Von Helmut Geiger

Die zwei Handvoll Kulmbacher Exportbrauereien steuerten ihrem Höhepunkt entgegen. Genau im Jahre 1900 sollte er erreicht sein. Einschließlich der Mönchshof in der damals noch selbstständigen Gemeinde Blaich erreichte man knapp die Grenze von 800 000 Hektolitern. Export-"Hektos" wohlgemerkt, also solche, die über die bayerischen Grenzen hinaus an den Mann gebracht wurden. Nie wieder sollten solche Zahlen erreicht werden.

Eine wichtige Station auf dem Weg dahin war die bayerische Landesausstellung 1896 in Nürnberg. Bei diesem Ereignis musste man dabei sein. Nur die drei großen bayerischen Bierstädte München, Kulmbach und Nürnberg hatten das Privileg, den Durst der vielen Messebesucher in jeweils eigenen Bierhallen zu löschen.


Ein Schaufenster für die Stadt

Für Kulmbach - die Stadt zählte damals 8000 Einwohner, davon fanden 1000 in den Brauereien Lohn und Brot - war es eine exzellente Möglichkeit, sich den vielen Besuchern aus dem gesamten Reichsgebiet und darüber hinaus zu präsentieren. Die sechs größten Kulmbacher Brauereien teilten sich die Halle und brachten ihr Bier abwechselnd zum Ausschank: die Erste Culmbacher Aktien-Exportbier-Brauerei, die Reichelbräu, die Petz-Bräu, die Sandlerbräu, die Rizzibräu und die Mönchshof-Brauerei.

Die Ausstellung wurde am 14. Mai durch Prinzregent Luitpold feierlich eröffnet. Im "Führer durch die Landesausstellung" wird die Kulmbacher Bierhalle wie folgt beschrieben: "Ernst und gemessen, entsprechend dem gehaltvollen Stoff, der dort abwechslungsweise zum Ausschank kommt, schaut uns der weite, massige, vom Architekten Fritz Küfner in Anlehnung an Kulmbacher Bauten entworfene Kulmbacher Biertempel entgegen." Es sei "ein feuchtfröhliches Fleckchen Erde geschaffen" worden, "wie es in seiner Gesamtwirkung malerischer kaum gedacht werden kann".


Erste Kühlanlage im Einsatz

Der beherrschende Bau der Kulmbacher war dem Christiansportal auf der Plassenburg nachempfunden; der Haupteingang spiegelte die Rokokofassade des Kulmbacher Rathauses wider. Im Inneren waren unter anderem die Fabrikmarken und Wahrzeichen der sechs Brauereien angebracht, zum anderen zehn Markgrafenbilder als Leihgabe aus dem Rathaus. In den Hallen und Sälen gab es 1200 Sitzplätze, der schattige Wirtsgarten bot gar 2000 Besuchern Platz. Erstmals musste der wertvolle Stoff in den dicken Holzfässern nicht mit schweren Eisbrocken auf Trinktemperatur gehalten werden. Durch die Maschinenbau-Aktiengesellschaft Nürnberg war eine moderne Kühlanlage, Typ Linde, installiert worden.

Und es gab noch ein Novum: Waren bis jetzt nur braune bis tiefdunkle Biere verkauft worden, so nutzten die Brauer die neue Technik wie Filtration und schonende Röstmethode beim Mälzen und brachten erstmals lichte, also helle Biere zum Ausschank. Die EKU brachte am Eröffnungstag ihr helles Salon-Tafelbier an den Hahn. Die Reichel folgte einige Tage später ebenfalls mit ihrem neuen Hellen, und die Mönchshof ließ ihr Maingold in die Gläser füllen.


"Arbeiterfreundlicher Direktor"

Durch die Gründung von Arbeitervereinen und beginnenden gewerkschaftlichen Aktivitäten bahnten sich auch in Kulmbach erhebliche Spannungen zwischen Brauherren und Belegschaften an. Die Brauerei Carl Petz war bemüht zu schlichten. Im Kulmbacher Tagblatt vom 20. Juni hieß es: "Die hochverehrliche, schon längst als arbeiterfreundlich bekannte Direktion der Kulmbacher Exportbierbrauerei vorm. Carl Petz hat aus eigenen Antriebe in hochherziger Weise angeordnet, daß sämmtliche Arbeiter des Etablissements die Nürnberger Landesausstellung auf Kosten der Brauerei besuchen dürfen... Die Arbeiter erhalten freie Fahrt, freien Eintritt in die Ausstellung, sowie entsprechendes Zehrgeld."

Wohl oder übel mussten sich nun auch die anderen Brauereien anschließen. Nur die Sandlerbräu war zögerlich. Natürlich wollte auch die Kulmbacher Bevölkerung an dem Spektakel teilhaben. Mehrmals stellte die Reichsbahn Sonderwagen zur Verfügung - Abfahrt 4.30 Uhr.

Am 20. August erfolgte die Verteilung der Preise. Vom Staatsminister des Inneren, Freiherrn von Feilitzsch, erhielten alle sechs Kulmbacher Brauereien jeweils eine Goldmedaille. Aber auch die drei teilnehmenden Mälzereien J. G. Meußdoerffers Söhne, Bayerische Malzfabrik Karl Veitl und J. Ruckdeschel, zusammengefasst in einer Kollektivausstellung, erhielten das begehrte Edelmetall. Die ebenfalls vertretene Mälzerei und Kunstmühle Gebr. Limmer blieb außer Wertung, da ein Teilhaber Mitglied des Preisgerichts war.


Stolze 2728 Hektoliter

Im Durchschnitt rannen rund 18 Hektoliter Kulmbacher Bier pro Tag durch die durstigen Kehlen. Ausgerechnet an einem Montag, am sogenannten Nürnberger Tag, waren es 78 Hektoliter. Insgesamt zapften die Kulmbacher während der fünfmonatigen Ausstellung stolze 2728 Hektoliter. Die Ausstellungsleitung konnte dafür 40.000 Mark Ausstellungsbiersteuer verbuchen.

Auf der Schlussfeier am 15. Oktober waren die repräsentativen Hallen noch mal von einer dicht gedrängten Menge gefüllt. Allgemein wurde bedauert, dass der Kulmbacher Biertempel seinen Zweck erfüllt haben sollte.


Überbleibsel wurden versteigert

Der Abbruch erfolgte bis zum 1. März 1897. Am 14. Mai wurden vor dem großen Lagerhaus der Firma Hattingen & Werth in der Kronacher Straße alle verwertbaren Utensilien wie Fenster mit Bleiverglasung, Holzvertäfelungen, Sitzbänke, Zimmertüren mit verzinnten Beschlägen und anderes öffentlich versteigert.