Diesen Mann mag Johann Schwenn nicht. Der Anwalt aus Hamburg spricht es nicht aus, aber offenbar schwingt ein Vorwurf der Verteidigung immer mit: Ohne den Mitarbeiter der Opferhilfeorganisation Weißer Ring würde es den Missbrauchsprozess vor dem Landgericht Bayreuth nicht geben.

Dort muss sich Schwenns Mandant seit zwei Monaten wegen sexuellen Missbrauchs und mehrfacher Vergewaltigung verantworten. Der 71-Jährige soll sich an seiner Tochter - sie ist die Hauptbelastungszeugin - sowie an seiner Ex-Frau und seinen beiden Enkelinnen vergangen haben.


Herzliche Abneigung

Der Angeklagte schweigt seit Prozessbeginn. Hinter den Vorwürfen vermutet der Verteidiger die Verschwörung eines Frauenclans und des Weißen Ring gegen den Patriarchen der Familie. So lässt sich die herzliche Abneigung gegenüber dem Zeugen erklären.

Am Dienstag wird der 70-Jährige zum zweiten Mal befragt - den ganzen Tag lang. Um die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin zu überprüfen, will das Gericht wissen, was die Tochter (48) des Angeklagten schon vor ihrer Aussage bei der Polizei beim Weißen Ring angegeben hat. "Sie hat erzählt, und ich habe zugehört", erklärt der Zeuge.


Eifrig "rumermittelt"?

Die passive Rolle des Zuhörers kauft Schwenn dem Zeugen nicht ab. Er habe wohl auch "rum ermittelt" und sei sehr eifrig gewesen. Das schließt der Verteidiger daraus, dass der Zeuge sogar 270 Kilometer weit zu einem angeblichen Missbrauchsopfer des Angeklagten in die Nähe von Stuttgart gefahren ist, um einen Opferbogen auszufüllen. Schwenn: "Gibt es dort keinen örtlichen Mitarbeiter des Weißen Ring?"

Der Rechtsanwalt bezweifelt, dass der Zeuge die ganze Wahrheit sagt. Er sei Teil der Bezichtigungsstrategie der Hauptbelastungszeugin und eine wichtige Schlüsselfigur im Verfahren. Denn er habe die Tochter des Angeklagten zur Anzeige ermuntert und vor ihrer Aussage im Prozess gecoacht.

Bei Schwenns Strategie stellt sich die Frage: Wird hier ein Zeuge oder ein Angeklagter befragt? Und sitzt mit ihm gleich der ganze Weiße Ring auf der Anklagebank?


Verbaler Schlagabtausch

Aber der ehrenamtliche Mitarbeiter der Opferhilfeorganisation nimmt den verbalen Schlagabtausch an. "Fragen Sie, was Sie wissen wollen", gestattet er dem Staranwalt. Und Schwenn zischt: "Das tue ich - auch ohne Ihre Aufforderung."

Schließlich wird es reichlich skurril. Der Verteidiger unterstellt dem Mann, seine Kontakte zur Presse auszunutzen, um gegen den Angeklagten Stimmung zu machen. Selbst die Tatsache, dass er mit einer Journalistin gemeinsam ins Café geht, erscheint Schwenn verdächtig. Er will wissen, was sie beim Mittagessen geredet hätten. Als der Zeuge von seinem "Appetit auf Salat" berichtet und von der Diskussion, ob er Apfelschorle oder Fanta trinken solle, merkt der Anwalt, dass er veralbert wird, und sagt: "Passen Sie auf, ich habe vor, Sie vereidigen zu lassen." Das klingt wie eine Drohung.

Seinen Antrag auf Vereidigung begründet Schwenn damit, dass beim Zeugen "eine dramatische Risikoerhöhung für falsche Angaben" notwendig sei. Klar - auf Meineid steht Freiheitsstrafe.


Verteidiger blitzt ab

Aber der Starverteidiger blitzt - nicht zum ersten Mal - bei der Kammer ab. Doch mit einer Verfügung des Vorsitzenden Richters Michael Eckstein gibt er sich nicht zufrieden. Er dringt auf einen förm lichen Gerichtsbeschluss. Da heißt es, dass die Voraussetzungen für eine Vereidigung nicht vorliegen. Weder sei die Aussage des Zeugen von ausschlaggebender Bedeutung, noch gebe es Hinweise, dass er offenkundig etwas verschweigt.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.