Die Versuchung ist groß an diesem kalten und trüben Freitagnachmittag: Jetzt einfach ins Auto steigen und in ein paar Minuten bequem ans Ziel kommen!

Aber das verkneife ich mir. Ich will schließlich teilhaben an einem ungewöhnlichen Experiment. Die Versuchsperson: Markus Büchler aus München, Landtagsabgeordneter der Grünen und verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Die Herausforderung: mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Kulmbach reisen und hier weiter zum Klinikum. Klingt einfach. Ist es aber keineswegs.

Ein Experiment

Gemeinsam mit Dagmar Keis-Lechner, der Kreisvorsitzenden der Grünen, erwarte ich den Gast am Bahnhof. Die Kulmbacherin hat sich das Experiment ausgedacht und öffentlich zum Mitmachen eingeladen: "Stellt euch vor, ihr wollt zwischen 16 und 17 Uhr jemanden im Klinikum besuchen, habt aber kein Auto und könnt auch nicht zu Fuß oder mit dem Rad hinkommen. Wie plant ihr die Anreise? Wie viel Zeit braucht ihr dafür?"

Markus Büchler hat die Herausforderung angenommen, steigt gut gelaunt aus dem Zug und gibt sich zunächst optimistisch. Herauszufinden, wie es jetzt weitergeht, dürfte kein Problem sein, sagt er. Er habe da eine App...Die ist leider wenig hilfreich, liefert keinerlei Hinweis darauf, dass es in Kulmbach einen Stadtbus gibt, der direkt bis vors Klinikum fährt.

Die App empfiehlt stattdessen den OVF-Linienbus nach Presseck, Haltestelle Blaich. Wer ortskundig ist, weiß: dort wartet ein langer Anstieg.

"Extrem antiquiert", wird Büchler später sagen. "Für mich ist der Stadtbusverkehr unsichtbar. Das ist nicht Stand der Technik." (Wer weiß, dass es ihn gibt, findet den Fahrplan im Netz - Anm. der Red.)

Unsichtbar bleibt der Stadtbus noch für einige Zeit. Der Gast, der den Wegweisern zum Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) folgt und dabei an einem sehr klein ausgefallenen Hinweisschild fast vorbeiläuft, landet zunächst dort, wo die OVF-Busse abfahren.

An den Busspuren stehen Schaukästen mit Fahrplänen. Verschiedenste Layouts, unterschiedliche Schriftgrößen. Übersichtlich geht anders, und Büchler wundert sich: "Ich komm' ja viel rum. Aber so was habe ich noch nicht erlebt." Die Stadtbushaltestelle hinter der Mauer registriert er zunächst nicht.

Zahlen ohne Erläuterung

Es braucht erneut einen Tipp von Dagmar Keis-Lechner, damit Büchler die Haltestelle findet. Aber wann fährt der Bus? Die kleingedruckten Fahrpläne sind eine Herausforderungen für nicht mehr ganz junge Augen. Manche Touren sind mit Zahlen markiert. Eine Legende dazu sucht man vergebens.

Rund eine halbe Stunde sind wir mittlerweile unterwegs, zwar immer in Bewegung, aber doch schon ein bisschen ausgefroren. Wo überbrückt man längere Wartezeiten, wenn es kalt ist? Die Wartehäuschen bieten nur wenig Schutz; bleibt nur der Weg ins "fritz"-Einkaufszentrum.

Irgendwann sitzen wir dann im Bus, der uns via Stadthalle und Schwedensteg in wenigen Minuten hinauf zum Klinikum bringt. Wir wollen gleich schauen, wann wir wieder zurückfahren können. Michael Büchler findet den ausgehängten Fahrplan verwirrend, lässt sich von uns erklären, dass der Bus auf der Linie 1 einmal im Uhrzeigersinn und einmal entgegen dem Uhrzeigersinn fährt. Endlich ist es dann geklärt: Wir haben jetzt eineinhalb Stunden Zeit.

In der Caféteria treffen wir auf weitere Teilnehmer an dem Experiment, die Interessantes zu berichten haben. Ilse Seuß und Stefan Opel fahren selten Bus. Sie wohnen stadtnah, können viel zu Fuß erledigen. Mit einem Bus der Linie 5 sind sie von der Wolfskehle in die Innenstadt gelangt - eine Schleife über die Plassenburg inklusive -, hatten sich eigentlich darauf eingestellt, eine längere Wartezeit hinnehmen zu müssen, haben dank eines Tipps des Busfahrers dann aber doch eine schnelle Verbindung erwischt und sitzen deshalb schon vor Kaffee und Kuchen. Claus Gumprecht hingegen, Fraktionssprecher der Grünen im Kreistag, hat sich nach einiger Planung fürs Auto entschieden. Von Gößmannsreuth mit dem Vario-Bus nach Kulmbach und dort mit dem Stadtbus weiter - so viel Zeit hat er nicht.

Der Zeitfaktor ist auch für Markus Büchler das entscheidende Problem. Er hat mittlerweile die Fahrpläne studiert und registriert, dass längere Wartezeiten unvermeidlich sind. Ein Unding, wie er findet: "Die Wege von Tür zu Tür müssen sich in ähnlich komfortabler Zeit zurücklegen lassen wie mit dem Auto."

Nahverkehr in der Stadt funktioniere nun einmal nur dann, wenn er keine "Insellösung" sei, sondern gut vernetzt mit dem übrigen ÖPNV, in großen Verbünden. "Da ist hier noch viel Luft nach oben." Büchler rät dringend zum Beitritt zum Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) und dazu, den Kulmbacher Stadtbusverkehr in die wichtigsten Apps einzubinden. Immerhin habe Kulmbach wenigstens ein Stadtbusnetz, so der Experte. In anderen Städten vergleichbarer Größe gebe es nicht einmal das.

Wichtig ist es nach Büchlers Ansicht auch, einen Nahverkehrsplan mit den Nachbarlandkreisen abzustimmen. Kein einfaches Unterfangen. "Aber es ist leistbar und es geht."

Klimafreundlich

20 Milliarden Euro werden seinen Worten zufolge in jedem Jahr in Deutschland für klimaschädliche Verkehrs-Investitionen ausgegeben. Da müsse es doch auch möglich sein, in einen klimafreundlichen Nahverkehr zu investieren.

Unsere Kaffeerunde trennt sich. Ich habe so geplant, dass ich ohne Wartezeit zurück zum ZOB komme. Immer scheint das nicht zu klappen: An der Bushaltestelle treffe ich auf eine Frau, die ratlos vor dem ausgehängten Fahrplan steht. Gemeinsam und nicht ohne Mühe finden wir heraus, dass der Bus, der ohne Umwege nach Ziegelhütten fährt, erst in einer halben Stunde kommt. "Das dauert mir zu lang", sagt die Frau, zieht ihre Stiefeletten aus, holt ein Paar derbe Stiefel aus dem Rucksack. "Da laufe ich doch lieber."