Die Explosion der Farben am Straßenrand wirkt binnen einer Zehntelsekunde und sogar auf jenen, der zackig vorbeifährt am Anwesen 42. Man glaubt, eine Fata Morgana tue sich auf in der Kurve. Ein Haus, das eine venezianische Maske zu tragen scheint. Die Giebel sind gelb gesäumt; Orange fließt über in Grün, als wären Lackeimer umgestoßen worden. Mosaiken aus den Resten von Blumentöpfen und Granitplatten rahmen Türen, Fenster, Waschbecken. Aus einem roten Klecks schießt eine Flamme heraus, so als wollte sie den Betrachter mit derselben Begeisterung für Friedensreich Hundertwasser entzünden, für dessen Kunst am Bau die Hausherrin seit Kindertagen entbrannt ist.

Seit drei Jahren Kunst-Baustelle

Wer mit Karin Kretschmann durch ihr Anwesen läuft, dem begegnet an jeder Ecke, in jedem Winkel das vom Wiener Künstler Hundertwasser vorgelebte Credo: Mut zur Farbigkeit und aus allem Eckigen eine runde Sache machen. "Es ist ja vielmehr eine Lebensstruktur und nicht nur Architektur, was Hundertwasser in seinen Gebäuden vorlebt", sagt die gelernte Erzieherin. Vor drei Jahren erwarb sie die Ruine in Langenstadt. "Ursprünglich um das, was wir als leidenschaftliche Sammler zusammengetragen haben, irgendwo unterzubringen." An die Zeiten, in denen hinter den Mauern ein Bäcker werkelte, erinnern heute noch der Backofen und diverse Werkzeuge und Utensilien wie die Gugelhupf-Form - die jetzt neben Zahnrad und Schraubenschlüssel das Geländer am Treppenaufgang zum Eingang ziert.

Mit der Üppigkeit der Farben und Details draußen kontrastiert die gewollt minimalistische Ausgestaltung der Räume. "Hier kommt es aufs Wesentliche an. Und weggeschmissen haben wir auch nichts." Wiederverwendung à la Kretschmann sieht so aus: Die Backsteine für den Spüle-Unterschrank in der Küche stammen von der früheren Bayreuther Brauerei Glenk; die unterschiedlichen Fenster sind Restposten und waren ursprünglich für andere Häuser gedacht. Und die diversen Fleckerlteppiche an den Wänden? Resteverwertung der künstlerischen Art. "Man glaubt gar nicht, was die Leute an tollen Steinen alles wegwerfen." Karin Kretschmann verbindet Zerbrochenes zu einer neuen Symphonie der Formen und Farben.

Und wenn sie nicht gerade mit Mörtel und Stein arbeitet, gehört ihre Leidenschaft dem Filz. Die "Filzläuse" haben ihre Heimat gefunden in dem bunten Haus in Langenstadt. "Vielleicht wird bald auch ein Künstler-Café daraus." Kunst bekommt hier wahrhaft einen bildschönen Rahmen.

Gelegenheit, Haus und Kunsthandwerk von Karin Kretschmann und anderen zu bestaunen, besteht am Sonntag, 6. Oktober: Die "Filzläuse" laden dann von 10 bis 18 Uhr zum Hoffest.