Artenvielfalt - der in den vergangenen Wochen angesichts des Volksbegehrens zum Insektenschutz strapazierte Begriff klingt in den Ohren von Martin Ammersdörfer derzeit wie Hohn. Wenn der Neuenmarkter sein Grundstück verlässt, nach wenigen Metern eine kleine Anhöhe passiert und dann von der Steinernen Brücke links der Bahngleise auf die Überbleibsel von Birken, Eichen und Weiden schaut, bleibt ihm nur noch Kopfschütteln. "Einerseits diskutiert ganz Bayern über eine intakte Natur für Insekten und Vögel - und dann muss man sich das hier anschauen."

Sein Blick wandert am ausgestreckten Arm entlang und bleibt an einem Turm aufgeschichteter Stämme hängen. "Da liegt der Scheiterhaufen, also das, was übrig blieb von einer einst stolzen Baumreihe", sagt er. Und angesichts der noch stehenden Gehölze, die - ihrer Krone beraubt - in drei bis fünf Metern Höhe gekappt wurden, findet er nur ein Wort: "Marterpfähle, mehr sind das für mich nicht mehr."

Eine Frage der Sicherheit

Die Sicherheit der Strecke mache das nötig, lässt die Deutsche Bahn auf Anfrage wissen. Die Maßnahme sei rechtzeitig mit allen Beteiligten - Gemeinde und auch Unterer Naturschutzbehörde - abgesprochen worden, heißt es. "Für die Sicherheit der Zugfahrten und damit der Reisenden muss die DB nicht nur ihre Züge regelmäßig warten, sondern auch Gleise und Gleisanlagen. Dazu gehört auch, regelmäßig Pflanzen zu entfernen, damit diese mit ihren Wurzeln nicht den Schotterunterbau beeinträchtigen, ins Gleis fallen oder die Sicht auf Signale und Bahnübergänge versperren."

Im sogenannten Vegetationsmanagement der Bahn steht: Von der Gleismitte ausgehend, soll links und rechts des Bahndammes auf 6,80 Meter eine Vegetation erhalten werden, die jedoch den sicheren Betrieb nicht gefährdet. Das bedeute nicht, dass alles Grüne entfernt werden müsse; es solle sich ein stufenweiser Aufbau ergeben - von der niedrigen Brombeerhecke über den halbhohen Haselnussstrauch his hin zu Gehölzen wie Ahorn und Birke, die 15 Meter und mehr Wuchshöhe erreichen können - aber eben nicht ins Gleisbett fallen dürfen.

Irreparabler Eingriff

Martin Ammersdörfer streitet in keiner Weise ab, dass eine Bahnstrecke sicher zu sein hat - auch vor möglicherweise umstürzenden Nadel- und Laubträgern. "Es steht doch außer Frage, dass kranke Bäume, die für die Bahn eine Gefährdung darstellen würden, entfernt werden müssen. Aber dieser Eingriff geht für mich weit darüber hinaus und er lässt Spuren zurück, die nicht wieder gutzumachen sind. Bis auf die Weiden, die nachtreiben, sind alle anderen betroffenen Bäume Totholz."

Bahn hat bis 28. Februar Zeit

Zweiter Bürgermeister Alexander Wunderlich (CSU) nimmt die Sorgen der Anwohner ernst. "Ich komme selber regelmäßig hier entlang und war zunächst auch überrascht vom Anblick, der sich bietet. Ob das alles, wie vonseiten der Bahn geäußert, in wenigen Monaten wieder überwächst, kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber mir wurde bestätigt, dass die DB im Zuge der Verkehrssicherungspflicht auf ihren Flächen entsprechend handeln kann. Und: Sie hat dafür nur bis 28. Februar Zeit. "

Diesen Zeitkorridor werde die Bahn nutzen, teilt man der BR mit. Zunächst wurde gemunkelt, dass aufgrund der Bürgerproteste ein Stopp eingelegt werde. Davon könne laut Bahnsprecher keine Rede sein; in der kommenden Woche werde die Maßnahme fortgeführt. Dass am Donnerstag und Freitag die Arbeiten ruhten, liege an einem anderen Auftrag, den die von der DB beauftragte Firma vorrangig abarbeite.

Warum die Bahn aber in dieser umfangreichen Form vorgeht? Nach den Worten von Rüdiger Köhler, geschäftsführender Beamter des Landratsamts, habe es immer wieder Sturmschäden im vergangenen Spätsommer und Herbst auf der "Schiefen Ebene" gegeben. "Die Strecke musste daraufhin mehrfach gesperrt werden", sagt Köhler und ergänzt: "Die Verkehrssicherungsarbeiten sind mit der Unteren Naturschutzbehörde abgesprochen und haben absoluten Vorrang vor naturschutzfachlichen Gesichtspunkten." Es solle aber, so Köhler, nur das vorgenommen werden, was aus Sicherheitsgründen unbedingt notwendig sei.

Weiteres Gespräch folgt

Für die Sommermonate sei ein Gespräch mit Verantwortlichen von Bahn, Gemeinde und Landkreisbehörde avisiert, sagt Köhler. Ziel ist es demnach, weitere Pflegemaßnahmen auf der anderen Seite des Bahndamms, wo auch die Museumsbahn verkehrt, auf das "absolut Notwendigste" zu beschränken.

Das hört Martin Ammersdörfer gern. "Die Vorstellung, dass hinter unserem Haus der Kahlschlag im gleichen Umfang fortgeführt würde, belastet mich sehr. Wir haben dort gebaut, weil wir in die Natur und auf den Wald schauen wollen und nicht auf Reihen von Baumleichen."

Auf Facebook wird das Thema heftig diskutiert

Die Fotos von den Baumfällungen haben auf dem BR-Facebook-Account eine rege Debatte entfacht. Hier einige (wörtliche) Auszüge:

David Bieler: "Diese Maßnahmen finden alle paar Jahre statt und das deutschlandweit und die Natur reguliert das selbst wieder sehr gut, sonst müsste man das eben nicht wiederholen."

Susi Hempfling: "Verstehe nicht das sowas nicht im Herbst gemacht wird! Jetzt wo Sträucher und Bäume bald austreiben, und damit wertvolle Nahrung für Insekten bieten würden. DAS hat mit Rettung der Artenvielfalt gar nichts zu tun."

Sabine Rannert: "Es könnte besser gemacht werden, nur Bäume und Sträucher auf den Gleisen ist auch nicht gut."

Robert Hnat: "Man hat die Bäume zu lange nicht beachtet, eine Gefahr kann von Ihnen leider ausgehen. Eine Rodung wäre sinnvoller."

Florian Hanischdörfer: "Ohne Frage, aus sicherheitstechnischen Gründen nötig. Aber so ist das absolut sch** ausgeführt. Unten sauber abschneiden und gut, dann kommt das sauber wieder nach. So entstehen beim Neuaustrieb der Stummel tausende Sollbruchstellen, die schon in wenigen Jahren erneutes eingreifen erfordern."

Roland Hummel: "Wenn Menschenleben gefährdet sind oder in Gefahr kommen oder sogar getötet werden durch Bäume auf den Gleisen usw... Das interessiert manche Umwelt Aktivisten hier nicht. Bei einem Zug Unfall können mehrere hundert Menschen sterben. Die wachsen nicht einfach mal so nach wie Bäume, Sträucher usw."

Peter Schumacher: "Aber dann maulen, wenn die Bahn wegen eines umgestürzten Baumes nicht kommt."

Maria Schneider: "Es ist nun mal so, dass an Bahnanlagen und Autobahnen die Sicherheit Vorrang hat. Da sollte man sich über andere Abholzungen mehr aufregen."