Die gute Nachricht zuerst: Dem Jungen, der im Mai in Ziegelhütten von den beiden Rottweilern "Max" und "Alfons" am Kopf schwer verletzt wurde, geht es wieder gut. Der Neunjährige musste nach der Beißattacke im Krankenhaus behandelt werden und litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Er ist soweit stabil", sagt die Juristin der Stadt Kulmbach, Diana Edelmann, die bewusst den Kontakt zu der Familie gesucht und dem Buben auch eine wichtige Nachricht übermittelt hat: "Es ist wichtig für ihn zu wissen, dass die Hunde ins Tierheim nach Bayreuth gebracht wurden und er keine Angst mehr haben muss, wenn er zum Schulbeginn wieder an dem Anwesen vorbeilaufen muss."


"Nacht- und Nebelaktion"

Der Hundehalter will jedoch die Wegnahme der Rottweiler nicht hinnehmen. Sein Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall reicht deshalb Klage zum Verwaltungsgericht Bayreuth ein. "Der Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz geht morgen raus", so Schmidtgall gestern auf Anfrage der BR. Ziel sei es, dass die Sicherstellung der Tiere, das generelle Hundehaltungsverbot und die Aufbürdung der Kosten aufgehoben werden.

Der Antrag stütze sich auf das Gutachten eines öffentlich bestellten Hundesachverständigen, der den Tieren auf einer Aggressionsskala von 1 bis 3 die unterste Stufe bescheinigt habe. Ohne das Gutachten abzuwarten und aufgrund irgendwelcher Aktennotizen seien die Rottweiler ihrem Besitzer in einer "Nacht- und Nebelaktion" weggenommen worden. "Das, was die Stadt hier gemacht hat, ist unglaublich und geht juristisch zu weit", ist Schmidtgall überzeugt. Er bemängelt auch, dass sich die Behauptung, sein Mandant sei für die Hundehaltung ungeeignet, nur auf Darstellungen "vom Hörensagen" stütze.

Dem Verwaltungsgerichtsverfahren sieht Juristin Diana Edelmann gelassen entgegen.


"Rechtsweg steht jedem frei"

"Wir leben in einem Rechtsstaat, da steht es jedem frei, eine Sache vom Gericht überprüfen zu lassen", betont die Oberrechtsrätin. Sie wehrt sich allerdings gegen den Vorwurf, das Ordnungsamt der Stadt Kulmbach habe eine "Enteignung" begangen: "Die Rottweiler sind zwar sichergestellt und ins Tierheim gebracht worden, sie sind aber nach wie vor im Eigentum des Hundehalters. Er ist für sie verantwortlich und darf sie auch weitervermitteln, jedoch nicht an Personen, die in seinem räumlichen Umfeld leben", erläutert die Juristin.

Nach Gerüchten befragt, denenzufolge die Hunde immer wieder von Kindern geärgert worden sein sollen, stellt Edelmann fest: "Davon weiß ich nichts, aber das spielt im Sicherheitsrecht auch keine Rolle. Kein Kind muss sich hundegerecht verhalten. Der Hundebesitzer ist verantwortlich und muss dafür sorgen, dass seine Tiere keinen Schaden anrichten können."
Nachdem die Hunde schon vor dem jetzigen Vorfall Artgenossen und deren Halter gebissen hätten und der Besitzer auch mit seinen früheren Rottweilern negativ aufgefallen sei, bescheinigte Edelmann dem Kulmbacher "Uneinsichtigkeit", die nun zu der drastischen Maßnahme geführt habe. "Mir hat das auch leid getan, aber wenn alles nichts hilft, muss eine Abwägung getroffen werden. Und die lautete: Gefährden wir weiterhin Kinder, oder ist uns die emotionale Beziehung des Hundehalters und seiner Lebensgefährtin zu den Tieren so wichtig, dass alles andere wurscht ist?"


"Gutachten irrelevant"

Die Juristin hat auch kein Verständnis dafür, dass Auflagen des Ordnungsamts in Bezug auf den Grundstückszaun missachtet wurden. "Wenn das Tor ständig offen steht, kann man nachvollziehen, dass sich Nachbarn schon allein dadurch terrorisiert fühlen", spielte sie auf mehrfache Beschwerden der dortigen Bürger an. Im übrigen hält Diana Edelmann das Gutachten, auf das Rechtsanwalt Schmidtgall verweist, für "irrelevant", weil der Verfasser von falschen Tatsachen ausgehe.


Testsituation realitätsfremd?

"Natürlich sind die Hunde per se nicht aggressiv, wenn man mit ihnen an der Leine und samt Maulkorb durch die Stadt geht. Maßgeblich ist das fehlgeleitete Jagdverhalten, und das kann ich in einer solchen Situation nicht testen." Der von der Stadt beauftragte Gutachter, so Edelmann, habe festgestellt, dass die Hunde, hätten sie einmal die Beißhürde überwunden, es immer wieder tun würden. Dazu brauche es nur einen Auslöser, etwa eine Person, die Angst zeige oder davonrenne. "Dann werden diese von den Hunden gehetzt bis zum Schluss. Da kommt das Wolfsgen heraus."

Wie das Verwaltungsgericht Bayreuth den Vorfall mit den Rottweilern sieht, wird sich in etwa zwei bis drei Wochen zeigen. So lange dürfte es nach Einschätzung von Rechtsanwalt Schmidtgall dauern, bis ein Termin für die Entscheidung über die Klage anberaumt wird.