Vor eine harte Bewährungsprobe stellte die Corona-Krise auch Basketball-Bundesligist Medi Bayreuth. Spieler, Trainer und Mitarbeiter der Verwaltung wurden zwischenzeitlich in Kurzarbeit geschickt. Einige Zeit hing sogar die Existenz des Profiklubs am "seidenen Faden". Im Interview mit unserer Zeitung blickt Cheftrainer Raoul Korner auf die schwierigen vergangenen Monate zurück und gibt einen Ausblick auf die kommende Saison.

Herr Korner, Anfang März erreichte Medi vor leeren Rängen in der Oberfrankenhalle mit einem Sieg im Europe Cup über Cluj-Napoca erstmals in der Bayreuther Geschichte den Sprung unter die besten vier Teams in einem europäischen Wettbewerb. Kurz darauf wurde die Saison aus Bayreuther Sicht für beendet erklärt - eine vorschnelle Entscheidung?

Raoul Korner: Keinesfalls. Diese Entscheidung mussten wir aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus treffen. Sie war unvermeidlich und alternativlos, denn wir konnten nicht abschätzen, welche Gefahren uns aus Rückforderungen von Sponsoren und Zuschauern drohen werden. Es ging schlichtweg darum, die Liquidität zu sichern und den finanziellen Kollaps zu vermeiden. Dass wir aus rein sportlicher Sicht gerne mit unserem kompletten Kader am Finalturnier der Bundesliga in München teilgenommen hätten, steht außer Frage.

Die Lizenz für die kommende Saison 2020/21 liegt vor, alle erforderlichen Nachweise konnten erbracht werden. Unter welchen Rahmenbedingungen geht Medi Bayreuth in die nächste Spielzeit?

Eines vorweg: Der Standort Bayreuth, Sponsoren und Fans, steht in beeindruckender und beispielhafter Weise hinter Medi Bayreuth. Es gab kaum Rückforderungen und auch der Verkauf von bislang rund 2000 Saisontickets erreicht fast Vorjahresniveau.

Unser Spieleretat geht krisenbedingt um etwa ein Drittel zurück, ein ähnliches Schicksal teilen wir vermutlich mit nahezu allen unseren Kontrahenten. Generell erwarte ich dadurch jedoch keinen allzu großen Qualitätsverlust. Viele Spieler schätzen das Niveau und auch die Sicherheit, die die BBL zu bieten hat, und sind bereit, Zugeständnisse zu machen.

Bis auf die beiden A-Nationalspieler Bastian Doreth und Andreas Seiferth sowie Nachwuchstalent Nico Wenzl haben alle letztjährigen Akteure Bayreuth verlassen. Darunter auch James Woodard und Lukas Meisner, die man gerne in der Wagnerstadt gehalten hätte. Es scheint aber so, als konnten alle entstandenen Lücken schnell gefüllt werden ...

Wir hatte ja genügend Zeit, uns Gedanken über unsere künftige Teamzusammenstellung zu machen. Als unser Budget feststand, waren wir somit gut vorbereitet und konnten sofort loslegen. James Woodard hätte ich gerne noch eine Saison in Bayreuth gesehen, doch wir konnten mit dem Angebot aus Cantu finanziell nicht mithalten. Bei Lukas Meisner war die Situation anders, er wollte wieder näher in Richtung seiner Heimat zurück. Das konnten wir ihm nicht bieten.

Die Besetzung unserer freien Kaderpositionen fällt uns mittlerweile ein gutes Stück leichter als noch vor Jahren. Wir haben uns einen guten und soliden Ruf erarbeitet, viele Spieler schätzen nicht zuletzt die Entwicklungsperspektive, die wir ihnen bieten können. Unser ehemaliger US-Center Hassan Martin, der mittlerweile bei einem Euroleague-Klub wie Olympiakos Piräus angekommen ist, ist ein gutes Beispiel dafür.

Nate Linhart hatte zunächst für eine weitere Saison in Bayreuth zugesagt, dann jedoch überraschend einen Rückzieher gemacht. Mit David Walker wurde schnell ein Ersatz präsentiert. Was dürfen die Fans vom neuen US-Amerikaner erwarten?

Als mir Nate von seinem Entschluss, in den USA bleiben zu wollen, berichtet hat, war mir sofort klar, dass dies keine spontane, sondern eine wohlüberlegte Entscheidung ist. Da wir seit vielen Jahren einen sehr guten Draht zueinander haben, habe ich großen Respekt und volles Verständnis für diesen Ent-schluss. Auch wenn es für mich im ersten Moment ein Schock und sportlich sehr herausfordernd war, einen adäquaten Ersatz zu finden.

David Walker habe ich bereits seit Jahren auf meinem Radar und ich habe jeden Sommer bei seinem Agenten nachgefragt - diesmal mit Erfolg. David ist ein athletischer, vielseitiger, spielintelligenter Guard im Körper eines Flügels, der die Positionen 1 bis 3 spielen kann. Er strebt eine kreativere Rolle als zuletzt in Andorra an und das passt sehr gut in unser Konzept. Inwieweit er das "Gesamtpaket Nate Linhart" ersetzen kann, werden wir sehen. Rein sportlich betrachtet habe ich da keinerlei Zweifel.

Mit welcher Zielsetzung werden Sie Ihre Mannschaft in die kommende Saison schicken?

Für eine konkrete Zielsetzung ist es noch viel zu früh. Für uns geht es im ersten Schritt darum, ein Team zu werden und unsere eigene Identität zu entwickeln. Wir werden uns auf uns konzentrieren und versuchen, das Maximum aus unseren Möglichkeiten herauszuholen.

Zum Abschluss ein Blick über den Tellerrand zu den fränkischen Rivalen: Was trauen Sie Bamberg und Würzburg in der kommenden Saison zu?

Bamberg hat einmal mehr den "Resetknopf" gedrückt, diesmal vermutlich mit Erfolg. Johan Roijakkers ist meines Erachtens als neuer Headcoach der richtige Typ für die Bamberger Situation. Er kann dem Standort mit seiner Art die zuletzt vermisste Identifikation zurückgeben. Die bisherigen Verpflichtungen sind alle schlüssig, das wird eine schlagkräftige Truppe mit klarem Play-off-Anspruch.

Würzburg hat in der letzten Saison von einem weitgehend eingespielten Kader profitiert und muss jetzt einen großen Aderlass verkraften. Hier fällt mir eine Einschätzung schwer.

Sieben Neue und noch ein Fragezeichen: So schätzt Korner seine Neuzugänge ein

Philip Jalalpoor (GER, 27 Jahre, letzter Verein: St. Pölten, AUT):

"Er hat frühzeitig die Heimat verlassen und sich an einem kanadischen College durchgebissen. Nach einer Station in Spanien hat er zuletzt in Österreich eine dominante Rolle gespielt. Dies wird ihm in der Bundesliga in dieser Form vermutlich nicht gelingen, er bringt aber viele Qualitäten mit, um sich durchsetzen zu können." Dererk Pardon (USA, 23 Jahre, Reggio Emilia, ITA): "Dererk stand schon vergangenen Sommer sehr weit oben auf meiner Liste, bevor uns Reggio Emilia dazwischen gegrätscht ist. Er ist ein mit viel Energie spielender ,undersized Center', der mit seinen langen Armen und seinem hohen Motor ein Spiel verändern kann." David Walker (USA, 26 Jahre, BC Andorra, ESP): "David ist ein athletischer, vielseitiger, spielin-telligenter Guard im Körper eines Flügels, der im College vorwiegend auf der Position 1 gespielt hat, während er in Spanien durchwegs als Flügelspieler eingesetzt wurde. Bei uns möchte er seine Vielseitigkeit und Kreativität wieder zeigen. " Frank Bartley (USA, 26 Jahre, Valladolid, ESP): "Er ist ein ganz anderer Spielertyp als Bryce Alford. Extrem physisch, ein starker Eins-gegen-eins-Spieler, der den Weg ans Brett sucht, aber auch aus der Distanz gefährlich agieren kann. Und ganz wichtig: Er ist ein hervorragender Verteidiger." Matt Tiby (USA, 27 Jahre, Gießen 46ers): "Matt ist ein sehr physisch agierender Power Forward, der sowohl von außen eine Gefahr ausstrahlt, als auch unter dem Korb seine Stärken hat. Er geht dorthin, wo es wehtut und verfügt dazu über ein hohes Maß an Spielverständnis."

Ryan Woolridge (USA, 23 Jahre, Gonzaga University): "Für diesen Spieler habe ich gegen meinen Grundsatz verstoßen und die Position des Playmakers an einen College-Abgänger vergeben. Ryan ist ein pfeilschneller, athletischer Point Guard mit guter Größe und exzellentem Spielverständnis. Gonzaga ist ein Top-Programm im amerikanischen College-Basketball, das sehr europäisch spielt, wodurch ich weniger Anpassungsprobleme an unsere Liga erwarte. Ich bin überzeugt, dass er schon relativ kurzfristig auf einem ganz anderen Level spielen wird." Kay Bruhnke (GER, 19 Jahre, Brose Bamberg): "Er verfügt über eine starke Athletik, sehr viel Energie und bringt vieles mit, um in die Fußspuren von Robin Amaize oder Lukas Meisner treten zu können. Extrem wichtig wird sein, dass er nach zwei Mittelfußbrüchen jetzt von weiteren Verletzungen verschont bleibt."

Offene Position: "Wir suchen einen Spieler für die Position 3 und 4 mit Fokus auf der 4. Ich lasse mir hier alle Zeit der Welt. Bevor ich eine halbherzige Entscheidung treffe, werde ich lieber keine Entscheidung treffen, schließlich soll dieser Spieler unserer Mannschaft den letzten Schliff geben."