Die hausärztliche Versorgung im ländlichen Raum und der Bereitschaftsdienst - das sind nur zwei der vielen Punkte, die den beiden Thurnauer Allgemeinmedizinern Volker Seitter und Anja Tischer (zugleich die Vorsitzende des Hausärztevereins Kulmbach Stadt und Land) Bauchschmerzen bereiten. Sie befürchten: "Irgendwann wird es auf dem Land nicht mehr ausreichend Ärzte geben." Ballungszentren wie München würden den Nachwuchs locken.

Wie kann man dem entgegenwirken? Das diskutierten die beiden Ärzte in ihrer Gemeinschaftspraxis mit einer hochrangigen Gesundheitspolitikerin: Kathrin Sonnenholzner ist nicht nur SPD-Landtagsabgeordnete, sondern auch Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Pflege im Bayerischen Landtag sowie stellvertretende Vorsitzende des Landesgesundheitsrats in Bayern - und damit die richtige Ansprechpartnerin für die beiden.
Eingeladen zu dem Treffen hatte Landtags-Vizepräsidentin Inge Aures
zudem weitere Kreisräte und Kommunalpolitiker.


Vier Praxen - noch

Momentan sei Thurnau mit vier Arztpraxen noch gut versorgt, betonte Seitter. Aber zwei der vier Praxisinhaber seien schon 72 Jahre alt, relativierte er das gleich wieder. Dass die Situation alles andere als entspannt sei, zeigte Seitter am Beispiel Untersteinach auf, wo er und seine Kollegin Tischer vor sieben Jahren noch eine Praxis übernommen hatten, "damit es nicht ohne Nachfolger zu Ende geht".

Der Ärztemangel ist auch der Vorsitzenden des Ärztlichen Kreisverbandes Kulmbach, Marie-Luise Rasch, bekannt. Um dem entgegenzuwirken habe man deshalb einen Weiterbildungsverbund mit dem Klinikum Kulmbach ins Leben gerufen mit dem Ziel, junge Mediziner erst einmal in die Region zu locken - mit der Hoffnung: "Wer einmal hier ist, der bleibt, weil es ihm gefällt." Doch auch ihr macht die Konkurrenz aus München und Oberbayern Sorgen.


Muss 1,0 wirklich sein?

Mit Blick auf die Ausbildung der Mediziner sprach sich Kathrin Sonnenholzner dafür aus, an allen Hochschulen einen Lehrstuhl Allgemeinmedizin einzuführen und bei den Studenten nicht auf einem Notenschnitt von 1,0 zu beharren. "Das ist keine Garantie dafür, dass jemand ein guter Arzt wird." Vielmehr sollte man auch soziale Kompetenz und Engagement mit einbeziehen. Und auch ihr ist die verlockende Wirkung der Ballungsräume auf junge Leute bekannt, weil dort angeblich die Lebensqualität höher sei. Doch sei der Lebensunterhalt im ebenfalls schönen Oberfranken deutlich günstiger.

Doch sind die Finanzen nicht alles, um sich für eine Niederlassung auf dem Land zu entscheiden, erklärte die SPD-Politikerin weiter. Vielmehr müsse auch der Partner des Arztes/der Ärztin einen Job finden und die Infrastruktur (Arbeitsbedingungen, Bereitschaftsdienste) stimmen. "Und diese Rahmenbedingungen muss der Freistaat schaffen", betonte sie.


Praxiserfahrung in Deutschland

Kreisrat Simon Moritz (SPD) verwies auf die Pläne, deutsche Studenten an einer ausländischen Uni studieren zu lassen und in ihrer Heimat den Praxisteil zu absolvieren.

Er regte zudem an, eine zentrale Bereitschaftsdienststelle für Ärzte in Kulmbach zu schaffen. Durch die zentrale Lage im Landkreis seien dann die Fahrzeiten zu den Patienten nicht so lange.

Die Politikerin besuchte auch das Seniorenheim Kirschenallee - ebenfalls in Thurnau.

"Die Wenigsten kommen freudestrahlend ins Heim." Matthias Hoderlein, der das Seniorenheim Kirschenallee in Thurnau leitet, weiß um die Ängste der älteren Menschen, wenn sie in eine Pflegeeinrichtung müssen. Und dennoch: "Viele sagen nach ihrem Einzug, dass es ihnen besser geht als zu der Zeit, in der sie alleine gelebt haben."

Doch damit es den Leuten gut geht, ist qualifiziertes Personal ein entscheidender Faktor. Und das zu finden, wird immer schwieriger, wie Hoderlein der SPD-Landtagsabgeordneten.

Grund genug für Hoderlein, ihr die Probleme einer Pflegeeinrichtung deutlich vor Augen zu führen: 90 Prozent des Pflegepersonals seien Frauen, hätten Kinder und arbeiteten in Teilzeit, erklärte er. Doch Drei-Schicht-Dienste, Wochenend- und Feiertagsarbeit seien alles andere als familienfreundlich. Hinzu komme, dass das Image des Altenpfleger-Berufs nicht das beste sei. Das könne mit dafür ausschlaggebend sein, dass junge Menschen einen anderen Beruf ergreifen.

Um den Job attraktiv zu machen, sind in seinen Augen verschiedene Schritte notwendig: eine Imageverbesserung, eine bessere Bezahlung und ein höherer Personalschlüssel in den Einrichtungen, um die körperlichen und psychischen Belastungen nicht zu groß werden zu lassen - Stichwort Burnout.

Um das alles zu finanzieren, hält Hoderlein eine Bürgerversicherung für die beste Lösung. "Das wäre ein Schlüssel, um die oberen Zehntausend mit in die Finanzierung einzubinden."

Mit dieser Forderung stieß er bei Kathrin Sonnenholzner auf offene Ohren: "Die Bürgerversicherung wird ein Schwerpunktthema im kommenden Bundestagswahlkampf sein."

Sie sei der festen Überzeugung, dass durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Arbeitszeiten der Beruf des Altenpflegers für viele attraktiver werden könnte.

Auch könne man frei werdende Arbeitskräfte aus der Industrie - bedingt durch die immer weiter fortschreitende Automatisierung - für die Pflege gewinnen.

Awo-Kreisvorsitzende und Landtagsvize-Präsidentin Inge Aures - auf deren Initiative der Besuch von Kathrin Sonnenholzner zustande gekommen war - fragte nach Zuschussmöglichkeiten für den Bau beziehungsweise die Renovierung von Seniorenheimen durch die Staatsregierung. Denn die habe es früher noch gegeben.

Doch da machte ihr Sonnenholzner wenig Hoffnung: "Wir werden aber den Antrag stellen, das Thema in die Haushaltsberatungen mit aufzunehmen."