Über sechs Jahre haben sie protestiert, demonstriert, Resolutionen geschrieben und Verhandlungen geführt - am Ende war alles für die Katz: Neuensorg bekommt keine Erdverkabelung, wenn die neue Stromtrasse gebaut wird. Denn das jetzt im Bundestag verabschiedete Gesetz sieht vor, dass der neue Ostbayernring komplett eine Freileitung wird. Für das Dorf im Frankenwald wird keine Ausnahme gemacht.

Wut und Enttäuschung sind groß

Wut und Enttäuschung bei den Betroffenen sind groß. "Eine Schweinerei ohne Ende", schimpft Eugen Pittroff, der in Vorderrehberg eine Landwirtschaft betreibt, "ein Trauerspiel, was in Berlin und in München gelaufen ist".

Der Ostbayernring von Redwitz bis Schwandorf versorgt Oberfranken und die Oberpfalz mit Strom. Die in den siebziger Jahren gebaute Leitung soll erneuert werden. "An die heutigen Erfordernisse angepasst", wie Netzbetreiber Tennet, Bayreuth, erklärt. Das bedeutet, von jetzt zwei Stromkreisen mit 220 und 380 Kilovolt wird auf künftig zweimal 380 Kilovolt aufgerüstet.

Mammutprojekt birgt Zündstoff

Ein Mammutprojekt, das Zündstoff birgt und sich durch Bürgerprotest bereits erheblich verzögert hat. Vom ursprünglich geplanten Fertigstellungstermin im Jahr 2020 musste man sich schon lange verabschieden. Jetzt wird 2025 für die Gesamtinbetriebnahme ins Auge gefasst.

Derzeit läuft das Planfeststellungsverfahren. Wenn die Regierung von Oberfranken ihr Placet erteilt, dann hat der Netzbetreiber Baurecht für die Stromautobahn. Wenn der Neubau steht, werden die alten Gittermasten abgebaut.

Viel zu nah an den Häusern

Der sogenannte Ersatzneubau orientiert sich an der bisherigen 180 Kilometer langen Trasse, die auch den Landkreis Kulmbach durchschneidet: von Schimmendorf (Gemeinde Mainleus) im Westen bis Hohenberg (Gemeinde Marktleugast) im Osten. Tangiert sind von der Stromleitung ferner: Lösau, Grafendobrach, Lehenthal, Stadtsteinach, Maierhof, Tannenwirtshaus, Traindorf und Neuensorg. Rund um Neuensorg kämpfen die Anlieger um eine Erdverkabelung. Die Stromleitung verläuft nach ihrer Ansicht zu nahe an den Häusern.

"Wir sind verärgert. Uns ist bis zum Schluss signalisiert worden, dass es gut ausschaut für die Erdverkabelung", sagt Marktleugasts Bürgermeister Franz Uome (CSU). Auch wenn der Gesetzgeber nun ein Pilotprojekt abgelehnt hat, meint er: "Es wäre möglich gewesen - mit etwas gutem Willen."

"Gekämpft wie die Löwen"

Die Stromleitung sei nicht schön, und die gesundheitlichen Auswirkungen kenne noch keiner, sagt er. Dennoch müsse man die Entscheidung hinnehmen. Uome dankt der Bundestagsabgeordneten Emmi Zeulner (CSU) und Landrat Klaus Peter Söllner (FW): "Sie haben uns mit Herzblut unterstützt. Wir haben alle gekämpft wie die Löwen." Jetzt sei man ratlos. "Uns sind die Hände gebunden."

Landrat Söllner erinnert ebenfalls an den jahrelangen Kampf. "Unsere Vorstellung war: Die für Gleichstromtrassen vorgesehene Erdverkabelung wollten wir auch für Drehstrom", sagt er. "Wenn es jetzt anders kommt, dann ist das sehr, sehr bitter." Der Bundestag habe eine Erdverkabelung in sensiblen Bereichen wie Neuensorg nicht berücksichtigt.

Gründe für das Scheitern

Warum das Projekt am Ende im politischen Dickicht gescheitert ist, erklärt Emmi Zeulner. "Es gab Widerstand auf zu vielen Ebenen. Wir hatten nicht die notwendige Rückendeckung, die wir gebraucht hätten", so die CSU-Bundestagsabgeordnete.

Unter anderem sei man vom bayerischen Wirtschaftsministerium nicht unterstützt worden. Von dort sei nur der Bereich Schwandorf für eine Erdverkabelung nach Berlin gemeldet worden. Nicht aber Neuensorg. Kritik übt sie deshalb am bayerischen Wirtschaftsminister: "Ich bin schon von manchem Mann in meinem Leben enttäuscht worden, aber noch von keinem so sehr wie von Hubert Aiwanger."

Gegenwind sei auch von der Bundesnetzagentur gekommen, die hier gar nicht zuständig sei, sowie von Netzbetreiber Tennet, der eine Gefährdung des gesamten Vorhabens ins Feld führte. Somit seien beide Erdkabelprojekte in Neuensorg und Schwandorf aus dem Bundesbedarfsplangesetz rausgefallen.

Zeulner weiter: "Was es so bitter macht: Ich bin überzeugt, dass wir es hinbekommen hätten, wenn an mancher Stelle andere Personen gesessen wären." Nach ihrer Überzeugung könne die Energiewende aber nur gelingen, wenn wir die Akzeptanz vor Ort erreichen.

Ein Bauernopfer

Als Bauernopfer ("im wahren Wortsinn") fühlt sich Eugen Pittroff aus dem Weiler Vorderrehberg. Die Stromtrasse sei von seinem Hof und vom Anwesen seines Bruders Josef nur 200 Meter weg. "Wir werden eingekesselt, die Trasse macht bei uns einen Knick."

Als Hohn empfindet er es, dass hier die sonst gültige Abstandsregel von 400 Metern nicht gilt. Am meisten regt er sich darüber auf, "dass wir unter der Leitung arbeiten müssen, die unsere Flächen überspannt". Er selbst sei gesundheitlich schwer angeschlagen und werde der starken Strahlung durch die elektromagnetischen Felder ausgesetzt. Die Grenzwerte seien viel zu lasch. Er führt die hohe Krebsrate entlang der Trasse und Missbildungen bei Neugeborenen auf die Stromleitung zurück.

Pittroff will nun vor Gericht ziehen und klagen. "Wir können nur hoffen, dass wir einen verständnisvollen Richter finden", sagt er und hofft auf weitere Solidarität von Gemeinde und Landkreis.

Der frühere Sprecher der Neuensorger Bürgerinitiative, Fritz Ruppert, meint, dass es zu wenig Engagement von der großen Politik gegeben habe und nennt konkret Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Aber auch vor Ort in Neuensorg habe die Unterstützung von den Betroffenen gefehlt. "Ich wollte noch eine Demo mit Traktoren machen, aber dazu waren sie nicht bereit."