Mit dem Kopf schütteln - das ist das, was Joseph Alhanna tut, wenn er sich die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) ansieht. Er zweifelt nicht an den Erhebungen darin, der Lungenfacharzt am Klinikum Kulmbach ist schließlich selber DGP-Mitglied. Nein: Er kann nicht glauben, dass führende Kollegen seiner Fachrichtung, die sich noch 2010 klar dazu positioniert hatten, plötzlich das Gegenteil verkünden: Dass erhöhte Luftschadstoffkonzentrationen durch Feinstaub und Stickoxid (NO 2 ) kein messbar erhöhtes Risiko bedeuten, um an Lungenkrebs oder der Chronisch obstruktiven Lungenerkrankung COPD zu erkranken.

Ausgerechnet der Koordinator besagter Leitlinien gehört zu den 100 Unterzeichnern eines Papiers, initiiert vom ehemaligen DGP-Präsidenten Dieter Köhler. Jener, einst die größte Nummer der deutschen Lungenfachärzteschaft, sitzt seither als Dauergast in Talkshows und betont: Die Gesundheitsgefahren durch Feinstaub und Stickoxide würden bewusst aufgebauscht - wider besseres medizinisches Wissen. Es sei kein Nachweis erbracht, dass Feinstaub in höherer Dosis mehr Schäden verursache. "Daran hätte man schon merken müssen, dass etwas faul ist", bekundet Köhler gebetsmühlenartig. Und ergänzt: Es gebe keine biologische Erklärung, "warum Feinstaub das alles im Körper anrichten soll".

"Gegen alles Erwiesene"

"Das ist einfach unglaublich" sagt Joseph Alhanna und schüttelt wieder den Kopf. Dass ausgerechnet eine Koryphäe seiner Zunft "dermaßen gegen alles Erwiesene" wettern könne, bereitet dem Arzt aus Syrien nahezu körperliche Schmerzen. "Es gab stets eine klare Ansage der DPG auch dahingehend, dass wir die Politik auffordern, Luftverschmutzung aus den genannten Gründen zu bekämpfen - und die Grenzwerte sogar noch weiter absenken, also unter die genannten 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft."

"Nicht aus dem Hut gezaubert"

Die entstanden für Deutschland und die anderen EU-Staaten nach einer langen Debatte und wurden 2008 von EU-Parlament und EU-Rat beschlossen. Vorreiter war die Weltgesundheitsorganisation WHO, die 50 als Maximum angesetzt hatte. "So eine Institution zaubert sich eine Marke doch nicht aus dem Hut", sagt Alhanna. "Es waren fast vier Jahre intensiver Studienarbeit und das Auswerten von über 1000 Untersuchungen von 2003 bis 2006 vorausgegangen."

In der Fachliteratur sei belegt, dass bereits ab fünf Mikrogramm die Sterblichkeit um 0,3 Prozent erhöht ist. "Mit jedem weiteren Mikrogramm steigt diese Kurve an, das ist Fakt."

Umgekehrt hätten Köhler und Co. für ihre Behauptungen keinerlei Beweise. "Es wird spannend auf dem DPG-Kongress im März. Dort werden sie liefern müssen. Aber sie werden am Ende mit leeren Händen dastehen", prophezeit Alhanna und ergänzt. "Es gibt nichts an Forschungen, die in irgendeiner Weise rechtfertigen würden, an den Erkenntnissen von 2010, die in unsere medizinischen Leitlinien mündeten, zu zweifeln." Als Mediziner sehe er Forschung als Basis der klinischen Arbeit. "Sonst könnte ich in allen Wissenschaften geprüftes Wissen aus Jahrzehnten einfach vom Tisch wischen."

Aufschlussreich findet der Syrer Recherchen des ZDF-Magazins "Frontal 21". Die Journalisten hatten eruiert, wer von den Unterzeichnern des Köhler-Vorstoßes selber Studien zum Thema gemacht hat. Das Resultat: Von allen 100 Unterzeichnern hat kein einziger entsprechende Forschungsarbeiten dazu in petto.

Der Kulmbacher Mediziner hingegen habe am Klinikum wie auch in seiner Bayreuther Praxis täglich mit Menschen zu tun, die ihn nicht an einem Zusammenhang zwischen verschmutzter Luft und Krankheit zweifeln ließen. "Meine Kollegen und ich sehen hier Leute sitzen, die haben weder geraucht, noch sind sie am Arbeitsplatz Stoffen in höherer Konzentration ausgesetzt, noch haben sie eine genetische Disposition, wären also familiär vorbelastet - dennoch leiden diese Menschen an Lungenkrebs und COPD. Woher soll das rühren? Die Luftverschmutzung kommt für mich als einziger Verursacher in Betracht."

Kein Ruhmesblatt für die Politik sei Verkehrsminister Andreas Scheuer. Alhanna könne nicht verstehen, wie der CSU-Mann sofort auf den Einwand von knapp 100 Personen reagiert hat - und im gleichen Atemzug 3800 andere Experten ignoriert. "Für mich ist offensichtlich, dass der Minister aufgrund der öffentlichen Debatte immer den Grenzwert angezweifelt hat - und als das Papier auftauchte, ist er darauf angesprungen."

Ob der Kulmbacher Lungenarzt vorher von dem Köhler-Papier Kenntnis hatte? "Nein. Das Schreiben ist weder an mich noch befreundete Kollegen gegangen. Gut, ich bin nur ein unbedeutender Pneumologe. Aber ganz ehrlich: Keiner von uns weiß, auf welchem Weg die Liste verbreitet worden ist."

Letztlich sei es auch egal, sagt Alhanna. "Sowohl die DPG als auch unser Berufsverband berufen sich auf die Leitlinien." Dabei dürfe es gerne in Deutschland und der EU eine neuerliche Diskussion über die Anpassung des Grenzwertes geben - aber nach unten. Zum Vergleich: Die Schweiz hat als Nicht-EU-Mitglied die Schwelle auf 20 festgelegt. "Das wäre auch das, was ich befürworte", sagt Alhanna. Und diesmal nickt er zustimmend. "Das würde allen Menschen helfen, gesunden und kranken."

Auch ihm als Betroffenen: Der Syrer ist seit vielen Jahren Asthmatiker und könnte buchstäblich wieder aufatmen. Er wisse aus eigener leidvoller Erfahrung, wie es sich anfühlt, verschmutzte Luft inhalieren zu müssen. "Ich war in München zur Fortbildung. Kaum war ich ausgestiegen, bekam ich schon Atembeschwerden und Beklemmungsgefühle. Das bilde ich mir auch nicht ein, das war real. Ich habe mein Notfallspray mehrfach anwenden müssen und war froh, als ich wieder draußen war. Das ist kein Zufall."

Gefahr durch Feuerwerk

Bayerns Landeshauptstadt war auch Bestandteil des Forschungstags 2017 am Klinikum zum Thema Luftverschmutzung - und zwar wegen der Feinstaubmessungen in der Silvesternacht. "Ab Mitternacht bis um 13 Uhr am Neujahrstag lag Münchens Belastung bei über 1300 Mikrogramm - gewöhnlich sind es im Schnitt 55."

Aufgrund der erschreckenden Daten hatte der Arzt Abstand davon genommen, ein eigenes Feuerwerk daheim steigen zu lassen. "Meine vier Kinder haben es verstanden. Aber es spielt noch mehr mit hinein, etwa sich Gedanken zu machen beim Heizen mit Holz. Jeder sollte zu einer Verringerung der Emissionen beitragen, und gerade wir Mediziner sollten mit gutem Beispiel vorangehen." Deswegen steht auch sein BMW, ein Euro-4-Diesel, auf dem Prüfstand. Er warte auf eine Entscheidung, ob der Hersteller von sich aus eine Nachrüstung vornimmt - oder nicht.

Übrigens: Das Geld, das er beim Feuerwerk einsparte, hat er gespendet: 180 Euro gingen für Medikamente nach Syrien.

Stickstoffdioxid: keine Überschreitungen in Kulmbach

Im Berufsverkehr morgens schnellen die Werte für Stickstoffdioxid (NO 2 ) nach oben. An der Messstelle des Landesamts für Umwelt in der Konrad-Adenauer-Straße steigt ab 5 Uhr die Konzentration auf 45 und später auf 61 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft... Moment: Liegt der Grenzwert nicht bei jenen ominösen 40? Zur Erklärung: Es handelt sich um Mittelwerte aus den vergangenen 48 Stunden - und hier gilt als magische Grenze die 200.

Entwarnung also für Kulmbach. Die gibt auch der Pressesprecher des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU), Claus Hensold: "In Kulmbach messen wir den städtischen Hintergrund abseits der viel befahrenen Straßen. Bei Stickstoffdioxid haben wir keine Überschreitungen. Selbst am Hohenzollernring in Bayreuth, wo eine Station verkehrsnah misst, wird der Grenzwert deutlich unterschritten."

Vor Jahren gab es deutlich höhere Messwerte beim Feinstaub. Hensold: "Hier hat sich viel durch die Modernisierung der Fahrzeugflotten getan. Seit 2012 werden an allen bayerischen Messstationen - selbst der viel zitierten Landshuter Allee in München - die Feinstaub-Grenzwerte eingehalten."

Anders sieht es beim Stickstoffdioxid aus. "Hier registrieren Stationen an verkehrsbelasteten Straßen in Augsburg, München und Nürnberg Überschreitungen des Jahres-Grenzwerts von 40 Mikrogramm/Kubikmeter Luft." Was zu Fahrverboten führen könnte.

Die Kriterien für die Aufstellung der Stationen und die Messungen legt die Bundesimmissionsschutzverordnung fest. Die Standortsuche erfolgt in Abstimmung mit den Kommunen.