Als ob es die Justiz nicht schon schwer genug hätte. Aber damit der Laden auch in Zeiten der Pandemie läuft, muss man einige Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen.

Homeprocessing - nach dem Vorbild der Schulen - schließt die Strafprozessordnung aus. Vor deutschen Gerichten herrscht Präsenzpflicht. Also wird gelüftet, was das Zeug hält. Und die Organe der Rechtspflege müssen eisenbereift sein. Die lange Unterhose unter der schwarzen Robe dürfte im Winter zur Dienstkleidung gehören.

Luftzug im Kreuz

Auch am Kulmbacher Amtsgericht nimmt man die Coronaregeln sehr ernst. Masken, Abstand und Plexiglasabtrennungen sind obligatorisch. Außerdem blieb ein großes Fenster im Sitzungssaal geöffnet, als der Fall einer Frau aus dem Landkreis erörtert wurde. Heute durchgehend gelüftet. Eine Radikalkur bei gefühlten fünf Grad. Besonders Rechtsanwalt Christoph Müller durfte nicht empfindlich sein. Der Verteidiger hatte ständig den kalten Luftzug im Kreuz.

Bei Kühlschranktemperaturen konnte man nur hoffen, dass sich das Virus verflüchtigt hat, und musste sich wundern, was alles auf dem Tisch von bayerischen Strafrichtern landet. Hier ging es um einen Familienstreit im Allgemeinen und um Körperverletzung und Beleidigung im Besonderen. Dabei scheinen sich die Ermittlungsbehörden allerdings nicht die allergrößte Mühe gegeben zu haben.

Strafbefehl über 750 Euro

Die Angeklagte soll ihren Schwager geohrfeigt und beleidigt haben. Angeblich sind die Worte "fauler Stinker" und "Drecksack" gefallen. Heutzutage fast schon normaler Sprachgebrauch, möchte man meinen. Jedenfalls hatte die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl erwirkt. Doch die Frau hatte keine Lust, 750 Euro zu bezahlen. Für nichts, wie sie meinte und legte Einspruch gegen den Strafbefehl ein. Deshalb kam es zur Verhandlung.

Für die 53-Jährige war die Streiterei mit dem Schwager an jenem Tag nichts Außergewöhnliches. So gehe es seit Jahren. Sie sei von ihm sogar schon mal "mit der Kettensäge bedroht" worden, sagte sie. Der Schwager habe an dem bewussten Tag seinen Vater besucht, ihren Schwiegervater.

Als sie den Schwager auf das Betretungsverbot hinwies und aufforderte, das Haus zu verlassen, hätten sie beide Männer "rauf und runter beschimpft worden". Der ungebetene Gast sei schließlich aus der Küche rausgegangen, so die Angeklagte. Zwischenzeitlich sei auch ihr Mann eingetroffen.

"Mir brennt der Backen"

Wie sich herausstellte, war der Schwager aber nicht verschwunden, sondern hielt sich noch im Flur auf. Dort traf die Frau erneut auf den 55-Jährigen. Für das, was sich dann abspielte, gab es keinen Zeugen. Die Angeklagte sagte, sie sei in die Küche geflüchtet, "weil er mir mit dem Besen aana draufhaua wollt".

Wenig später tauchte auch der Schwager wieder in der Küche auf und soll gerufen haben: "Mir brennt der Backen, und a Schelln hat sie mir auch gegeben."

"Und", fragte Richterin Sieglinde Tettmann, "haben Sie ihm a Schelln gegeben?" Nein, betonte die Frau. Ihr Mann, der als Zeuge aussagte, hatte ebenfalls nichts davon bemerkt, dass sein "Herr Bruder" im Gesicht verletzt gewesen wäre. Trotzdem habe dieser ("ein Mensch, der nur lügt") die Polizei geholt.

Was sagt der Schwager?

Bis dahin musste, pardon: durfte der Schwager noch im beheizten Gerichtsflur sitzen. Bevor er in den gut durchgekühlten Sitzungssaal gerufen wurde und die Hitzköpfe aufeinandertreffen würden, belehrte das Gericht vorsorglich die Angeklagte und ihren Mann, dass sie während der Befragung des Zeugen ruhig sein müssten. Und wenn es ihnen noch so sehr gegen den Strich gehe.

Dieses Hinweises hätte es aber gar nicht bedurft. Denn der Schwager sagte: gar nichts. Wie bitte? Erst zeigt er seine Schwägerin an, dann beruft er sich aufs Zeugnisverweigerungsrecht. Darüber, was er sich dabei dachte, erfuhr man nichts. Wollte er den Familienstreit nicht weiter anheizen? Oder wollte er sich selbst vor einer Falschaussage bewahren?

Richterin und Staatsanwalt schauten sich an. Sie behielten kühlen Kopf und wussten, dass die Beweislage mehr als dünn war. Staatsanwalt Stefan Hoffmann stimmte schließlich dem Vorschlag des Gerichts zu, das Verfahren einzustellen. Sämtliche Verfahrenskosten und die Auslagen der Angeklagten trägt die Staatskasse. Eine Entscheidung, die nahe dran am Freispruch ist. "Ich wünsche allen Beteiligten, dass ein wenig Frieden einkehrt", sagte die Richterin. "Die Streiterei macht Ihnen allen nur das Leben schwer."