Nach dem gelungenen Auftakt mit der "Senioren-WG" geht es auf der Naturbühne jetzt in einer "Studenten-WG" drunter und drüber. Wegen seiner unschlagbaren Situationskomik ist "Charley's Tante" ein Klassiker unter den Boulevardkomödien und wurde in 70 Ländern gespielt. "Wir wollen die Zuschauer ein wenig verzaubern, charmant und kurzweilig in die frühen dreißiger Jahre entführen, als die Menschen noch von einer besseren Welt träumten." Dieses Ziel haben sich Marion Beyer und Hermann J. Vief gesetzt, die zum ersten Mal auf der Naturbühne Regie führen. "Die Leute sollen einen vergnüglichen Abend erleben, schöne Musik hören, sich einfach mal für einen Abend vom Sofa und vom Fernseher wegdrücken und etwas Schönes genießen."

Reiz und Herausforderung

Damit das gelingt, mussten sich beide erst einmal mit den Örtlichkeiten vertraut machen.
"Die Bühne ist Reiz und Herausforderung zugleich", sagt Marion Beyer. "Wenn man das Gelände in seiner Gesamtheit nutzen und einbeziehen will, sind die Anschlüsse natürlich schwieriger einzuplanen, als wenn man eine Tür hat, durch die man rein und raus geht." Da muss genau überlegt werden, was zeitlich machbar ist.

Natürlich bedeutet das auch für die Akteure: Tempo und Timing. "Weil sie ständig auf Anschluss spielen und deshalb vom Kopf her ‚da‘ sein müssen", weiß Marion Beyer. "Sie dürfen während der ganzen Spielzeit mit ihren Gedanken nicht weg sein, sondern müssen permanent in ihrer Rolle bleiben. Selbst wenn sie irgendwo herumlaufen. Für sie gibt es im gesamten Bereich eigentlich kein ‚off‘. Erst, wenn sie wieder in der Garderobe sind."
Bereits im Vorfeld wurde tief in die Rollenbiografie eingestiegen: Wie sind die Charaktere angelegt? Was hat die Rolle für einen Hintergrund? Warum ist sie so, wie sie ist? In welcher Beziehung steht sie zur jeweils anderen? "Wenn ich die Figur begreife, dann kann ich sie auch spielen", begründet Marion Beyer dieses Prozedere. Und fügt hinzu: "Wenn der Spieler nicht versteht, warum er etwas macht, dann ist es nur Textwiedergabe." So mussten sich einige vielleicht umstellen: Auf Wunsch der Regisseure war der Text bereits im Vorfeld zu lernen, beim Beginn der Proben hatte niemand mehr ein Textbuch in der Hand.

Sofort wohlgefühlt

Die beiden "Neuen" haben sich auf dem Wehlitzer Berg sofort wohl gefühlt. "Wir sind herzlich aufgenommen worden. Hier geht alles sehr bedacht und professionell zu. Ein absoluter Gewinn sind für uns als Neulinge die kurzen, unkomplizierten und unbürokratischen (Entscheidungs-) Wege. Das gesamte Umfeld, Kostüme, Masken, Bühnenbau: Einfach ein Traum", bekennen sie übereinstimmend.

Hermann J. Vief ist besonders von der Bühne begeistert: "Schon allein die Akustik ist ein Traum. Durch die Felsen im Hintergrund bleibt alles da. Dadurch können alle Spieler ohne Mikrofon-Unterstützung arbeiten. Das ist Theater, wie man es von früher kennt, ohne großen technischen Schnick-Schnack."

Den Zuschauern wird eine Mischung geboten aus Kleine-Leute-Sehnsüchten, gepaart mit Charme, Witz, Situationskomik, feinsinnigen Details und interessanten Rollenfiguren. Sie erleben das Flair früherer Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war. Die verschiedenen Charaktere werden atmosphärisch unterstützt von den einzigartigen Liedern der ersten "Boygroup" der Welt, den Comedian Harmonists. Evergreens wie "Mein kleiner grüner Kaktus", "Veronika, der Lenz ist da" oder "Irgendwo auf der Welt" werden die Tante "Donna Lucia d'Alvadorez" durch den Abend unter freiem Himmel begleiten.

Schwierige BH-Frage

Apropos (falsche) Tante. Sie ist der Motor des turbulenten Ganzen. Einen Mann in Frauenkleidern zu sehen, ist immer ein besonderes Ereignis. Bei "ihr" steckt der Teufel im Detail: Allein schon die Vorgabe, sich die Brusthaare zu entwachsen, kann ja ziemlich schmerzhaft sein. Dann muss überlegt werden, wie man den BH für "sie" (oder ihn) ausstopft. Nimmt man ein C-Körbchen oder kleiner? Wie viel darf aus dem BH raus spitzen? Ab wo wirkt die Taille? Und wo kommt ein kleines Bäuchlein zum Vorschein?

Eine herzerfrischende LLL-Komödie: mit viel Liebe, Lust und Lachen.