Das Coronajahr 2020 ging mit schlechten Nachrichten zu Ende. Und das neue Jahr 2021 beginnt gleich mit einer Hiobsbotschaft: Der Automobilzulieferer Novem macht sein Werk im Kulmbacher Stadtteil Grafendobrach endgültig dicht.

Weihnachten und der Jahreswechsel waren für die Mitarbeiter des Automobilzulieferers zum Vergessen. Betriebsratsvorsitzender Michael Rieker beschreibt die Stimmungslage in der Belegschaft so: "Die Leute sind ziemlich geknickt. Die meisten haben hier über 25 Jahre gearbeitet, bei einer Kollegin waren es 41 Jahre."

Werksschließung: Alle Bemühungen nützten nichts

Die Hoffnungen von Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaft IG Metall im September, die Standortsicherung doch noch schaffen zu können (die BR berichtete), haben sich zerschlagen. "Unser Ziel ist es, das Werk zu erhalten. Die Hoffnung geben wir nicht auf", erklärte Rieker vor drei Monaten. Man werde sich gegen die Werksschließung wehren und alle Möglichkeiten - auch rechtliche - ausschöpfen. Der 1. Bevollmächtigter der IG Metall für Ostoberfranken, Volker Seidel, war nach ersten Gesprächen mit der Geschäftsführung schon damals nicht übermäßig optimistisch. "Die Tür ist zu. Ob wir sie noch mal aufkriegen, ist sehr fraglich", sagte Seidel.

Am Kulmbacher Standort des Weltmarktführers für qualitativ hochwertige Zierteile und dekorative Funktionselemente im Fahrzeuginnenraum waren zuletzt 86 Mitarbeiter beschäftigt. Im Juli waren es noch 135, als die Arbeit für den Land Rover abgezogen und die Belegschaft um 50 Stellen reduziert wurde. Bis Dezember lief die Produktion für den Porsche Panamera, der in Leipzig hergestellt wird. Der IG-Metall-Bevollmächtigte spricht von "harten, aber zum Schluss fairen Verhandlungen", an denen auf Arbeitnehmerseite auch der Betriebsrat und der Landshuter Rechtsanwalt Friedrich Schindele beteiligt waren.

Man sei zu einem Interessenausgleich und Sozialplan gekommen sind. "Nach mehreren Verhandlungsrunden wurde ein für beide Seiten tragbarer Kompromiss gefunden", sagt er. Unter den Gegebenheiten sei der Abschluss ein Erfolg, "denn das ursprüngliche Angebot der Geschäftsführung wurde verdreifacht".

Kulmbach wurde für andere Werke im Ausland geopfert

Die Beschäftigten, so Rieker, hatten eine echte Wahlmöglichkeit zwischen einer "akzeptablen, anständige Abfindung" oder einem Ersatzarbeitsplatz. Zirka 20 Mitarbeiter seien in die Zentrale nach Vorbach oder nach Eschenbach gewechselt. "Wenn vergleichbare adäquate Arbeitsplätze angeboten wurden, dann sind die Leute auch mitgegangen", sagt der Betriebsratsvorsitzende. 59 Leute fallen unter den Sozialplan. "Von denen hat nur ein kleiner Teil hat schon wieder was."

Laut Rieker habe sich auch die Vermutung des Betriebsrats bestätigt, "dass Kulmbach geopfert werden soll, um andere Werke im Ausland auszulasten". So werde die Arbeit für den Panamera ("Porsche schraubt die Stückzahlen wieder hoch") nach Pilsen verlagert, und die hiesigen Kollegen hätten sogar die tschechischen Arbeiter angelernt. Die Fertigung der Karbonteile für BMW, Mercedes, Porsche und andere Marken gehe wohl nach Slowenien.

Insgesamt sei die Werksschließung von langer Hand vorbereitet worden. "Die haben uns schon vor einem Jahr abgeschrieben", glaubt er und verweist auf die Firmenzeitung, in der Grafendobrach mit keinem Wort mehr erwähnt war. Eine Stellungnahme der Geschäftsführung der Unternehmensgruppe in Vorbach, Oberpfalz, war nicht zu bekommen. Auf Anfragen hieß es, dass bis 11. Januar niemand zu sprechen sei. "Nach einer offiziellen Aussage der Geschäftsführung soll bis Ende Januar mit einer Restbelegschaft gearbeitet werden", sagt Rieker. "Wir glauben aber, dass es sich bis Ende März hinzieht." Und was wird aus den Firmengebäuden? "Die sollen bis 1. April verkauft werden, so schnell wie möglich", vermutet der Betriebsratsvorsitzende. Es seien bereits Immobilienmakler durch die Hallen geführt worden. Mögliche Interessenten kennt Rieker aber nicht. Damit endet das Sterben auf Raten, das vor zwölf Jahren begann. 2008 hatte Novem Kulmbach noch 320 Beschäftigte. Ein Jahr später sank die Mitarbeiterzahl unter 200. Auch sie mussten um ihre Jobs bangen. Ständig wurden es weniger Leute - bis jetzt 50 Jahre Automobilgeschichte in Grafendobrach zu Ende gingen.

Das Unternehmen

Novem mit Hauptsitz in Vorbach, Oberpfalz, ist Weltmarktführer für qualitativ hochwertige Zierteile und dekorative Funktionselemente im Fahrzeuginnenraum. Hersteller wie Mercedes, Audi, BMW, Porsche, Volvo oder Maserati zählen zu den Kunden. Weltweit beschäftigt das Unternehmen 6000 Mitarbeiter, davon 1300 in Deutschland. Standorte sind in: Vorbach (Zentrale), Eschenbach, Kulmbach-Grafendobrach, Pilsen, Bergamo, Zalec (Slowenien), China, Nord- und Mittelamerika.

Im Geschäftsjahr 2019/20 erwirtschaftete Novem einen Umsatz von 646 Millionen Euro. Das Unternehmen befindet sich seit 2011 mehrheitlich im Eigentum der Beteiligungsgesellschaft Bregal Unternehmerkapital. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1949 durch Ernst Maria Pelz, Geretsried. Die Empe-Werke - 1998 Umfirmierung zu Novem - eröffneten 1971 die Niederlassung in Grafendobrach. War man anfangs auf Lenkräder aus Echtholz spezialisiert, wurde später die Produktpalette um Mittelkonsolen, Instrumententafeln und Türverkleidungen erweitert. Heute werden hochwertige Materialien wie Holz, Aluminium, Carbon, Premiumsynthetik, Leder, Porzellan und Glasfaser verarbeitet.

In Lauf kündigte ein Maschinenbauer vor kurzem ein Insolvenz-Verfahren an.