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Kulmbach
Gericht

Auf Polizisten geschossen: Waffennarr aus Oberfranken "weiß nichts mehr" davon

Großeinsatz vor einem Jahr bei Kulmbach: Das halbe Dorf schaute zu, wie das SEK einen Mann festnahm, der sich in seinem Haus verschanzt hatte.
 
Weil er bei einem Polizeieinsatz mit seinem Revolver aus dem Fenster geballert hatte, rückte das SEK an und nahm einen Mann fest. Gestern stand er in Kulmbach vor Gericht.
Weil er bei einem Polizeieinsatz mit seinem Revolver aus dem Fenster geballert hatte, rückte das SEK an und nahm einen Mann fest. Gestern stand er in Kulmbach vor Gericht. Foto: Symbolbild: dpa/Geisler

Der Trubel muss enorm gewesen sein. "Das halbe Dorf ist zusammengelaufen", sagt der Angeklagte. Und alles seinetwegen. Weil er bei einem Polizeieinsatz mit seinem Revolver aus dem Fenster geschossen hatte, rückte das SEK an. Das Spezialeinsatzkommando stürmte die Wohnung und nahm den Mann fest. Am Mittwoch (17. Februar 2021) stand der 55-Jährige in Kulmbach vor Gericht. An den Vorfall vor einem Jahr hat der Mann angeblich keine eigene Erinnerung mehr. Sagt er. Und begründet den Gedächtnisverlust mit zwei Schlaganfällen. Bei ihm träten immer mal Erinnerungslücken auf, wenn er viel Stress hat.

Im Bezirkskrankenhaus Bayreuth hätten ihm die Pfleger und Ärzte davon erzählt: "Das stand groß in der Zeitung, und im Radio bist Du auch gekommen." Auch mit seiner Tochter habe er darüber gesprochen. "Ich selbst weiß nichts mehr."

Schütze hat seine Tat vergessen - Schlaganfälle offenbar schuld

Dabei war's damals vorbei mit dem beschaulichen Alltag im Dorf, dessen Bewohner sich schon langsam zur Ruhe begaben. Um 21 Uhr wurde die Polizei alarmiert. Ein Mann habe Selbstmordabsichten geäußert und sich in seinem Haus verbarrikadiert. Der Anlass sei ein Familienstreit gewesen, sagt Amtsrichterin Sieglinde Tettmann. Der Angeklagte habe an jenem Tag auf seine Enkelin aufgepasst. Das Mädchen habe hinterher über Schmerzen im Unterleib geklagt und sich missverständlich geäußert, dass man meinen konnte, der Opa habe sich an ihr vergriffen. "Da war erwiesenermaßen nichts dran. Die Vierjährige ist hingefallen, hatte Schmerzen und hat sich unglücklich ausgedrückt", stellt die Richterin klar.

Es hat den Angeklagten offenbar schwer getroffen, dass man ihm so etwas zutraute. Er ließ nicht mehr mit sich reden. Er reagierte auch nicht auf die Polizei, die eine halbe Stunde später mit zwei Streifen aus Kulmbach und Stadtsteinach am Ort des Geschehens eintraf. Der Einsatzgrund lautete: mögliches Sexualdelikt und Suizidandrohung. Dass dann die Situation eskalieren würde, ahnte noch keiner.

Im Gegensatz zum Angeklagten wussten die Beamten, die gestern alle vom Gericht befragt wurden, noch genau, was damals passiert ist. Als sie an der Tür klopften und sich als Polizisten zu erkennen gaben, seien sie von dem Mann beschimpft worden. "Fickt euch, haut ab, Scheißbullen", soll er gerufen haben. Und gedroht, dass er jedem den Schädel einschlagen werden, der hereinzukommen versucht.

Täter drohte der Polizei mehrfach

Schließlich gelang es einem Polizeikommissar (34), ein Fensteraufzudrücken. Da schaute ihm schon der Lauf einer Waffe entgegen. "Ich habe die Kollegen noch gewarnt und geschrien: Waffe", sagte der Zeuge.

Ohne Ankündigung fielen dann zwei Schüsse. "Man konnte in der Dunkelheit nicht erkennen, ob es eine echte Waffe war oder Schreckschusspistole", sagte eine Polizistin (49). Ihre Kollegin (43) gab an, ziemlich erschrocken zu sein. Das Geschehen hängt ihr heute noch nach. "Man wacht nachts auf und hört den Knall. Langsam wird es besser. Bei der Polizei erlebt man so einiges, aber das war schon eine Hausnummer."

Die fünf Polizisten brachten sich in Sicherheit und legten Schutzkleidung an. Der Einsatzleiter in Stadtsteinach entschied, das SEK anzufordern. Bis zum Eintreffen der Spezialkräfte umstellte die Polizei das Haus, und der Tatort wurde weiträumig abgesperrt. Das SEK klopfte dann nicht höflich an der Haustür an, sondern stürmte die Wohnung.

SEK rückt an: Waffenarsenal entdeckt

Der Einsatz lief unblutig ab, es gab keine Verletzten. Die Festnahme des Mannes erfolgte um 1.30 Uhr. Er wurde - mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt - zum Krankenwagen gebracht und ins Bezirkskrankenhaus nach Bayreuth gebracht. "Er war ganz ruhig und hat ganz normal gesprochen", berichtete eine Zeugin. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung wurden zwei leere Patronenhülsen und ein ganzes Waffenarsenal gefunden. Mit einem Wurfstern und einem Wurfmesser auch zwei verbotene Waffen sowie 17 Manöverpatronen, vermutlich von der US-Army, die der Mann auch nicht besitzen durfte. Ferner wurden vier Spielzeugpistolen, neun Messer, eine Armbrust, ein Samuaraischwert mit 65 Zentimeter Klingenlänge, eine Softairwaffe, eine Pumpgun und eine Luftpistole sichergestellt, für die man keine Erlaubnis braucht. Auf die Frage der Richterin gab der Angeklagte zu, dass er ein bisschen ein Waffennarr sei. Mit seiner Tochter gebe es keinen Streit: "Wir verstehen uns gut, sie ist mir nicht böse."

Nach zweistündiger Verhandlung wurde der Mann, der ohne Verteidiger erschienen war, wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in einem besonders schweren Fall verurteilt. Beim Strafmaß waren sich Staatsanwaltschaft und Gericht einig: zehn Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Ferner muss er eine Geldauflage von 1000 Euro bezahlen oder 100 Stunden nach Anweisung des Vereins Fähre arbeiten.

"Diese Dinger sind gefährlich"

Die Amtsrichterin hielt dem Angeklagten zugute, dass er sich in einer Ausnahmesituation befand. Aber er habe genau gewusst, was los ist, dass die Polizei vor der Tür steht. Trotzdem habe er sich hinreißen lassen, den Revolver zum Abschießen von Silvesterkrachern, eine Gas- oder Signalwaffe, zweimal abzufeuern. "PTB-Waffen darf man ohne Waffenschein besitzen. Aber diese Dinger sind trotzdem gefährlich", erklärte Tettmann und sagte: "Ich denke, dass es ihm eine Lehre war." Die Antwort des Mannes kam wie aus der Pistole geschossen: "Ja, auf jeden Fall."