Wenn Rüdiger Löwe die Berichterstattung in Deutschland über den US-Wahlkampf beobachtet, wundert er sich, welch hohe Bedeutung selbst seriöse Medien den Meinungsumfragen zumessen. "Die popular votes spielen dort überhaupt keine Rolle", betonte der ausgewiesene Amerika-Experte und enge Freund des früheren Präsidenten Bill Clinton.
Im Gespräch mit Studienleiter Thomas Nagel im Rahmen der Sommerakademie an der Akademie für neue Medien analysierte der frühere Redaktionsleiter beim Bayerischen Rundschau die Ausgangslage im Präsidentschaftswahlkampf zwischen der Demokratin Hillary Clinton und dem Republikaner Donald Trump.


Zahl der Wahlmänner

Tatsächlich komme es darauf an, wieviele Wahlmänner sich die Kandidaten sichern könnten. Daraus könne man in aller Regel ziemlich genau den Ausgang der Wahl ableiten. Das sei ihm 2012 bei der Wiederwahl Obamas beispielsweise gelungen.
Tatsächlich ungeklärt ist nach Einschätzung Löwes die Frage, was passiere, wenn Clinton oder Trump krankheitsbedingt ausfielen. Einen solchen Vorgang habe es in den USA bisher nicht gegeben.


Pro und contra "Obama Care"

Wesentliche Unterschiede bei den politischen Zielen skizzierte der frühere Teilnehmer der "Münchner Runde" ebenfalls. So trete Trump dafür ein, alle wesentlichen Handelsabkommen neu zu verhandeln - insbesondere diejenigen mit China.
Hillary Clinton wolle die Gesundheitsfürsorge ("Obama Care") weiter ausbauen - Trump hingegen möchte sie zurückdrehen. Der Republikaner habe Wahlgeschenke an die Waffenlobby angekündigt, Clinton wolle dagegen die Studenten unterstützen.
Am Vortag hatte der Sozialexperte Claus Fussek im Gespräch mit dem früheren BR-Moderator Dietmar Gaiser kritisiert, dass Gesellschaft, Politik und Medien bei den massiven Problemen der Pflege wegsähen. "Mit dem Thema will offenbar niemand etwas zu tun haben", so seine These. Keiner tue etwas gegen die Überlastung der Pflegekräfte, von denen es in Deutschland 10 000 zu wenig gebe.
"Wir müssten dieses Thema zur Schicksalsfrage der Nation machen" - schließlich betreffe es alle. Dazu müssten auch die Medien ihren Teil beitragen.
Johann Pirthauer, Vorsitzender der Akademie, widersprach Fussek in der Diskussion. Es sei falsch, dass sich "die Medien" nicht um das Thema kümmerten. Vielmehr sei es nötig, hier klar zu differenzieren. Fussek räumte ein, dass es auch gute Berichterstattung gebe.
Eine Reihe weiterer namhafter Referenten rundete das Angebot der Sommerakademie ab.