Es ist Mittwochmorgen. Einsam steht Ibrahim Abou Saho auf dem Bahnsteig des Kulmbacher Bahnhofs. Er wundert sich, denn der Zug, mit dem er um 7.36 Uhr zu seiner Arbeitsstelle in Burgkunstadt fahren wollte, kam nicht. Einfach so. Auf der Anzeige flimmert in gelb-gepunkteten Lettern der Hinweis auf: "Der Zugverkehr ist massiv beeinträchtigt."

Auf den Schreck erst mal einen Kaffee

Der aus dem Libanon stammende Mann, der schon 21 Jahre in Deutschland lebt, ist von der Bahn eigentlich Zuverlässigkeit gewohnt. Doch mit seinem Schicksal hadert er nicht. Er macht das Beste aus der Situation und holt sich einen Kaffee. "Ich habe gestern keine Nachrichten gehört. Ich war so kaputt und bin um 20 Uhr ins Bett", berichtet er. "Das ist eine Überraschung", sagt er und staunt über den Hinweis, dass die Lokführer streiken. Denn zeitgleich fahren trotzdem Züge: Güterzüge, die mit Schotter beladen sind, und natürlich Züge von Agilis, die nicht vom Streik betroffen sind.

Schnell kommt der Mann aus dem Libanon mit anderen Fahrgästen ins Gespräch. Can Karabaya möchte ebenfalls nach Burgkunstadt. "Um 8.09 Uhr fährt ein Agilis-Zug. Ich habe nachgeschaut, es gibt keine Beeinträchtigungen", sagt der und wartet entspannt. Karabaya arbeitet als Heilerziehungspfleger bei Regens Wagner. "Ich fahre immer mit dem Zug", sagt er. Auch er hat sich vorher nicht groß über den Lokführerstreik informiert oder Gedanken darüber gemacht, dass er persönlich betroffen sein könnte.

Genau so geht es Marc Wallner, dem Küchenchef der "Spinnstuben". Er muss nach Mainleus. "Ich habe vom Lokführerstreik nichts mitbekommen", sagt Wallner. Seine Informationen bezieht er vorwiegend aus sozialen Netzwerken wie Facebook. Zeitungen und TV-Nachrichten hat er in den letzten Tagen nicht zu Gesicht bekommen. Doch Angst, dass er nicht in die Nachbarkommune kommen könnte, hat er nicht. "In der App findet sich kein Hinweis. Dann wird der Zug schon fahren", vertraut er seinem Handy. Und er hat Glück, weil er mit Agilis fährt. "Notfalls müsste ich meine Frau anrufen, aber die hatte Spätschicht, wenn es irgendwie anders geht, dann warte ich einfach", sagt Wallner.

Kein Ansturm am Taxi-Stand

Die Taxifahrer am Kulmbacher Bahnhof haben am ersten Streiktag kein verstärktes Aufkommen erlebt. Nur ein Fahrgast kam nicht weiter und stieg auf das Taxi um. Der große Ansturm blieb aus.

Regional kommt es dennoch zu erheblichen Einschränkungen. Denn am ersten Streiktag halten in Bamberg und Bad Staffelstein keine DB-Züge. "Das geht jetzt zwei Tage oder so. Da kann man doch auf andere Züge ausweichen", kommentiert Annette Wiemann. Sie hat grundsätzlich Verständnis für die Forderung der Lokführer nach mehr Lohn. "Aber natürlich ist so ein Streik ein Problem, wenn man Termine hat oder man zum Flughafen muss", sagt Wiemann. Persönlich ist sie so flexibel, dass sie ausweichen kann. "Es ist einfach viel bequemer, mit der Bahn zu fahren. Man kommt entspannt an", sagt die Pendlerin und lässt sich nicht abbringen, auch in Zukunft auf die Bahn zu setzen.

Die DB hat im Vorfeld auf die Beeinträchtigungen hingewiesen und Fahrgäste gebeten, auf Urlaubsreisen zu verzichten oder diese zu verschieben. Philippa Drago kommt dennoch mit einem Koffer in Kulmbach an. Sie möchte ein paar Tage Urlaub machen, hat hier ein Hotel gebucht und plant Ausflüge. "Nürnberg oder so ist ein Problem. Aber ich komme schon dahin, wo ich hinmöchte", ist sie flexibel und weicht einfach auf Agilis-Züge aus.

Auch der Güterverkehr ist von den Lokführerstreiks betroffen. "Aber bei uns läuft alles ganz normal. Wir beladen in dieser Woche nach Plan - jeden Tag", sagt Oswin Kirchner von den Hartsteinwerken Schicker. Warum die Schotterzüge fahren und andere Güterzüge nicht, ist unklar. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass der Schotter für die Bahn benötigt wird und dass es deshalb Ausnahmen gibt.