Immer wenn er eine Polizeiuniform sah, geriet der Angeklagte in Rage. Der 26-Jährige hatte einen solchen Groll gegen die Staatsmacht und gegen die Justiz, dass er sich vor einem Jahr dreimal mit der Polizei anlegte. Die Folge: Er war nun wegen Beleidigung, Widerstands und eines tätlichen Angriffs angeklagt.

Stinkefinger gezeigt

Zur Sprache kamen vor dem Amtsgericht Kulmbach zunächst zwei Vorfälle in Bayreuth. Dort geriet der junge Kulmbacher Anfang März in eine Kontrolle, weil er nicht auf dem Gehsteig, sondern auf der Straße lief. Er begrüßte die Polizei mit dem ausgestreckten Mittelfinger und warf mit Begriffen wie "Arschlöcher", "Wichser", "Babys des Satans" und "Judenbengel" um sich.

Eine halbe Stunde später sah man sich gleich wieder, als die Polizisten einen Autofahrer kontrollierten. Der Angeklagte soll laut Staatsanwaltschaft versucht haben, einen Beamten anzugreifen. Dabei sei seine Tasche mit Pfandflaschen dem Kopf des Polizisten ziemlich nahegekommen.

Bei den Kühltruhen geschnappt

Richtig zur Sache ging es einen Monat später im Kulmbacher Real-Markt (jetzt Kaufland). Auf dem Parkplatz standen mehrere Männer beieinander, die sich offenbar nicht für die Abstandsregeln nach dem Infektionsschutzgesetz interessierten. Der Personenkon­trolle entzog sich der Angeklagte durch Flucht ins Gebäude und zeigte seinen Verfolgern bei der gläsernen Drehtür wieder den berühmten Stinkefinger.

In den Verkaufsräumen kam es zu einer Verfolgungsjagd durch die Reihen der Regale. Schließlich gab es keinen Ausweg mehr, und der junge Mann wurde bei den Kühltruhen geschnappt. Er wehrte sich heftig und versuchte, sich loszureißen. Dabei fielen wieder die bekannten Schimpfwörter, bevor er gefesselt zur Polizeiwache gebracht wurde. Erst in der Arrestzelle beruhigte er sich.

Vor Gericht gab sich der 26-Jährige zerknirscht und reumütig. Er entschuldigte sich bei jedem Polizisten einzeln, die als Zeugen befragt wurden. Er sprach von "Kurzschlusshandlungen" und betonte: "Ich habe das definitiv bereut."

Widerstand gegen Staatsmacht

Seine Wut auf die Staatsmacht komme daher, dass er sich schon zu Schulzeiten diskriminiert fühlte und gemobbt wurde. Bei einem einjährigen Aufenthalt in Neuseeland habe er einen Verfolgungswahn entwickelt. Nach seiner Rückkehr habe er mit psychischen Problemen gekämpft. In der Klinik Kutzenberg sei bei ihm eine Schizotypie diagnostiziert worden - eine Persönlichkeitsstörung, die sich in reizbarem und aggressivem Verhalten äußert.

Außerdem, so der Angeklagte, habe er sich in einem "nicht gerade justizfreundlichem Milieu" aufgehalten. "Widerstand gegen die Staatsgewalt war ein großes Thema", erklärte er. Als er auch noch seinen Führerschein abgeben musste, habe er seine Wut, Ohnmacht, Empörung und Aggression auf die Polizei projiziert.

Zu seiner Verteidigung sagte der 26-Jährige, dass er den Polizisten in Bayreuth mit seiner Plastiktüte nur erschrecken wollte: "Da waren fast nur Plastikflaschen und ein paar leere Bierdosen und Glasflaschen drin."

Was beim Real-Markt "emotional übergeschwappt" ist, wisse er nicht genau. Es sei "alles wieder hochgekocht", als er den Polizeibus sah. "Ich wollte eine Rebellion im Real anzetteln und wurde in der Tiefkühlabteilung niedergerungen."

Augen rot, Pupillen weit

Damals stand er definitiv unter Cannabis-Einfluss. Auch bei den vorherigen Vorfällen vermutete die Polizei aufgrund geröteter Augen und geweiteter Pupillen "wahrscheinlich Drogenkonsum". Amtsrichterin Sieglinde Tettmann riet dem Angeklagten dringend zu einer psychotherapeutischen Behandlung und fragte, ob es schlau sei, mit psychischen Problemen Cannabis zu nehmen. "Ich bin raus aus der Szene und konsumiere nichts mehr", versicherte der junge Mann.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hätten sich die Anklagepunkte bestätigt. Die geforderte Gesamtstrafe von acht Monaten könne auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Der Angeklagte solle eine Geldauflage von 500 Euro bezahlen und ein Antiaggressionstraining absolvieren. Ferner sei ein Verbot notwendig, Betäubungsmittel zu konsumieren.

Rechtsanwalt Hilmar Lampert aus Bayreuth konzentrierte sich vor allem auf den Vorwurf des tätlichen Angriffs, der nicht vorliege. Der Angeklagte habe lediglich "mit der Tasche in Kopfhöhe rumgefuchtelt", um ein Geräusch zu verursachen. Alles andere hab sein Mandant eingeräumt, so der Verteidiger, der eine Geldstrafe von 800 Euro für ausreichend hielt.

Verminderte Schuldfähigkeit

Das Gericht verhängte eine Gesamtstrafe von 130 Tagessätzen zu zehn Euro. Die Aktion mit der Plastiktasche wertete die Amtsrichterin als Widerstand - als Drohung mit Gewalt. In allen Fällen nahm sie eine verminderte Schuldfähigkeit an. Die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten sei durch seine psychische Erkrankung offenbar erheblich eingeschränkt gewesen.