Abgestürzt, angezählt, rausgeflogen: In einem Alter, in dem andere erst richtig loslegen, war für Mario das Berufsleben schon wieder vorbei. Der angehende Koch konnte wegen einer Psychose nicht mehr arbeiten und war nicht mehr in der Lage, die einfachsten Dinge seines Lebens zu regeln. Mal ein Praktikum hier, mal ein Ein-Euro-Job da - eine wirkliche Perspektive hatte Mario nicht.
Seit einigen Monaten aber ist der heute 26-Jährige wieder voller Optimismus. Er hat Arbeit und einen geregelten Tagesablauf, nette Kollegen - und hin und wieder die Gelegenheit, zu beweisen, dass immer noch ein guter Koch in ihm steckt.

"Zu viel Druck"

Möglich macht das das "Brückenwerk", eine Werkstatt für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Vor gut einem Jahr hat die Werkstatt im Kulmbacher Stadtteil Ziegelhütten eröffnet. 15 Männer und Frauen arbeiten hier.
Mario ist der Jüngste; sein ältester Kollege ist 61 Jahre alt. Gemeinsam haben alle, dass sie wegen einer schweren psychischen Erkrankung auf dem regulären Arbeitsmarkt wohl nicht lange durchhalten würden.
"Der Druck, der Schichtdienst - es war einfach zu viel", sagt Tanja, eine von Marios Kolleginnen. Eine manische Störung war der Grund dafür, dass die 35-Jährige ihre Arbeit als Altenpflegerin aufgeben musste. Fünf Monate lang wurde sie stationär im Bezirkskrankenhaus behandelt. Dass sie jetzt im "Brückenwerk" arbeitet, empfindet sie als großes Glück.

Rückzugsräume und Pausen

Es sind einfache Tätigkeiten, die dort zu erledigen sind: Kunststoffsäcke befüllen, die später als Filtern in Kleinkläranlagen dienen sollen. Farbmusterkarten zusammenstellen. Farbstifte in Packungen sortieren. Verpackungsarbeiten für einen Firma, die Thrombosestrümpfe herstellt. Aber: Niemand macht acht Stunden am Tag die gleiche Arbeit, niemand wird unter Druck gesetzt, weil bestimmte Stückzahlen erfüllt werden müssen. Und wer eine Pause braucht, der bekommt sie.

Im Werkstattgebäude an der Ziegelhüttener Straße gibt es dafür extra Ruhe- und Rückzugsräume. Wer einen schlechten Tag hat, sagt das - und kann mit Rücksicht rechnen.
Eine Art geschützter Raum sei hier entstanden, von dem die Mitarbeiter profitieren, sagt Werkstattleiterin Stefanie Hofmann. Und in der Tat: In der hellen Produktionshalle, die in einem früheren Lebensmittelladen entstanden ist, werden Besucher freundlich gegrüßt; die angenehme, ruhige Atmosphäre spüren auch sie.
Natürlich muss auch in einer Werkstatt wie dieser wirtschaftlich gearbeitet werden. Zwar sind die Gewinnspannen nicht vergleichbar mit denen in der freien Wirtschaft. Aber die Auftraggeber erwarten Termintreue und sorgfältige Arbeit.

Kontakte intensivieren

Die meisten Auftrage übernehmen Stefanie Hofmann, Gruppenleiterin Viola Wich und ihre Schützlinge derzeit von den Behinderten-Werkstätten in Himmelkron und in Melkendorf, werden quasi als Sub-Unternehmer tätig. Mittelfristig allerdings ist schon geplant, noch mehr eigene Aufträge zu akq uirieren, die Kontakte zu heimischen Firmen, die als Auftraggeber in Frage kämen, zu intensivieren.
Verpackungs- und Montagearbeiten können die Mitarbeiter des "Brückenwerks" erledigen. Auch ein Büroservice wird geboten: Postwurfsendungen versandfertig machten, Flyer falzen... "Auch kleine Stückzahlen sind möglich", wie Werkstattleiterin Hofmann betont.
Für Firmen macht sich die Zusammenarbeit mit dem "Brückenwerk" bezahlt, sagt sie: Auftraggeber reduzieren je nach Auftragsvolumen ihre Ausgleichsabgabe - und auch der reduzierte Mehrwertsteuersatz von nur sieben Prozent sei ein Anreiz.
Über die Probephase sind Werkstatt und Mitarbeiter ein gutes Jahr nach der Eröffnung hinweg: "Wir sind mittlerweile eine stabile Werkstatt und wachsen langsam, aber beständig", sagt Jürgen Dippold, Geschäftsführer des BRK-Kreisverbandes. Er fungiert gemeinsam mit Elisabeth Weith, Geschäftsführerin der Kulmbacher Arbeiterwohlfahrt, auch als Geschäftsführer des Brückenwerks. Rotes Kreuz und Arbeiterwohlfahrt gehören dem so genannten Kulmbacher Verbund an, dem Trägerverband der Werkstatt.
Irgendwann einmal sollen 30 Männer und Frauen in Ziegelhütten arbeiten. "Wir sind auf einem guten Weg", so Elisabeth Weith.

Hoffnung auf ein Praktikum

Was Mario und Tanja betrifft, so stimmt das auf jeden Fall. Dass sie überhaupt eine Beschäftigung haben, ist für die beiden schon ein Gewinn. "Ich stehe früh auf, habe einen geregelten Tagesablauf, sehe, dass ich etwas schaffe", sagt Mario. Demnächst einmal ein Praktikum machen - das ist sein großer Wunsch. Und wer weiß: Vielleicht klappt es irgendwann mit einem regulären Arbeitsplatz?
Für einige der Mitarbeiter wird dies ein Traum bleiben, d die Werkstatt wird zum Dauerarbeitsplatz werden. Aber es gibt immer wieder Mitarbeiter, die Werkstätten wie diese verlassen, um einer regulären Beschäftigung nachzugehen, sagt die Werkstattleiterin. Für diese Menschen wird das "Brückenwerk", was der Name verspricht - eine Brücke zurück in ihr normales Leben.
Was Tanja angeht, so sind alle Beteiligten zuversichtlich. "Ich gehe gerne auf meine Arbeit", sagt sie. "Mir ist es wichtig, einen festen Tagesrhythmus zu haben." Für sie ist die Chance, sich "draußen" auszuprobieren, greifbar geworden: In der nächsten Woche beginnt ihr Praktikum in der Küche des Rehbergheims.



Zahlen und Fakten zum "Brückenwerk"


Träger Träger der Werkstatt ist der so genannte Kulmbacher Verbund, dem die Kreisverbände von Rotem Kreuz, Arbeiterwohlfahrt und Caritas, das Diakonische Werk Kulmbach, das Diakonische Werk Bayreuth sowie das Diakoniewerk Neuendettelsau angehören.

Mitarbeiter
Derzeit arbeiten in der Werkstatt in Ziegelhütten 15 Männer und Frauen zwischen 26 und 61 Jahren. Die Mitarbeiterzahl soll einmal auf 30 ansteigen.
Aufträge Die Werkstatt kooperiert mit der Werkstatt für Menschen mit Behinderung und den Werkstätten der Himmelkroner Heime und übernimmt einen Teil von deren Aufträgen. Langfristig will man sich aber verstärkt um eigene Auftraggeber bemühen. Die Werkstatt ist nach DIN ISO9001:2008 reduziert

Angebot Übernommen werden Montage- und Verpackungsarbeiten. Außerdem gibt es einen Büroservice, der zum Beispiel Postwurfsendungen versandfertig macht oder Bindearbeiten für Drucksachen ausführt.
Anmeldungen Wer Interesse an einer Arbeitsstelle im "Brückenwerk" hat, kann sich direkt dort melden. Nach einigen Tagen Probearbeit kann ein Aufnahmeantrag gestellt werden, der dann von den Kostenträgern - je nach Einzelfall der Bezirk Oberfraken, die Agentur für Arbeit oder die Deutsche Rentenversicherung - geprüft wird.

Sponsoren Die Mitarbeiter des Brückenwerks würden sich über Sponsoren freuen. Der reguläre Etat sieht keine Mittel für gemeinschaftliche Unternehmungen wie etwa Ausflüge oder Restaurantbesuche vor. Aber auch die sind wichtig, um die Mitarbeiter wieder an ein möglichst normales Leben heranzuführen.

Information und Kontakt WfbM Brückenwerk, Werkstattleitung Stefanie Hofmann, Telefon 09221/8274530, Mail hofmann@brueckenwerk-kulmbach.de