmestopp aller Molkereien habe es 2016 aufgrund des Preiseinbruchs für konventionell erzeugte Milch gegeben.

"Viele Milchviehhalter wollten damals auf Bio umstellen, weil dort der Milchpreis stabil war." Der Coburger Milchhof beendete den Aufnahmestopp und nimmt seit Anfang 2021 wieder neue Bio-Landwirte auf. Einkaufsleiter Menzner zufolge gibt es zwar eine Warteliste, doch die gelte nur für neue Lieferanten. Konventionelle Landwirte, die bereits an den Milchhof liefern und ihren Betrieb umstellen, bekämen sofort eine Zusage.

"Freue mich, wenn es den Tieren gut geht"

Bio-Landwirt Sack zufolge besteht eine weitere, wichtige Herausforderung. Er fragt sich, ob alle seine 118 Kühe von alleine rechtzeitig wieder in den Stall zum Melkroboter kommen. "Bei 95 Prozent mache ich mir keine Sorgen, aber die restlichen fünf Prozent können erhebliche Arbeit machen", so der Landwirt. Weil er dafür noch keine Lösung gefunden hat, dürfen zunächst nur die hochträchtigen Kühe auf die Weide. Sie werden als Trockensteher bezeichnet, weil sie in dieser Zeit keine Milch geben. Vor allem für sie hat der Weidegang große Vorteile: Das Gras ist vitaminreich und der Aufenthalt in der Sonne sehr gesund. Die Bewegung fördere Muskelaufbau und Vitalität der Tiere und das Herumlaufen auf der Wiese diene der Fußgesundheit, so Sack. "Als Landwirt freut man sich, wenn es den Tieren gut geht."