Mark Reuther sagt über Ludwig Ruml, der sei "ein super Typ". Ludwig Ruml sagt über Christian Ruppert, dass er "menschlich einwandfrei" sei. Und Christian Ruppert nennt Mark Reuther "einen netten Kerl".

Während andernorts im Kommunalwahlkampf mit harten Bandagen gefochten wird, herrscht in Presseck Harmonie - und weitgehende inhaltliche Übereinstimmung. Und so war die Podiumsdiskussion mit den drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt der Gemeinde, zu der die Bayerische Rundschau am Donnerstag in das Vereinsheim des Burschenvereins Reichenbach eingeladen hatte, auch weniger ein Streitgespräch, sondern ein Meinungsaustausch von großer Sachlichkeit.

Drei Männer wollen den scheidenden Bürgermeister Siegfried Beyer (CSU) beerben: Mark Reuther (SPD), 51 Jahre alt, Installateurmeister und Ausbilder bei der Handwerkskammer, Ludwig Ruml (Freie Wähler), 52 Jahre alt, Gemeinderat, Inhaber einer Kfz-Werkstatt, und Christian Ruppert (CSU), 34 Jahre alt, Inhaber einer Fahrschule und seit zwölf Jahren dritter Bürgermeister der Gemeinde.

Im Laufe des Abends, den BR-Redaktionsleiter Alexander Müller moderierte, nahmen sie Stellung zu Themen, die die Gemeinde beschäftigen.

Das ist in erster Linie das Geld. Christian Ruppert erläuterte, dass die Gemeinde insgesamt rund 4,9 Millionen in den Straßenbau, den Ausbau des Bauhofs und die Internet-Versorgung investiert habe. Jetzt gehe es darum, die Schule am Ort zu halten und auszubauen. Das werde mit 4,5 Millionen Euro zu Buche schlagen. Auch die Feuerwehren müssten im Haushalt bedacht werden.

Ortsbild aufwerten

Da geht Ruppert einig mit Mark Reuther, der im Blick auf die knappen Finanzen der Gemeinde betonte, es müssten alle erreichbaren Fördertöpfe angezapft werden. Ziel müsse es allerdings sein, eines Tages wieder auf Stabilisierungshilfen verzichten zu können.

Das strebt auch Ludwig Ruml an. "Wichtig ist eine gesunde Wirtschaft. Wir müssen neue Betriebe in den Ort holen und vorhandene Betriebe mit ins Boot nehmen."

Einigkeit herrscht bei den Kandidaten, wenn es darum geht, das Ortsbild aufzuwerten. So sehen alle den Marktplatz von Presseck als sanierungsbedürftig an, wissen aber, dass nicht alles, was wünschenswert ist, machbar sein wird. Mark Reuther weist zudem darauf hin, dass in Reichenbach derzeit investiert werde und eine Begegnungsstätte entstehen könnte. Ludwig Ruml ist die Gestaltung einer neuen Mitte in Wartenfels ein Anliegen. Christian Ruppert sieht großes Potenzial für das Gelände der ehemaligen Schuhfabrik und des Getränkemarktes Müller, weist aber auch darauf hin, dass die Nordostbayern-Offensive, die eine Förderung von 90 Prozent ermöglicht, im Jahr 2021 ausläuft. Dann müsse man sich unter Umständen um Geld aus dem Fonds für Dorferneuerung bemühen.

Beim ÖPNV hakt es

Nachholbedarf hat die Gemeinde, was den öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) angeht. Darin sind sich alle drei Kandidaten einig, wissen aber auch, dass die Einflussmöglichkeiten der Gemeinde gering sind, was die großen Buslinien angeht. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln komme man von Presseck aus derzeit bestensfalls nach Kulmbach, sagt Mark Reuther. Einen Takt-Verkehr wie in Großräumen werde es wohl nie geben. Aber die Kommune könne eine Verbesserung erreichen, indem sie zum Beispiel ehrenamtliche Fahrdienste organisiere, von denen dann ältere Menschen profitierten. Ludwig Ruml setzt ebenfalls auf das Ehrenamt, kann sich aber auch die Etablierung von Ruf- oder Sammeltaxis vorstellen. Und letztlich würde auch Christian Ruppert auf das "Wir-Gefühl" der Menschen setzen, um die Situation insbesondere in den kleinen Außenorten zu verbessern.

Braucht Presseck ein Altenheim? Auch diese Frage stellte Moderator Alexander Müller. Ludwig Ruml kann sich so eine Einrichtung im Ort durchaus vorstellen. "Damit könnte man auch eine Begegnungsstätte für ältere Mitbürger schaffen." Insgesamt, so meint er, sei im Ort für ältere Menschen viel geboten. Das sei vor allem das Verdienst vieler rühriger Vereine. Dringenden Handlungsbedarf sieht Ruml, was die Schule angeht.Für die Gemeinde könnte eine Sanierung freilich ein finanzieller Kraftakt werden.

Auch Christian Ruppert erwähnte das lobenswerte Engagement der Vereine. Es werde so viel geboten, dass eine eigene Begegnungsstätte eigentlich nicht nötig sei. "Wir haben im Sommer jede Woche ein anderes Fest. Die Vereine leisten, was die Gemeinde nicht leisten kann."

Nahwärme für die Dörfer

Dies sieht auch Mark Reuther so, der darüber hinaus dazu aufruft, jungen Leuten mehr Mitspracherecht in der Gemeinde zu geben. "Ich kann mir eine Art Jugendparlament vorstellen. So könnten wir die jungen Leute an den Ort binden und verhindern, dass sie irgendwann abwandern."

Selbst was die drängendsten Aufgaben der Zukunft für die Außenorte angeht, gibt es große Übereinstimmung bei den Kandiaten. Christian Ruppert plädiert dafür, in den Dörfern Anlagen zu Nahwärme-Versorgung zu installieren. Das sei kostengünstig und im Blick auf die Nachhaltigkeit sinnvoll.

Ebenso sieht das Mark Reuther, der allerdings darauf hinweist, dass Nahwärme nur bei kurzen Wegen funktioniere, und für großflächige Orte eher nicht geeignet sei. Und auch Ludwig Ruml meint, dass man dort, wo es kurze Wege in die Haushalte gibt, auf lokale Blockheizkraftwerke setzen sollte.

Und letztlich herrscht Einigkeit darüber, dass eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet vorangetrieben werden müsse. Der Wunsch der Bürger (siehe auch unten) ist angekommen bei den Kandidaten.

Das beschäftigt die Bürger: Löschwasser und Internet

Große Harmonie bei den Kandidaten, keine Aufreger-Themen bei den Besuchern der Podiumsdiskussion: In Presseck geht (fast) alles seinen ruhigen, unaufgeregten Gang. Einige Anmerkungen hatten die Zuhörer dennoch.

Albrecht Rausch aus Schnebes kritisiert, dass die Versorgung mit schnellem Internet nicht vorankommt. Seine Familie vermietet in Schnebes Ferienappartements. Die Gäste kritisierten die schlechte Versorgung oft. "Das ist wie hinterm Friedhof", so Rausch. Christian Ruppert wies daraufhin, dass Schnebes beim nächsten Bauabschnitt dabei sein wird.

Erich Burkhardt aus der Schübelsmühle zeigte sich besorgt darüber, dass weitere trockene Sommer wie der im vergangenen Jahr dazu führen könnten, dass das Löschwasser knapp wird. Der Brunnen in Schlackenreuth liefere lange nicht mehr so viel Wasser wie in der Vergangenheit.

Christian Ruppert erinnerte an den großen Waldbrand bei Römersreuth im letzten Sommer. In der Folge habe es weitere Feuerwehreinsätze gegeben, so dass man mit der Löschwasser-Versorgung durchaus an Grenzen gestoßen sei.

Auch hier herrscht Einigkeit bei den Kandidaten: Es besteht Handlungsbedarf. Sinnvoll sei, wie von Ludwig Ruml ins Gespräch gebracht, eine Bestandsaufnahme in Form eines Löschwasser-Katasters als Basis für weitere Planungen.

Was tut sich in Sachen Wirtschaft?

Das direkte Aufeinandertreffen der drei Bürgermeisterkandidaten für den Markt Presseck zeigte am Donnerstagabend eines: Die wirtschaftliche Lage treibt die Kandidaten von CSU, SPD und Freien Wählern gleichermaßen um. Alle waren sich einige darin, dass es nicht ewig mit Stabilisierungshilfen allein getan sein kann. Selbstbestimmung müsse auf mittelfristige Sicht als Ziel angestrebt werden.

Wie das gelingen kann? Mark Reuther (SPD) bringt unter anderem Start-ups ins Spiel. "Wir liegen mitten in Deutschland, haben nach Berlin und München die gleiche Distanz. Was wäre denn, wenn Firmen, auch junge aufstrebende, die nicht große Transportkapazitäten benötigen und damit eine unmittelbare Autobahnanbindung, sich hier bei uns ansiedeln würden? Warum nicht auch mal Leerstände füllen mit Gewerbetreibenden wie Call-Centern?"

Dazu müsse die Gemeinde freilich aktiv auf Betriebe zugehen und dürfe nicht abwarten, so Reuther. "Es gibt sie: die Firmen, die woanders abgelehnt wurden. Wer zum Beispiel nicht in Stadtsteinach landen kann, aus welchem Grund auch immer - warum lotsen wir den dann nicht zu uns?"

In die Gewerbe-Kerbe schlägt auch Christian Ruppert, CSU-Kandidat und Dritter Bürgermeister. "Jeder Kommune tut Gewerbe vor Ort gut, wer freut sich schon dauerhaft über Stabilisierungshilfen oder Schlüsselzuweisungen?" Als Bürgermeister wolle er etwas schaffen, indem er Arbeitsplätze hole. "Ich kann nicht versprechen, dass wir ein Gewerbe mit 30 neuen Jobs bekommen. Es kann aber über eine gute Vermarktung funktionieren, die Flächen wären ja da. Andere Kommunen haben bereits eine Art Baustopp verhängt - wir haben den Platz."

Über die neuen Medien werben

Es komme nicht zuletzt darauf an, so Ruppert, wie sich die Marktgemeinde präsentiert. Das Internet, speziell die neuen Medien versprächen ganz neue Werbemöglichkeiten. "Wir sollten den Mut haben und nicht das Negative nach vorne kehren." Als Beispiel nannte der 34-Jährige die Stadt Selb: "Die war vor 15 Jahren tot, da brachen Hunderte Arbeitsplätze weg in der Porzellan- und Textilindustrie. Mitten in der Stadt sah man das große Kaufhaus leer stehen - ein Geisterbau. Jetzt hat sich das gesamte Fichtelgebirge einen Ruck gegeben." Das sei der Geist, den auch Presseck brauche.

Arzt, Apotheke, Metzgerei

Zu einer gedeihlichen Entwicklung gehört aber nicht nur die Wirtschaft, sondern ein Grundgerüst an Infrastruktur, die allen Bürgern nützt. Ludwig Ruml (Freie Wähler) nennt die Sanierung maroder Straßen als Priorität‚ aber für ihn zählt noch mehr: "Nötig ist für eine Kommune unserer Größe ein Arzt vor Ort. Wir sind noch in der glücklichen Lage, dass wir Arzt und Zahnarzt haben. Wir als Gemeinde müssen dahinter stehen und die Mediziner unterstützen, sonst verlieren wir eines Tages den Kassenarztplatz." Wünschenswert wäre zudem eine Apotheke. "Da muss man auch mal Türklinken putzen, vielleicht bekämen wir zumindest eine Filiale."

Den gleichen Einsatz würde er als Gemeindeoberhaupt in den Ausbau des Lebensmittelstandorts investieren. "Leider ist bereits vieles weggebrochen wie etwa die Metzgerei in Wartenfels - ein großer Leerstand mitten im Ort." Alternativen? "Ein Dorfladen wäre interessant", sagt er - schränkt aber ein: "Den kann die Gemeinde nicht finanzieren, dafür sind geeignete Personen zu suchen."

Vorschlag: ein Markttag

Das Thema Dorfladen sieht sein Konkurrent Mark Reuther hingegen kritisch. Das Beispiel Rugendorf veranschauliche das Dilemma: "Die eigenen Mitglieder des Ladens kaufen da eher im Supermarkt ein. Dass sich sowas dann nicht halten kann, verwundert mich nicht." Der SPD-Kandidat favorisiert andere Lösungen. "Es mangelt nach meiner Einschätzung an Angeboten etwa bei Frischwaren. Gerade ältere Menschen würden das sicher gerne in Anspruch nehmen. Sie können aber nicht, weil sie nicht mobil sind, dafür in die nächstgelegen Stadt fahren. Vielleicht ließe sich das Problem beheben, indem wir in regelmäßigen Abständen ein Markttag abhalten."

Zum Essen gehört das Trinken. Auf die besondere Situation der Pressecker Trinkwasserversorgung richtet Christian Ruppert sein Augenmerk. Eine Erhaltung und Sanierung "ohne Überbelastung der Bürger" hat er im Wahlprogramm stehen. "Es kann nicht sein, dass in Presseck der Kubikmeter Wasser irgendwann zwölf Euro kostet. Ich denke da vor allem an die Landwirte, bei denen schlagen schnell mal Mehrausgaben von 1000 Euro im Jahr zu Buche."

Die Krux: Allein durch Rohrbrüche auf der Hauptleitung seien der Kommune zuletzt Kosten von rund 60000 Euro entstanden. Nur für die Hauptleitung spricht Ruppert von Aufwendungen über 2,2 Millionen Euro - davon belasteten nach Abzug aller Förderungen immer noch stolze 1,3 Millionen Euro den Gemeindesäckel. "Ich gebe dabei zu bedenken: Dann haben wir aber erst die Hauptleitung von etwa fünf Kilometern Länge saniert - das gesamte Netz inklusive aller Anschlüsse beläuft sich aber auf 80 Kilometer. Daran sieht man auch den Investitionsstau."

Angebote für Camper und Motorrad-Touristen

Presseck ist touristisch durchaus interessant. Das legt eine Zahl nahe, die CSU-Kandidat Christian Ruppert in den Saal wirft: "Pro Jahr haben wir 12000 Übernachtungen - das kann sich sehen lassen." Den Gästen was bieten will er, wenn er Rathauschef wird. In seinem Programm stehen unter anderem der Aufbau eines Mountainbike-Trials sowie kostenlose Wohnmobilstellplätze. "Das sind zusätzliche Punkte außerhalb des Leader-Programms ,Radspitz-Knock-Allianz'."

Bei den Stellplätzen für Camper legt er Wert darauf, dass damit keine Konkurrenz zu den heimischen Gasstätten entstehen soll. "Diese Gäste übernachten eh nicht in den Häusern, aber sie gehen dort essen, insofern haben alle Beteiligten etwas davon." Über allem stehe für ihn eine "zeitgemäße Vermarktung". Es genüge nicht mehr, nur Prospekte auf der "Grünen Woche" zu verteilen. "Wir müssen selber werben, über Facebook und auf Instagram, und den Blick weiten auf andere Kommunen wie etwa Hof."

Wenn es nach Mark Reuther (SPD) geht, dann müssen zunächst die Gastronomen vor Ort mit ins Boot. "Was sind ihre Vorstellungen und Wünsche? Das will ich abfragen." Neue Zielgruppen zu erschließen, sei ein guter Ansatz. "Wie wäre es, wenn wir verstärkt Motorradfahrer in die Region locken? Ich fahre selber leidenschaftlich gern und könnte mir geführte Touren zu den Sehenswürdigkeiten hier vorstellen."

Eine gemeinsame Werbekampagne mit Marktrodach bringt Ludwig Ruml ins Spiel, spricht von einem gemeinsamen Internetauftritt. "Von Tourismus reden ist das eine, aber es muss auch ein Angebot für die Versorgung und Unterbringung der Menschen da sein", so der FW-Kandidat. Leider seien mittlerweile viele Gaststätten schon geschlossen. "Zum Glück haben wir noch zwei - aber dafür müssen wir etwas tun, das ist kein Selbstläufer und ein schwieriges Geschäft. Wir müssen den Inhabern Lösungen aufzeigen." Eine Alternative sieht er im "sanften Tourismus" mit Rücksicht auf die schöne Natur vor Ort.