Gerade hatte Wolfgang Niedecken am Sonntagabend an seinem Tisch auf der Bühne im Schönen Hof der Plassenburg Platz genommen, als ihm seine Hündin Numa hinterhertrottete und kurz die Show stahl. "Ich hätte ja kein Problem damit, wenn sie hier bliebe, aber dann dürft ihr nicht mehr klatschen, das mag sie nämlich nicht", lachte der Kölner Musiker. Also musste Numa die Bühne wieder räumen. Bleiben durfte Mike Herting, der Niedecken am Keyboard begleitete.

Tiefer Griff in die Songkiste

"Mike kenne ich länger als es BAP gibt", verriet Wolfgang Niedecken, "er hat in einer Rockband gespielt, ich war Maler, und wir haben über die Jahre immer wieder etwas zusammen gemacht." Die beiden Musiker harmonierten denn auch prächtig. Niedecken las Passagen aus seinem Buch über eine Reise auf den Spuren Bob Dylans im Jahr 2017 vor, gefolgt von einem jeweils passenden Song. "Normalerweise starte ich mit dem Lied "Sinnflut", aber das wäre angesichts der aktuellen Situation pietätlos." Also griff er in die Songkiste und spielte ein Lied, das er seit 40 Jahren nicht mehr gespielt habe: "Alptraum eines Opportunisten". In Niedeckens Geschichten ging es dann um seine eigene Jugend, um seine Berührungspunkte mit Bob Dylan, um Reiseerlebnisse und Zwischenmenschliches. Songtechnisch bewegte sich der Kölner zwischen Kölsch und Englisch, in manchen Dylan-Songs auch in beiden Sprachen.

Mit der Übersetzung Frieden gemacht

"The Times They Are A Changin'" wurde gefolgt von "My Back Pages", "dem hohen Lied der Selbsterkenntnis." "Viel passiert" heißt der kölsche Text von Niedecken, "Dat woor, als ich noch vill älder woor, Ess vill passiert sickher." Vielleicht lag es am Kölschen, dass das Kulmbacher Publikum nicht ganz so stimmkräftig mitsang, was aber der Stimmung beim Plassenburg Open Air keinen Abbruch tat. Auch den Dylan-Titel "Like a Rolling Stone" hatte Niedecken einst ins Kölsche übertragen, für ihn selbst nicht wirklich zufriedenstellend. "Ich habe mehrfach versucht, den Text zu überarbeiten, kam aber dann zu dem Schluss, dass die Fans das nicht verstanden hätten - und so habe ich mit der suboptimalen Übersetzung meinen Frieden gemacht." Der Text komme zunächst wie ein Märchen daher, aber nichts an dem Lied sei harmlos.

Der Urknall

In seinen Geschichten erinnerte sich Niedecken zurück an seine Zeit auf der katholischen Internatsschule. "Ich damals mit meinem Quelle-Bass und als Paul McCartney-Kopie" - als er mit der Musik von Bob Dylan in Berührung kam, habe es in ihm einen Urknall gegeben. Diese Verbindung würdigte der Kölner Hochkaräter durch zarte Songs wie "Leev Frau Herrmanns", Klassiker wie "One More Cup of Coffee" oder "You Ain't Goin' Nowhere". Der erste Dylan-Song, den Niedecken "einkölschte", war "Girl from the North Country" - "Wo dä Nordwind weht." "Man in the Long Black Coat", "Für immer jung" und "Songs sinn Dräume" schlossen das abwechslungsreiche und hervorragend gespielte Konzert ab.

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Schluss, aus, vorbei" und ein Appell

Standing Ovations gab es für Wolfgang Niedecken und Mike Herting vom Kulmbacher Publikum, und die beiden Künstler badeten genüsslich in einem Applaus, den sie über Monate vermisst hatten. Sie bedankten sich mit drei Zugaben, darunter "Knocking on Heaven's Door" und "Schluss, aus, vorbei", bevor Niedecken sein Publikum in den lauen Abend entließ. Doch nicht ohne darauf hinzuweisen: "Ohne Impfen kriegen wir die Sache nicht geregelt, und geht wählen - aber keinen Scheiß!"