Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet Angela Schirmer im Handel. Eine Zeit, in der sich viel gewandelt hat. "Ich habe Industriekaufmann gelernt. Auf den ,Mann' lege ich großen Wert, denn das hieß damals so", sagt die 59-Jährige, die 1983 ihre Lehre beim damaligen "Meisterkauf" begonnen hat. Aus dem "Meister" wurde später "Real" - ab diesem Jahr ist "Kaufland" ihr neuer Arbeitgeber.

Ein Spielball

Am vergangenen Samstag wurde die "Real"-Geschichte in Kulmbach beendet. Seitdem ist der Umbau zur "Kaufland"-Filiale, die am morgigen Mittwoch eröffnet, in vollem Gang. Es ist ein Neustart, der bei den rund 80 Mitarbeitern Hoffnungen weckt, nach nervenaufreibenden Monaten, in denen sie - nach dem Verkauf der Real-Kette durch Metro - um ihre Jobs gefürchtet hatten. Angela Schirmer und ihre Kollegen haben sich wie ein Spielball in den Verhandlungen der Konzerne gefühlt. Lange stand ihre Zukunft auf der Kippe. Erst im Dezember hat das Bundeskartellamt den Erwerb von bis zu 92 Real-Standorten durch die zur Schwarz-Gruppe gehörende "Kaufland"-Kette genehmigt.

Der neue Arbeitgeber fährt ein neues Konzept. "Es ist klar, dass so mancher vor den Änderungen etwas Bammel hat", sagt Angela Schirmer, die wie alle ihre Kollegen froh ist, dass "Kaufland" den Beschäftigten eine Übernahmegarantie gegeben hat. Froh ist sie vor allem auch darüber, dass die Zeit der Ungewissheit ("Bei ,Real' war es zuletzt nur noch ein Durchhalten") eine Ende hat. Mit "Kaufland" böten sich Perspektiven. Auch in finanzieller Hinsicht. So mancher könne mit 200 bis 300 Euro mehr Lohn rechnen, weil "Kaufland" nicht nach den spärlichen Gehaltsgruppen der DHV-Berufsgewerkschaft, sondern nach Verdi-Tariflohn bezahle. Gerade diejenigen, die nicht so lange im Betrieb sind, würden besser fahren. "Das ist für all die erfreulich, die mit dem bisherigen Gehalt kaum ihre Familie ernähren konnten."

Lob von der Gewerkschaft

Dass die Belegschaft mit dem neuen Arbeitgeber gut fährt, bestätigt Verdi-Gewerkschaftssekretär Paul Lehmann, der einst selbst bei "Kaufland" gearbeitet hat. "Dort zahlt man sogar leicht über dem Tarif", weiß Lehmann, der darauf vertraut, dass gravierende Lohnunterschiede, die es zwischen langjährigen und neuen Mitarbeiter bei "Real" gegeben habe, der Vergangenheit angehören: "Da konnte es sein, dass die Frau an Kasse 9 viel, viel weniger verdient hat als die an Kasse 10."

"Kaufland" fährt bei der Bezahlung, aber auch in Sachen Marktgestaltung eine völlig andere Schiene: Der Getränkemarkt, der bis dato in einem eigenen Gebäude war, wird jetzt im Haupthaus untergebracht. Die Metzgerei gibt es nicht mehr - die Wurst liegt verpackt in der Frischetheke. Und der Non-Food-Bereich, der mit Elektrogeräten, Sportartikeln und Kleidung bei "Real" breit aufgestellt war, wird wohl etwas abgespeckt.

Neue Einsatzfelder

Der Wandel hat auch Folgen für die Mitarbeiter. "Nicht jeder kommt dort zum Einsatz, wo er bislang tätig war. Viele haben ein neues Betätigungsfeld und müssen schauen, ob es ihnen taugt", sagt Angela Schirmer, die nicht nur Betriebsratsvorsitzende, sondern auch Bundesvorsitzende des Fachbereichs Handel der Gewerkschaft Verdi ist. Auch für sie selbst wird es "eine gewaltige Umstellung". Die 59-Jährige, die bisher im Büro in der Telefonzen­trale eingesetzt war, wird künftig am Infostand im Eingangsbereich anzutreffen sein. "Ich werde da den ganzen Tag über stehen. Das ist ungewohnt", sagt Schirmer, die dort nicht nur telefonieren, sondern auch kassieren und sich um den Umtausch kümmern wird.

Rosige Zukunft?

"Kaufland" nehme die Mitarbeiter an die Hand. "Wir werden ordentlich geschult", teilt die Betriebsratssprecherin mit, die es als erfreulich bezeichnet, dass beim neuen Arbeitgeber bis jetzt nicht über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg entschieden worden sei, die Betriebsräte in die Entscheidungen zumindest eingebunden waren. Schirmer hofft, dass das so bleibt und das frühere "Real"-Team bei "Kaufland" eine rosige Zukunft hat. Sie ist zuversichtlich, doch ganz sicher könne man sich im Handel nie sein. Das Geschäft sei schnelllebig. Was heute Bestand habe, könne morgen schon der Vergangenheit angehören.

H

Hierzu auch ein Kommentar von Alexander Hartmann

Gewinner und Verlierer

"Kaufland zieht in den "Real"-Markt. Für die Beschäftigten, hinter denen Monate des Zitterns und Bangens liegen, ist das ein Neuanfang. Bei den einstigen Mitarbeitern der "Kaufland"-Filiale im "Fritz" werden allerdings Erinnerungen an einen Kampf wach, der 2019 mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze ein schmerzliches Ende gefunden hat. Dass "Kaufland" nur eineinhalb Jahre später wenige Hundert Meter weiter eine neue Filiale eröffnet, ist für sie ein bitterer Nachschlag.

Der Umzug hat beides gebracht: Gewinner und Verlierer. Dass Mandy Mücke als eine Verliererin den "Real"-Mitarbeitern, die nun bei "Kaufland" angestellt sind, ohne Häme zum neuen, tarifgebundenen Arbeitgeber gratuliert, macht diesen Hoffnung. Und der verunsicherten Belegschaft ist auch zu wünschen, dass sich "Kaufland" wirklich als sozialer Arbeitgeber erweist.

Mit einem blauen Auge davongekommen ist beim Standort-wechsel-dich-Spiel letztlich die Einkaufsstadt Kulmbach, denn die Befürchtungen, das Lebensmittelangebot würde weiter ausgedünnt, haben sich nicht bewahrheitet. Der "Real"-Markt bleibt uns ja unter neuem Namen erhalten, und mit der Edeka-Filiale hat das Einkaufszentrum "Fritz" sogar ein Zugpferd gewonnen.