Die rechte Hand schnellt ans Jackenrevers, der Kopf zuckt zeitgleich nach hinten. Die Wangen spannen sich, das Kinn flieht, als hätte jemand eine Windmaschine angestellt. Den Rücken durchgedrückt und ein Lächeln gezimmert aus dem Baukastensatz "Wie werde ich Sympathieträger in einer Stunde?". Es dauert keine Sekunde, dann verfällt Uli Bauer physiognomisch in die Person Christian Ude. Nur noch den falschen Schnauzer über die Oberlippe gepappt, die Haare künstlich ergraut, Brille auf: Fertig ist der Kandidat... Halt! Das Metronom im Kopf noch auf "laaaangsaaam" justiert, damit jede Silbe betont die Zunge verlässt und wie eine Verheißung klingt.

Die Stimme ist, um es mit einer Uralt-Werbung für Chromdioxid-Kassetten zu sagen, "verdammt nah am Original". Übungssache. "Und Glück, dass er und ich eine ähnliche Tonlage haben." Uli Bauer sagt das jetzt als Uli Bauer.
Ein Weizenbier steht vor ihm auf dem Tisch in der vollbesetzten TSV-08-Gaststätte. Der 55-Jährige signiert CDs. Drauf sind Kabarettnummern, Spottlieder vom Starkbieranstich. Bauer ist Co-Autor des Singspiels.

Er und Ude sind seit langem per Du, beide treten bisweilen gemeinsam mit ihrem Programm auf. Ob Bauer auch für die SPD votiert? "Das", sagt er, den Kopf leicht schräg gestellt, "das fällt jetzt aber unters Wahlgeheimnis."
Jemand zückt einen Fotoapparat - schon wechselt der am Chiemsee geborene Satiriker automatisch in den Imitator-Modus. Wenn Kulmbachs SPD zum Wahlkampfausklang schon nicht den echten Ude locken kann, so haben die Genossen doch die beste Fälschung auf dem Markt kriegen können. Den Kujau unter den Nachmachern quasi. Der auch noch singen kann und Klavierspielen. Der "I have a dream" schmettert und davon trällert, wie es sein könnte. "90 Prozent wählen die SPD, Horsti und Markus waschen meinen BMW." Wie oft schon sind die Genossen aus diesem Traum ernüchtert hochgeschreckt?

Wie böse wäre denn das Erwachen für den Doppelgänger, sollte das Original nicht mehr Münchens OB sein und auch nicht Ministerpräsident werden? "Ich habe zum Glück noch andere Talente, es gibt ein Leben nach Ude", sagt Uli Bauer. Derzeit arbeitet er mit Kabarettkollege Helmut Schleich an einem Theaterstück nach Ludwig Thoma. Dann hält er inne. "Wer sagt denn, dass der Christian und ich nicht noch Bundespräsident werden können? Gut, mit dem Papst wird es wohl nix mehr."

Als Udes Tochter sauer war

Mit den kirchlichen Rollen hat der in der Landeshauptstadt lebende Kabarettist ohnehin nicht die besten Erfahrungen gemacht. Auch der erste Kontakt Bauers zum späteren Alter Ego ist bei Uli Bauer - sagen wir: religiös motiviert. Er ist eingeladen bei einer Hochzeit. Ein Schulfreund tritt in den Stand der Ehe, aber nicht mit irgend jemandem: Es ist Christian Udes Tochter Susanne. Sie und ihr Gatte Bernhard wünschen sich vom gemeinsamen Kumpel, der damals die Kabarettgruppe "Blackout" anführt, eine spaßige Einlage.

Bauer fasst einen ketzerischen Entschluss: "Ich habe mich als Priester verkleidet und besprenkelte die Hochzeitsgesellschaft auf der Feier mit Klobürste und Wasser." Bauer hält eine Predigt, die manch gottesfürchtigen Gast vom Glauben fallen lässt und selbst dem Brautpaar, satirisch durchaus einiges gewöhnt, dann doch zu derb gerät.

"Es war das größte Fettnäpfchen meines Lebens", gesteht Bauer. Susanne spricht jahrelang kein Wort mit ihm. Doch er hat Glück: Offenbar erkennt der Vater der Braut den gottlosen Gagmacher an diesem Abend nicht. Denn als sich beide Jahre später, 1995, erstmals als Original und Fälschung nach dem Nockherberg-Singspiel gegenüber stehen und Ude sich von seiner Bühnenkopie begeistert zeigt, wagt Bauer, sein dunkles Geheimnis zu lüften. "Wir kennen uns von Susannes Hochzeit. Ich war der Priester..." Entgleiste Mimik beim Gegenüber: "Um Gottes Willen, Sie waren das? Das war grauenvoll!"

Heute kann Bauer über diese Begegnung lachen. "Er hat mir verziehen." Bislang 15 Mal hat der heute 55-Jährige Christian Ude auf der berüchtigten Brauerei-Bühne Gesicht und Stimme geliehen. Und das kam so: "Mir hat jemand mal nach einem Auftritt mit meinem Kabarettprogramm gesagt, ich hätte gewisse Ähnlichkeit mit dem Münchner Stadtoberhaupt. Ich dachte ehrlich gesagt: im Leben nicht." Uli Bauer hat damals wallendes Haar, das ihm in langen Wellen über die Schultern fällt. Doch als auch das Bayerische Fernsehen anklopft und den Darsteller nach seiner Neigung fragt, Münchens OB bei der Starkbierprobe zu doublen, wird er stutzig. Er lässt sich breitschlagen - und ist bass erstaunt, als die Maskenbildnerin ihn entsprechend bearbeitet: "Ich glaubte, ich spinn'. Die hatten Recht."

Also packt er sich den SPD-Liebling drauf; guckt Videos von Auftritten und Reden, eignet sich Körperhaltung und Sprachduktus an. "Mittlerweile bestelle ich sogar meine Brillen beim selben Optiker." Er ertappt sich dabei, dass er in seiner Freizeit manchmal wie ein Oberbürgermeister denkt. "Meine Frau ist immer froh, wenn ich wieder zurück in meine Gestalt switche." Er auch, sagt Uli Bauer. "Vor allem dann, wenn ich diese Betonfrisur abschütteln kann."